«Die Hoffnung ist klein, die Mädchen zu finden»

Boko Haram will 230 ­entführte Schülerinnen verkaufen. Afrika-Expertin Jennifer Giroux über den Kampf gegen die ­Islamisten.

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Die Eltern der Mädchen werfen der nigerianischen Regierung vor, nicht genug zu tun. Haben sie recht?
Ja. Erstens hält die Gewalt im Norden des Landes an trotz der Millionen, die die Regierung zur Bekämpfung des Aufstands ausgibt. Die Entführung hat die Nigerianer nun aufgeschreckt. Viele realisieren, dass die Regierung mehr machen muss. Zweitens waren die Regierungsinformationen zur Entführung ­widersprüchlich und undurchsichtig.

Weshalb?
In Nigeria herrscht ein hohes Mass an Geheimniskrämerei. Das ist auch auf die Geschichte der Militärdiktatur zurückzuführen. Als Folge davon ermitteln die Sicherheitskräfte wie etwa bei dieser Entführung kaum je gründlich. Und sie werden auch kaum je zur Rechenschaft gezogen.

Der Terror von Boko Haram hat ­Tausende Tote gefordert. Was macht die Regierung falsch?
Sie sieht ein Staatssicherheitsproblem statt einer Gefährdung der Menschen, die dort leben. Entsprechend hat sie Millionen in die Repression investiert statt in Massnahmen, um die Sorgen der Einwohner zu lindern. Dabei spielt Unterentwicklung eine grosse Rolle.

Hat die Regierung auch Erfolge vorzuweisen?
Im letzten Jahr hat Präsident Goodluck Jonathan quasi eingestanden, dass er die Kontrolle über die Situation verloren hat, indem er den Ausnahmezustand über die drei nordöstlichen Provinzen verhängte. Dennoch agieren die Sicherheitskräfte erstaunlich ineffizient. Ein möglicher Lichtblick ist die Ankündigung von Sicherheitsberater Mohammed Sambo Dasuki. Man werde sich der Probleme annehmen, die dem Terrorismus zugrunde liegen, sagte er.

Was heisst das?
Das wird sich erst zeigen. 2015 finden Präsidentschaftswahlen statt. Das bedeutet steigende Gewalt und eine Regierung, die mit Massnahmen reagiert, die vielleicht die Blutung eindämmen. Aber die Wunde werden sie nicht heilen.

Was versucht Boko Haram mit der Entführung zu erreichen?
Boko Haram will im säkularen Nigeria einen islamischen Staat errichten, was die Einführung der Scharia und das Verbot westlicher Erziehung beinhaltet. Mit dem Kidnapping zeigen sie diese Ideologie und nutzen es gleichzeitig als Plattform für weitere Unruhe in Nigeria und mediale Aufmerksamkeit. Sektenchef Abubakar Shekau hat kürzlich gesagt, es gebe einen Markt, um Menschen zu verkaufen, und Frauen seien Sklaven, was auf eine wirtschaftliche Dimension dieser Attacke hindeutet. Ich glaube aber nicht, dass er mit solchen Aussagen und Aktionen mehr Sympathien in der Bevölkerung gewinnt.

Wie will Shekau seine Vorstellungen umsetzen?
Boko Haram und ihre Untergruppen nehmen seit einiger Zeit Kinder ins ­Visier. Sie zielen auf säkulare, aber auch nicht säkulare Schulen, was ein Licht auf den Kern ihrer Ideologie wirft.

Die Bevölkerung wehrt sich nicht?
In den letzten Jahren haben sich Wächtergruppen gebildet wie etwa die zivile JTF. Sie bekämpfen die Boko Haram. Das ist ein Anzeichen für schwindenden Rückhalt in der Bevölkerung.

Die USA haben Hilfe angekündigt. Wie stark erhöht das die Chance, dass die Mädchen befreit werden?
Leider ist die Hoffnung ziemlich klein, die Mädchen zu finden, die USA beteiligen sich ja noch nicht an der Suche. Soviel ich weiss, wird ein US-Team nächste Woche für Konsultationen nach Nigeria reisen. Kurzfristig könnten externe Akteure wie die USA oder Frankreich aber für mehr Sicherheit an den Grenzen sorgen, um zu verhindern, dass die Mädchen ins Ausland verschleppt werden.

Und langfristig?
Letztlich sind die Gewaltprobleme Nigerias auf schlechte Regierungsführung, Korruption, Straflosigkeit und Armut zurückzuführen. Trotz anhaltendem Wirtschaftswachstum nimmt die Armut zu. Auch wenn der Konflikt in den nordöstlichen Provinzen eine religiöse Komponente hat, ist er von sozioökonomischer und politischer Unzufriedenheit getrieben. Hier könnten weitere Staaten gemeinsam die Regierung ermuntern, mit den lokalen Eliten im Nordosten an einer Lösung für das ­Problem Boka Haram zu arbeiten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2014, 06:59 Uhr

Jennifer Giroux
ist Afrika-Expertin am Center for Security Studies der ETH Zürich.

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