Interview

«Die Politik muss sich militärische Optionen offenhalten»

Sicherheitsexperte Johannes Varwick hält den Abschuss einer türkischen F-4 durch die Syrer für ein Versehen. Die Nato sieht er nicht auf eine Intervention zusteuern.

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Herr Varwick, ein türkischer Kampfpilot dringt versehentlich in den syrischen Luftraum ein. Dort herrscht Krieg. Die Türken bezeichnen dies als Routine. Ist das wirklich vorstellbar?
Das würde ich von den technischen Rahmenbedingungen her tatsächlich als Routine bezeichnen. Die Jets sind mit sehr hohen Geschwindigkeiten unterwegs, da handelt es sich dann um Sekunden. In dieser Region, die sich in einer derart heiklen Situation befindet, dürften solche Dinge jedoch nicht passieren.

Es gibt viele Unstimmigkeiten. Die Türkei macht etwa geltend, der Jet sei ausserhalb der syrischen 12-Meilen-Zone in internationalem Luftraum abgeschossen worden. Nach dem Wrack wird nun aber in syrischen Hoheitsgewässern gesucht. Könnte es sein, dass die Türkei nicht alle Karten auf den Tisch gelegt hat?
Uns fehlen dazu einfach zu viele Informationen. Es gibt drei Möglichkeiten: Entweder, es ist eine Verkettung unglücklicher Ereignisse. Oder es steckt eine politische Strategie seitens der Syrer oder der Türken dahinter. Letztere Option halte ich aber für unwahrscheinlich.

Das Flugzeug war nach türkischer Darstellung klar markiert und nicht bewaffnet. Zudem hätten die Syrer vor dem Abschuss nicht gewarnt. War der Abschuss Absicht?
Unter allen Vorbehalten, die ich als Aussenstehender anbringen muss: Das halte ich für extrem unwahrscheinlich. Das wäre aus syrischer Sicht absoluter Wahnsinn. Die Beziehungen zur Türkei haben sich seit Beginn des Aufstandes ohnehin schon verschlechtert. Einen zusätzlichen Feind braucht Damaskus nicht. Ich halte den Abschuss für ein Versehen.

Lässt dies Rückschlüsse auf die Zustände in der syrischen Armee zu?
Es zeigt, dass die Nervosität bei einzelnen Militärs enorm hoch ist. Ich kann mir vorstellen, dass ein Zusammenhang besteht mit dem syrischen Kampfpiloten, der letzte Woche mit seinem Jet desertiert ist. Das war ein schwerwiegender Vorfall, und die Anhaltspunkte mehren sich, dass die Armee den Kurs des Regimes immer weniger mitträgt. Das wäre dann ein positives Zeichen: das System zerbricht von innen her.

Die Türkei bringt die Syrien-Krise nun erstmals offiziell auf den Tisch der Nato. Was erwarten Sie von dem morgigen Treffen?
Der Gang zur Nato ist erst einmal ein gutes Zeichen. Die Türken haben ein Problem und sie reagieren bewusst nicht allein. Sie suchen den Kontakt zu ihren Alliierten. Diese müssen jetzt zeigen, dass sie die Lage der Türken ernst nehmen. Sie dürfen sie nicht im Regen stehen lassen, sonst bricht die Nato auseinander. Denn eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist ja die Verhinderung von Alleingängen. Der Vorfall führt den westlichen Staaten wieder einmal vor Augen, dass mindestens ein Bündnispartner ein Pulverfass vor der Haustür hat. Und jetzt müssen sie sich intensiver überlegen, welche Rolle sie als Nato in dem Konflikt spielen wollen.

Und welche Rolle könnte das sein?
Keine grosse. Der Krieg in Libyen hat gezeigt, dass innerhalb der Nato kein Konsens über solche Angelegenheiten herrscht. Wenn es zu einem Eingreifen kommt, dann wird eine Koalition der Willigen ans Werk gehen.

Für die Türkei ist eine Intervention in Syrien schon seit längerem ein Thema – Stichwort Pufferzonen entlang der Grenze. Bringt uns der Abschuss einem militärischen Eingreifen der Nato näher?
Ich bin sicher, dass solche Pläne in Arbeit sind. Das ist schliesslich die Aufgabe von Generalstäben. Die Politik muss sich auch militärische Optionen offenhalten. Die Frage ist, wie konkret die Pläne schon sind. Was Syrien von Libyen unterscheidet, ist der hartnäckige russische Widerstand. Da sind die Bremsklötze viel grösser, der Preis für den Westen ungleich höher.

Wann ist die Schmerzgrenze überschritten?
Was den türkischen Einfluss in der Nato angeht: Wenn sich solche Vorfälle wiederholen sollten oder falls die Flüchtlingsströme dramatisch ansteigen – dann sehe ich die Möglichkeit, dass die Nato eingreift.

Vorerst aber ergibt sich aus dem Abschuss keine Richtungsänderung?
Das kann ich mir kaum vorstellen. Das war kein Pearl Harbour. Es handelt sich um einen komplizierten Konflikt, der durch den Vorfall noch etwas komplizierter geworden ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.06.2012, 12:39 Uhr

Johannes Varwick ist Professor für Politische Wissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind internationale Organisationen, insbesondere die Nato. www.johannes-varwick.de

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