«Die Spitäler werden ständig beschossen»

Der französische Notfallarzt Adrien Marteau erzählt von seiner Arbeit im Nordosten Syriens. Er berichtet von verletzten Kindern, von Schüssen auf Unbewaffnete und von Menschen, die den Mut nicht verloren haben.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Marteau, Sie kommen soeben aus Syrien zurück, wo Sie als Notfallarzt im Einsatz waren. Wie lange waren Sie dort, und wo haben Sie gearbeitet?
Ich war drei Monate lang in einem Spital, das Médecins sans Frontières errichtet hat, im Nordosten des Landes, unweit der türkischen Grenze. Wo genau, darf ich aus Sicherheitsgründen nicht sagen. Wir arbeiten ohne offizielle Genehmigung in Syrien.

Der Krieg dauert bald zwei Jahre, er hat geschätzte 60'000 Tote gefordert und eine halbe Million Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Was haben Sie vor Ort erlebt?
Wir haben viele Kriegsverletzte behandelt. Kämpfer der Freien Syrischen Armee, aber auch viele Zivilisten, die von Bomben und Scharfschützen verletzt worden waren. Jeden Tag. Für die Verwundeten ist es lebensgefährlich, ärztliche Hilfe zu suchen, denn die Spitäler werden ständig beschossen.

Von wem? Den Rebellen oder den Regierungstruppen?
Die Regierungstruppen schiessen auf die Spitäler in den von Rebellen kontrollierten Gebieten. Ärzte werden zu Zielscheiben, weil es offenbar als Akt der Rebellion angesehen wird, wenn man verwundete Regierungsgegner pflegt. Die meisten Opfer sind Zivilisten.

Frauen? Kinder?
Es hat viele Frauen und Kinder unter den Verletzten. Sie waren in einer Bäckerei, in einer Moschee, in einer Schule, wo die Menschen Schutz suchten. Die syrische Armee schiesst auf alles, was sich bewegt, überall.

Sie sprechen von Kriegsverbrechen.
Das kann ich nicht beurteilen. Ich bin Arzt. Ich weiss nur, dass ich viele zivile Opfer gesehen habe.

Wie gefährlich ist Ihre Arbeit vor Ort?
Unser Spital befindet sich in einem relativ sicheren Gebiet. Anders sieht es bei den Syrern aus, die medizinische Aussenposten in Kellern in den umkämpften Gebieten unterhalten. Die Verletzten erhalten bei ihnen Erste Hilfe. Die Schwerverletzten werden in Spitäler wie das unsere gebracht. Die Syrer in den Aussenposten werden täglich beschossen. Es hat keinen Strom, sie müssen mit Generatoren arbeiten, brauchen dafür viel Treibstoff, der schwer erhältlich ist. Sie arbeiten unter sehr schwierigen Bedingungen.

Dazu kam noch die Kälte, es hat geschneit. Wie leben die Menschen unter diesen Umständen?
Etliche wollten nicht fliehen und ihr Zuhause verlassen. Sie müssen täglich aufpassen, nicht unter Beschuss zu kommen. Und ja, das Wetter hat ihre Notlage verschärft. Es ist sehr kalt, ihre Heizungen funktionieren nicht. Sie versuchen, mit Treibstoff zu heizen. Die zusammengebastelten Heizungen sind sehr gefährlich, immer wieder verbrennen sich die Menschen. Es gibt zu wenig zu essen, es fehlt an allem. Und die internationale Hilfe ist nicht vorhanden. Die einzige Solidarität, die spielt, ist eine lokale.

Hat das nicht auch damit zu tun, dass man kaum zu den Not leidenden Menschen durchkommt?
Ja sicher. Man kriegt keine Genehmigung, und es ist gefährlich. Als internationale NGO ist es sehr schwer, in Syrien zu helfen.

Wie zuversichtlich sind die Menschen noch?
Die Menschen hoffen noch. Sie geben sich kämpferisch, sie kämpfen, um jeden Tag zu überleben. Dies inmitten von grossem Elend. Sie wissen, dass es noch viele Tote geben wird, aber sie zeigen viel Mut.

Was war das Eindrücklichste, das Sie in den drei Monaten vor Ort erlebt haben?
Es gab viele eindrückliche Momente. Ein sechsjähriger Junge, der an den Beinen verletzt war, wurde zu uns ins Spital gebracht. Seine Eltern und Geschwister waren tot. Die ganze Familie war ausgelöscht. Wir sahen tote Kinder, Kinder mit schweren Verbrennungen. Es wurden viele Kinder ins Spital gebracht, denen wir nicht mehr helfen konnten. Was mich sehr berührt hat, sind die Menschen, die in den medizinischen Aussenposten unbewaffnet um das Leben ihrer Mitmenschen kämpfen. Es sind Zahnärzte, Ingenieure, Arbeiter und Studenten, die unter Einsatz ihres Lebens zusammenstehen, um anderen zu helfen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.01.2013, 12:01 Uhr)

Artikel zum Thema

30 Tote bei Attentat in Syrien

In der syrischen Stadt Salmije explodierte ein mit Sprengstoff beladenes Auto. Dutzende Menschen wurden getötet und verletzt. Derweil verurteilt die UNO Waffenlieferungen an das syrische Regime und die Opposition. Mehr...

Blutbad bei Doppelexplosion an syrischer Universität

In Syrien bezichtigen sich Rebellen und Regime gegenseitig eines blutigen Angriffs. An der Universität von Aleppo gab es zwei verheerende Explosionen. Aktivisten berichten von über 80 Toten. Mehr...

Eine Million Syrer ohne Lebensmittelhilfe

Zu gefährlich: Die UNO kann hunderttausende von notleidenden Menschen in Syrien nicht mit Nahrung versorgen. Auch zu den Chemiewaffen des Regimes gibt es neue Zahlen. Mehr...

Bildstrecke

Chronologie der Aufstände in Syrien

Chronologie der Aufstände in Syrien Die Ereignisse in Syrien seit dem Beginn der Proteste im März 2011.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Blogs

Nachspielzeit «Nachspielzeit»: Das Flüssige muss ins Hohle (15)

Die Welt in Bildern

Nachtschicht: US-Soldaten bereiten sich in der Provinz Nangarhar, Afghanistan, auf einen Spezialeinsatz vor. (19. Dezember 2014)
(Bild: Lucas Jackson) Mehr...