Ein Generator zur Hochzeit

Ägypten erlebt den schlimmsten Stromausfall seit Jahren. Die Wut der Bevölkerung bringt die Regierung in Bedrängnis.

Die Wut der Bevölkerung bringt die Regierung in Bedrängnis: Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi im September 2014. Foto: Reuters

Die Wut der Bevölkerung bringt die Regierung in Bedrängnis: Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi im September 2014. Foto: Reuters

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Shobra al-Khema ist ein Viertel, dem man die Nähe zur ägyptischen Hauptstadt Kairo nicht ansieht. Esel zerren Karren über ungepflasterte Strassen. Müllhaufen türmen sich höher als anderswo im Land, die Gassen sind enger, die Hochhausriegel bröckeliger. Immerhin: Es ist still. Derzeit liegt eine geradezu dramatische Ruhe über dem Viertel, der Stadt, den Provinzen im ganzen Land. Ägypten erlebt den schlimmsten Stromausfall seit Jahren, und so herrscht Stille – auch in der Färberei von Adel Sabri.

«Eigentlich ist es besser geworden, viel besser, seit wir, die 250Fabriken in Shobra al-Khema, an die Regierung geschrieben haben», sagt Sabri über die Probleme mit der Stromversorgung. Trotzdem versinken vor allem in den Morgenstunden ganze Stadtteile in der Dämmerung. Private Fernsehstationen gehen vom Sender, zur Hauptverkehrszeit fallen Metrolinien aus, und Fabriken wie die von Adel Sabri stehen plötzlich still.

Sabri sitzt in seinem Büro ohne Licht und Klimaanlage, an der Fabriktür hängt das Bild von Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi, im Schummerlicht erkennt man die Porträts koptischer Päpste. Sabri ist Christ, regierungstreu, zudem Generalsekretär der Partei von Ahmad Shafiq. Der ist beinharter Anti-Islamist, Hosni Mubaraks letzter Premierminister und ehemaliger Präsidentschaftskandidat. Bei den nächsten Wahlen will Sabri sich ins Parlament wählen lassen. Aber erst muss er diesen Sommer überstehen.

Enormes Bevölkerungswachstum

In der Delta-Stadt Gharbija wurde der Strom an einem Augusttag zwölfmal abgestellt, für insgesamt 20Stunden. Nur der Gouverneurssitz und die Sicherheitskräfte blieben verschont. Auf dem Land erhalten Bräute zur Hochzeit inzwischen Generatoren, erzählt ein Lehrer in Kairo. Verärgerte Verbraucher zahlen ihre Stromrechnung nicht mehr. In Geschäften verrotten Lebensmittel im Kühlregal. Zeitungen drucken Bilder aus Kliniken, in denen Chirurgen bei Taschenlampenlicht operieren.

Adel Sabri führt durch seine Fabrik, vorbei an blauen Jerseyrollen und weis­sen Baumwollballen, an teetrinkenden Arbeitern und stillstehenden Maschinen. Der Unternehmer hat enorme Einbussen, auch dieser Tag wird ihn einiges kosten. «In den schlimmsten Zeiten hatte ich Produktionsausfälle von bis zu 50 Prozent.» Jeden Sommer schiesst der Stromverbrauch in die Höhe, weil im Land Millionen Klimaanlagen gegen die Hitze ankämpfen. Die Stromausfälle waren ein Grund für die Wut der Ägypter auf Präsident Mohammed Mursi und die Muslimbrüder. Finstere Kräfte steckten dahinter, raunte Mursi damals. Dann wurde er gestürzt, von Massenprotesten und der Armee unter Sisi. Der wandte sich – nun Präsident – an sein Volk und machte unter anderem auch «Saboteure» für die Misere verantwortlich.

300 Anschläge hätten Terroristen auf Ägyptens Energienetz verübt, behauptet die Regierung. Aber dass Terroristen, Islamisten oder sonstige Staatsfeinde allein verantwortlich sind, glaubt nicht einmal der Sisi-Anhänger Adel Sabri. «Ägyptens Bevölkerung wächst explosionsartig», sagt er, «wir bauen neue Städte, aber keine neuen Kraftwerke.»

Ein altes Problem geerbt

In den nächsten fünf Jahren steige Ägyptens Bedarf so enorm an, dass in dieser Zeitspanne eine Strommenge im Wert von umgerechnet etwa elf Milliarden Franken zusätzlich gebraucht werde, rechnete auch Sisi vor. Die Produktion müsse erhöht, neue Werke müssen gebaut werden. Sisi und Mursi haben ein altes Problem geerbt. Ägypten produziert Strom aus Gas, aber die Anlagen sind veraltet, die Förderung sinkt. Innerhalb von zwei Jahren fiel sie von 1,8 Millionen Kubikmetern Gas pro Tag auf 1,4 Millionen Kubikmeter. Ägypten besitzt zwar weitere grosse Gasfelder, aber es kann sie nicht allein erschliessen und schuldet ausländischen Firmen, die dies könnten, noch Geld für frühere Lieferungen.

Der 2011 gestürzte Präsident Mubarak hatte Gas unter Marktwert an Israel verkauft – ein korruptionsanfälliger politischer Luxus. Er hatte mit grosszügigen Energiesubventionen das Entstehen energieintensiver Industrien gefördert, deren Verbrauch sich nicht einfach wieder reduzieren lässt. Sisi hat die Energiesubventionen gekürzt, ein erster Schritt, der nicht ohne politisches Risiko ist. Die Regierung hat nun den Bau neuer Kraftwerke versprochen. Sie weiss, dass die Geduld der Ägypter Grenzen hat.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.09.2014, 02:15 Uhr)

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