Ein Zündholz, und alles brennt

Wenn er nicht Soldat wäre, würde er aus Israel weggehen, sagt der Sohn von Zeruya Shalev. Aber man dürfe das Land nicht den Brandstiftern überlassen, schreibt die Schriftstellerin.

Wie soll man aus dieser Spirale herauskommen? Palästinenser tragen den Jungen zu Grabe, den mutmasslich Israelis aus Rache ermordet haben. Foto: Atef Safadi (EPA, Keystone)

Wie soll man aus dieser Spirale herauskommen? Palästinenser tragen den Jungen zu Grabe, den mutmasslich Israelis aus Rache ermordet haben. Foto: Atef Safadi (EPA, Keystone)

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Mein ältester Sohn ist vor drei Monaten in die Armee eingetreten und hat gestern eine Ausbildung als Instruktor für Soldaten und Offiziere abgeschlossen. Als wir vergnügt auf dem Stützpunkt ankamen, beladen mit Nahrungsmitteln und Getränken, hat er uns mit düsterem Gesicht empfangen: «So kann es nicht weitergehen», ist es aus ihm herausgeplatzt, «wenn ich nicht Soldat wäre, würde ich sofort aus Israel weggehen!»

Wir haben uns auf eine Matte unter ­einen Baum gesetzt, in der Hitze, mit schwerem Herzen. Ich muss zugeben, dass seine Worte mich verletzt haben. Ich dachte an meine Grosseltern, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus Russland und Polen nach Israel gekommen sind und sich niedergelassen haben in einem der ersten Kibbuze im heissen und verlassenen Jordantal. Wenn sie nicht hierher gekommen wären, wären sie in der Schoah gestorben wie alle ihre Verwandten.

Der Preis der Unabhängigkeit

Ich habe auch an den ersten Mann meiner Mutter gedacht, der 1948 während des Unabhängigkeitskrieges getötet wurde, während er versucht hat, jenen Kibbuz und die ganze Region vor den arabischen Heeren zu schützen, die nach Israel eingefallen waren.

Heute erinnern sich nur wenige daran, dass jener Krieg sofort nach der UNO-Resolution ausgebrochen ist, mit der die Teilung des Landes in zwei Staaten beschlossen wurde, Israel und Palästina. Die Israelis hatten jene Entscheidung mit Gesängen und Tänzen aufgenommen, während die Palästinenser dachten, das Land würde mithilfe der arabischen Heere allein ihres bleiben. Der Mann meiner Mutter war nicht der Einzige, der umkam. Auch fast alle seine Schulkameraden fanden den Tod in jenem Kampf, der mit der Niederlage der arabischen Staaten und Tausenden von palästinensischen Flüchtlingen endete.

Ihre Nachkommen bezahlen heute noch den Preis jenes Konflikts – und wir bezahlen ihn auch.

Aber nicht nur das Herz tat mir weh, während wir auf der Matte in dem bisschen Schatten sassen. Sondern auch das Knie, das komplett zertrümmert wurde bei einem Terroranschlag vor zehn Jahren, bei dem ich nicht weit weg von zu Hause, in Jerusalem, verletzt worden bin. Ich hatte meinen ältesten Sohn – eben jenen Jungen, der soeben die Ausbildung als Instruktor abgeschlossen hat – in die Schule begleitet, wie jeden Morgen; und zum Glück war ich auf dem Heimweg, nachdem ich das Kind in der Schule gelassen hatte. Ich ging auf dem Trottoir, als ein vorbeifahrender Autobus explodierte. Ein Selbstmordatten­täter, vermutlich ein Nachkomme jener palästinensischen Flüchtlinge von 1948, hatte ihn in die Luft gejagt und damit 11 Personen getötet und 60 verletzt. Mein Sohn, der damals acht Jahre alt war, wurde eine Stunde später informiert, dass seine Mutter verletzt worden sei, und kam weinend ins Spital.

Jetzt ist er ein junger Mann in Uniform und möchte weggehen.

«Würdest du tatsächlich weggehen?», habe ich traurig seine Worte wiederholt. «Warum?»

«Weil es hier keine Hoffnung gibt», hat er geantwortet. «Sie haben die drei entführten Jungen umgebracht, und jetzt rächen sich Extremisten auf unserer Seite, indem sie einen palästinensischen Jungen ermorden. Und niemand schafft es, aufzuhören! Wann werden sie verstehen, dass es nicht wichtig ist, wer angefangen hat, sondern wer aufhört. Und wir sind es, die aufhören müssen!»

«Du hast absolut recht», habe ich gesagt, «aber wir können nicht weggehen. Unser Volk muss einen Staat haben.»

«Sicher», hat er geantwortet, «aber wenn ich gehe, heisst das nicht, dass alle gehen. Die Rechten werden immer bleiben.»

Leben in dornigem Gestrüpp

«Aber wir dürfen das Land nicht in ihren Händen lassen», habe ich erwidert, «wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen versuchen, die Dinge aus dem Innern zu beeinflussen. Darum werden junge Männer wie du Instruktoren.»

«Vielleicht», hat er eingeräumt, obwohl ich gemerkt habe, dass er nicht überzeugt war, «aber ich glaube nicht, dass man aus diesem Teufelskreis ausbrechen kann. Was hast du zu essen mitgebracht?»

Nach der Feier sind wir nach Hause zurückgekehrt, nach Jerusalem, umhüllt vom Rauch der Brände, die in den Dörfern entlang der Strasse entflammt sind. Wir leben alle in einem dornigen Gestrüpp, in genau so einem wie jenen, die uns umgeben. Ein Zündholz, ein schlecht gelöschtes Feuer, absichtlich oder nicht, und alles gerät sofort in Brand.

Wie soll man aus dieser Spirale herauskommen? Krieg und Flüchtlinge, ­Besetzung und Besiedlung, Terror­anschläge und Vergeltungen, Einschüchterungen und Rachen. Welch grausame, komplizierte Verflechtungen. Welch schwierige Geschichte. Mit vielen Anfängen zu verschiedenen Zeitpunkten, für die es scheinbar diverse Gelegenheiten eines Abschlusses gegeben hätte in den letzten 100 Jahren. Aber da sind die Menschen, die während des Konflikts geboren wurden und starben, ohne sein Ende gesehen zu haben – um nicht von jenen zu sprechen, die seinetwegen ihr Leben verloren haben.

Manchmal denke ich, dass ich nie sonst einem derart hartnäckigen Widerspruch begegnet bin zwischen der Sehnsucht der Einzelnen und den Handlungen der Allgemeinheit, zu der sie gehören. Die Einzelnen, wie mein Sohn, wie seine Freunde oder meine palästinensischen Freunde, wollen nichts mehr als den Frieden für die eigenen Familien, und damit auch für die ganze Region. Und doch scheint die Allgemeinheit diese Sehnsüchte in ihr fanatisches und gewalttätiges Gegenteil verkehren zu können. In jeder Generation kann man die Schuld an all dem dieser oder jener Persönlichkeit zuschreiben, aber die Persönlichkeiten lösen sich rasch ab, neue Schuldige tauchen auf, und nichts ändert sich. Manchmal scheint es, als ob eine Kraft, so gewaltig wie das Feuer, die einfachen menschlichen Wünsche aus­löschen und die Massen in eine Realität ohne Hoffnung mitreissen könne.

Als wir zu Hause ankamen, habe ich sofort die Nachrichten gelesen, und ein kleines, unerwartetes Licht hat die Düsternis aufgehellt. Die Mutter von Neftali Frenkel, einem der entführten und ermordeten Jungen, hat die Tötung des palästinensischen Jungen heftig verurteilt.

«Es gibt keine Rechtfertigung»

«Wenn tatsächlich ein arabischer Junge aus nationalistischen Gründen umgebracht worden ist», hat sie gesagt, «ist das schrecklich und schockierend. Es gibt keinen Unterschied zwischen Blut und Blut. Es gibt keine Rechtfertigung, Sühne oder Vergebung für einen Mord.»

Ich habe gedacht, dass es doch noch Hoffnung gebe in diesem Land, wenn eine Mutter, die erst gestern ihren brutal ermordeten Sohn begraben hat, einen Akt der Vergeltung oder der Rache verurteilen kann. Da ist der Geist der Barmherzigkeit, da ist Grösse. Und wenn wir alle, die Gemässigten beider Seiten, dem Beispiel dieser Mutter folgen und versuchen würden, unser kleines Feld zu beschützen, es gerecht aufzuteilen und jene fernzuhalten, die es in Brand stecken möchten, dann könnten wir die Herzen unserer Söhne mit Hoffnung erfüllen.

Ich möchte so gerne wissen, wie.

Übersetzung von Pierfrancesco Basile. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.07.2014, 10:20 Uhr)

Die Autorin: Zeruya Shalev

Die 55-jährige, international gefeierte israelische Schriftstellerin hat sich stets für die Versöhnung eingesetzt. Zuletzt erschien auf Deutsch «Für den Rest des Lebens». (Foto: EPA, Keystone)

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