«Ein jüdischer Jihad»

Nach dem Mord an drei israelischen und einem palästinensischen Jugendlichen ist das Land gespalten. Viele machen ihrem Zorn Luft – in den sozialen Netzwerken wie auf der Strasse.

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Zwei junge Frauen lächeln in die Kamera. In ihren Händen halten sie ein Schild mit der hebräischen Aufschrift «Araber zu hassen ist kein Rassismus, dahinter stehen Werte». Dieses und viele weitere Bilder posteten junge Israelis auf die Facebook-Seite «Das Volk Israel fordert Rache». Mittlerweile nicht mehr zu erreichen, hatten laut Medienberichten bis Mittwochnachmittag fast 40'000 Menschen auf «gefällt mir» geklickt. Die Seite war erst wenige Tage zuvor aufgeschaltet worden, nachdem die Leichen dreier ermordeter israelischer Teenager gefunden worden waren.

Andere Onlinekampagnen, die in die gleiche Kerbe schlagen, sind weiterhin online – und auch auf Twitter ergibt der Hashtag #IsraelDemandsRevenge Tausende Treffer. Antipalästinensische Äusserungen israelischer Soldaten in Uniform wie «Bringt sie alle um, ich hoffe, das war nur der Anfang» machen die Runde. Die Ansichten über eine angemessene Reaktion auf den Mord an den drei Talmud-Schülern gehen derweil nicht nur in sozialen Medien weit auseinander – auch auf der Strasse und im Parlament zeigt sich die aufgeheizte Stimmung.

«Drei Tore für das palästinensische Team»

«Eine tiefe moralische Kluft trennt uns und unsere Feinde», hatte Israels Premierminister Benjamin Netanyahu noch bei der Beerdigung der drei Jugendlichen am Dienstag gesagt. «Sie halten Grausamkeit heilig und wir das Mitgefühl.» Einen Tag später fand die Polizei die Leiche eines 17-jährigen arabischen Jungen. Die Polizei zieht einen Racheakt jüdischer Extremisten in Betracht. Viele Palästinenser hegen daran keinen Zweifel: «Rassistische Israelis entführten Muhammad Abu Khdeir», so der Name des palästinensischen Jungen, titelte gestern die arabischsprachige Zeitung «al-Quds».

Das Phänomen ist nicht neu: Laut Medienberichten droht einem Studenten der Universität Haifa wegen rassistischer Äusserungen der Ausschluss. Auch er liess seinem Hass in den sozialen Netzwerken freien Lauf. «Drei Tore für das palästinensische Team – wenn auch nicht bei der WM», hatte er auf seiner Facebook-Seite gepostet, nachdem die Leichen der entführten Israelis aufgetaucht waren. Die israelische Regierung prangert die offene Hetze gegen ihr Land bereits seit Jahren an.

Und die Hamas, die mittlerweile zusammen mit der moderaten Fatah von Mahmoud Abbas die Einheitsregierung der Palästinenser stellt, spricht in ihrer Gründungscharta dem Staat Israel das Existenzrecht ab. Neu ist, dass «israelische Jugendliche auf das sinnlose Töten unschuldiger Gleichaltriger mit dem ihnen geläufigen Medium – dem Facebook-Selfie – reagieren», schreibt die liberale israelische Zeitung «Haaretz».

Ein «rechtsextremes Krebsgeschwür»

Wie gefährlich diese Stimmung auch ausserhalb der sozialen Netzwerke ist, haben am Dienstag die gewaltsamen Proteste in Jerusalem gezeigt. Mehrere Hundert israelische Jugendliche zogen durch die Stadt und riefen Slogans wie «Tod den Arabern» – bevor sie Jagd auf Araber machten und arabische Läden in der Stadt zerstörten, wie israelische Medien berichten.

«Ihr entfachter Hass existiert nicht in einem Vakuum. Er ist anhaltend präsent und ergreift immer grössere Teile der israelischen Gesellschaft», schreibt dazu die «Haaretz». Und die konservative israelische Zeitung «Yediot Ahronot» sorgt sich in einem Kommentar um den «jüdischen Jihad am Rande der Gesellschaft», wo sich ein «rechtsextremes Krebsgeschwür» gebildet habe. Äusserungen rechter Politiker giessen derweil zusätzlich Öl ins Feuer: So haben bereits mehrere Abgeordnete gefordert, als Gedenken an die ermordeten Israelis eine neue Siedlung im Westjordanland zu bauen – seit Jahren ein Streitpunkt bei den Bemühungen um Frieden in Nahost.

Demonstration gegen Rassismus

Das israelische Militär hat die Facebook-Kampagne unterdessen scharf verurteilt. Ein Armeesprecher kündigte an, rassistische Äusserungen in sozialen Netzwerken juristisch zu verfolgen. Auch Justizministerin Tzipi Livni äusserte sich zum Mord am arabischen Jungen. «Wir müssen anfangen, dieser Hetzerei in den sozialen Netzwerken entgegenzuwirken», sagte sie dem nationalen Armeeradio.

Und gestern, einen Tag nach den gewaltsamen Ausschreitungen im arabischen Osten Jerusalems, versammelten sich an gleicher Stelle Hunderte Jugendliche, um gegen Rassismus zu demonstrieren, unter ihnen auch Oppositionspolitiker Jitzchak Herzog. «Das Böse wird triumphieren, wenn die Guten nichts unternehmen», warnt der «Haaretz»-Kommentator. Rachel Fraenkel, die Mutter von einem der getöteten Israelis, reagierte derweil auf den Mord des jungen Arabers: «Es gibt keinen Unterschied zwischen Blut und Blut. Mord ist Mord», schrieb sie in einer am Mittwoch veröffentlichten Presseerklärung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.07.2014, 12:37 Uhr)

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