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«Entscheidend sind die Leutnants»

Von Luciano Ferrari. Aktualisiert am 04.02.2011

Der politische Philosoph Avishai Margalit blickt mit Sorge nach Ägypten. Einen Pakt zwischen Armee und Muslimbrüdern schliesst er nicht aus.

Mittendrin und bisher neutral: Die ägyptische Armee.

Mittendrin und bisher neutral: Die ägyptische Armee.
Bild: Keystone

Avishai Margalit: Der 71-jährige Philosoph lehrt an der Princeton-Universität. Er ist Gründungsmitglied der israelischen Organisation Peace Now. (Bild: Keystone )

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Ausschreitungen in Ägypten

Ausschreitungen in Ägypten
Berichterstattung über die Strassenschlachten und Demonstrationen.

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Was spielt sich derzeit in Kairo ab?
Was wir jetzt sehen, ist wohl der Versuch der Anhänger von Präsident Hosni Mubarak, das Land ins Chaos zu stürzen, damit die Armee eingreifen muss. Die Situation ist ähnlich wie jene im Irak nach dem Einmarsch der US-Truppen 2003. Die Anhänger von Saddam Hussein versuchten damals, mit Anschlägen, Sabotageakten, Plünderungen und Entführungen ein Chaos anzurichten und das Land unregierbar zu machen.

Werden diese Kräfte Erfolg haben?
Sie haben ihre Aktionen erst begonnen. Es hängt alles davon ab, was die Armee tut. Dabei werden nicht die regimenahen Top-Generäle die entscheidende Rolle spielen. Auch nicht die einfachen Soldaten, die aus den Dörfern und den konservativen Teilen des Landes stammen. Zentral wird das Verhalten der Leutnants und Kompaniekommandanten sein, die den Truppen direkt vorstehen und die Befehle erteilen müssen. Über diese Offiziere wissen wir zu wenig. Wahrscheinlich hängt es aber von ihnen ab, wie sich die Armee am Ende verhält.

Weshalb ist die Revolte in Ägypten gerade jetzt ausgebrochen?
In allen arabischen Ländern haben Sie im Wesentlichen das, was ich Mukhabarat-Regime nenne. Mukhabarat nennt man die internen Sicherheitsapparate. Ob Königreich, Emirat oder sogenannte Republik – überall in der arabischen Welt sind solche Mukhabarat-Regime an der Macht. Es sind keine Militärregime, sondern Regime, die sich auf Geheimdienste stützen, die ausserhalb jeder Legalität agieren und dafür sorgen, dass sich keine Opposition bilden kann. Diese Systeme schaffen früher oder später immer eine revolutionäre Situation. Das sind keine stabilen Systeme, auch wenn sie als solche erscheinen. Die Frage ist für mich darum nicht, weshalb dieser Volksaufstand gerade jetzt stattfindet, sondern weshalb er nicht schon früher stattfand. Offensichtlich war die erfolgreiche Revolte in Tunesien der Funke, der die Revolution nun auch in Ägypten entzündet hat.

Wer waren die zentralen Akteure?
Es gab wohl mehrere, und es ist schwer zu sagen, welche entscheidend waren. Eine Gruppe, über die man derzeit wenig spricht, die aber sehr wichtig für den Ausbruch der Revolution war, sind zum Beispiel die Fussballfans von al-Ahly. Es gibt zwei Fussballklubs in Kairo: Der edle Klub, jener für die Reichen, ist Zamalek; und es gibt al-Ahly, den Klub für die Armen, den Arbeiterklub. Die Fans von al-Ahly sind sehr gut organisiert und haben eine lange Geschichte von Zusammenstössen mit der Polizei nach Fussballspielen gegen Zamalek. Sie hatten eine gewisse Übung in der Auseinandersetzung mit der Polizei und deshalb weniger Angst vor den Sicherheitskräften als andere Gesellschaftsgruppen.

Wie gross ist die Gefahr, dass die Muslimbruderschaft die Situation jetzt zu ihren Zwecken ausnutzt?
Die Geschichte lehrt, dass in Zeiten von revolutionärem Chaos gut organisierte Gruppen leicht die Oberhand gewinnen. Und die Muslimbrüder sind sehr gut organisiert.

Würden die jungen Ägypter, etwa die Fussballfans von al-Ahly, eine solch konservative Macht dulden?
Im Moment ist alles denkbar. Wächst das Chaos, könnte der Ruf nach Ordnung und Stabilität die Attraktivität der Muslimbrüder enorm steigern. Sogar ein Abkommen zwischen der Armee und den Muslimbrüdern ist denkbar. Gespräche sollen ja bereits stattgefunden haben. Es könnte zu einer Art Arbeitsteilung kommen, wie etwa in der Türkei, indem das Militär die Beziehungen zu den USA aufrechterhält, während die Muslimbruderschaft in der Innenpolitik und der Zivilgesellschaft das Szepter übernimmt. Es gibt jedenfalls ein starkes, konservatives und religiöses Lager in der ägyptischen Gesellschaft. Alles, was wir derzeit über den Volksaufstand lesen, hören und sehen, kommt aus den Stadtzentren von Kairo und Alexandria. Wir wissen nur wenig darüber, was auf dem Land geschieht – und was die Menschen in den Dörfern denken.

Sind Sie sicher, dass sich die Muslimbrüder nicht in ein demokratisches System eingliedern würden?
Wir haben in Gaza gesehen, wie die Hamas vorgegangen ist. Auch sie hat sich anfangs demokratisch gegeben, am Ende aber geputscht. Das ist das einzige Beispiel, auf das wir zurückgreifen können, immerhin ist die Hamas ein Zweig der ägyptischen Muslimbruderschaft.

Sie sind sehr pessimistisch.
Nein, ich sage nur, dass es auch schiefgehen kann. Was wir bisher gesehen haben, war ein politisches Happening, ein revolutionäres Spektakel. Aber der Wunsch, Mubarak zu stürzen, schafft noch keine politische Grundlage für eine neue Regierung, den Aufbau eines neuen Staates. Vielleicht nimmt die Geschichte auch ein gutes Ende. Wir haben vergessen, dass es in Ägypten schon einmal ein parlamentarisches Leben und freie Wahlen gab. Das war 1866, vier Jahre bevor Italien ein frei gewähltes Parlament erhielt. Im Moment aber ist alles offen. Mein Herz ist mit den Demonstranten, die Mubarak loswerden möchten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2011, 09:43 Uhr

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