«Es ist eine kulturelle Weltkatastrophe»

Kann der IS nun Bagdad oder Damaskus erobern? Was passiert mit dem Weltkulturerbe Palmyra? Dazu Nahostexperte Ulrich Tilgner.

Die Ruinen in Palmyra sind akut von der Barbarei des IS bedroht.

Die Ruinen in Palmyra sind akut von der Barbarei des IS bedroht. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Welt sorgt sich um das Unesco-Weltkulturerbe, das mit der Eroberung der syrischen Oasenstadt Palmyra der Terrormiliz IS in die Hände gefallen ist. Was wird mit der historischen Stätte geschehen?
Sofern sich der IS dort festsetzt, wird er die archäologischen Kulturdenkmäler zerstören, wie er es schon in den irakischen Städten Nimrud und Hatra getan hat. So erregt er weltweite Aufmerksamkeit und gewinnt Jihadisten und radikale Islamisten für sich. Er wird die Zerstörungsaktion als Bekämpfung des Götzenkultes feiern. Der IS will den Stereotypen des Westens entsprechen und zeigen: Wir sind stark, wir sind mächtig, wir können Weltkulturerbe zerstören, ohne dass ihr imstande seid, uns mit euren Luftangriffen daran zu hindern. Das wird sich die Führung des IS nicht entgehen lassen.

Nehmen wir an, wir sehen morgen Bilder, wie radikalislamistische Kämpfer die archäologische Stätte in Palmyra zerstören. Was würden Sie empfinden?
Ich empfände es als eine kulturelle Weltkatastrophe.

In den letzten Wochen machte es den Anschein, als sei der IS militärisch in die Defensive geraten; verschiedentlich konnte man sogar lesen, er stehe vor dem Zerfall. Nun erzielt er plötzlich wieder militärische und propagandistische Erfolge. Wie erklären Sie sich das?
Beides stimmt. Der IS wird von allen Seiten angegriffen und steht militärisch enorm unter Druck; andererseits hat er in den Sunnitengebieten des Irak nach wie vor einen grossen Rückhalt. Der IS besteht nicht bloss aus radikalislamistischen Sunniten. Er wird auch von Offizieren der alten Armee des Irak sowie von zahlreichen Stämmen unterstützt, die gegen die schiitische Regierung in Bagdad kämpfen. In Ramadi haben nach der Eroberung des Gouverneurssitzes durch den IS Kinder auf der Strasse getanzt – das ist ein Zeichen, dass die Bevölkerung über den erzwungenen Abzug der Regierungstruppen froh ist.

Die Bevölkerung steht tatsächlich hinter Leuten, die ihre Gegner enthaupten, kreuzigen oder steinigen?
Der IS ist im Irak in jenen Gebieten populär, in denen die Bevölkerung die Regierung in Bagdad ablehnt. Es gibt Stämme, die mit der Regierung in Bagdad zusammenarbeiten, andere arbeiten mit den Amerikanern zusammen. Aber die grosse Mehrheit hat ein Bündnis mit dem IS geschlossen. Die für den IS kämpfenden Stammeskrieger sind Leute aus den Vierteln, welche die Bevölkerung kennt, mit denen sie verwandt ist. Im Hintergrund kommandieren die ehemaligen Offiziere von Saddam Hussein, die sich ebenfalls dem IS angeschlossen haben.

Warum ist der Hass sunnitischer Stämme gegen die Regierung in Bagdad so gross?
Weil sie davon überzeugt sind, dass die Regierung in Bagdad aus Teheran ferngesteuert wird – und zumindest teilweise trifft das ja durchaus zu. Die Regierung in Bagdad ist von Teheran abhängig, und die Amerikaner sind mit dieser proiranischen Regierung ein Bündnis eingegangen. Wie sehr die Sunniten diese Politik ablehnen, zeigte sich beim Aufstand gegen den ehemaligen Premierminister Nouri al-Maliki, eine Art schiitischer Saddam Hussein. Heute ist er stellvertretender Staatspräsident.

Der IS als Krisengewinnler?
Die gesamte Politik in Bagdad funktioniert nicht, und genau daraus kann der IS Honig saugen. Deshalb ist und bleibt er in Städten wie Ramadi und in der ganzen Provinz Anbar so stark, auch wenn er anderswo auf dem Rückzug ist. Die Stimmung gegen die Regierung in Bagdad ist äusserst aggressiv, was dem IS auf fatale Weise in die Hände spielt.

Tut der IS in den von ihm beherrschten Gebieten auch Gutes, um sich den Rückhalt der Bevölkerung zu erhalten?
Der IS lässt die Bevölkerung weitgehend in Ruhe. Natürlich fliehen sehr viele Menschen; vor einiger Zeit war es in Mosul und anderswo so, heute ereignet sich dasselbe Drama in Ramadi. Aber das betraf damals Christen, Jesiden und Kurden. Und heute vor allem Leute, die mit der Regierung in Bagdad zusammengearbeitet haben oder sympathisieren. Sie müssen nun die Rache des IS fürchten und werden dann in Bagdad nicht einmal aufgenommen, bloss weil sie Sunniten sind.

Und was ist mit den anderen?
Die einfache sunnitische Bevölkerung hat eigentlich nur wenige Berührungspunkte mit dem IS. Staatliche Infrastrukturen gab es schon zuvor kaum, und oft fühlen sich die Menschen unter dem IS freier als zuvor unter der Herrschaft der Regierung. Das mag absurd klingen, aber so sieht die Lage der Bevölkerung vor Ort aus.

Welche Rolle spielt der Westen in diesem Drama?
Die westliche Politik ist gescheitert. Die Amerikaner haben überall angegriffen, aber es nicht geschafft, eine Zivilgesellschaft zu verankern. Die Kräfte, die nun entfesselt werden, haben dort geschlummert und werden von Saudiarabien und anderen Staaten unterstützt und finanziert. Der Westen hat bisher kein Mittel gefunden, um dieser Situation kulturell und politisch zu begegnen. Mit Luftangriffen kann man weder den IS zerschlagen, noch verhindern, dass die Kulturgüter in Palmyra zerstört werden.

Was soll man tun?
Man muss die Regierung in Bagdad so unter Druck setzen und umgestalten, dass sich auch die Sunniten mit ihr identifizieren können. Dann wird der IS zumindest im Irak einen grossen Teil der Unterstützung verlieren, die er gegenwärtig von sunnitischen Stämmen erhält.

Ist es denkbar, dass der IS Bagdad oder Damaskus erobert?
Nein. Diese Befürchtung ist in westlichen Medien schon vor eineinhalb Jahren herumgegeistert. Aber die Linie zwischen sunnitischen und schiitischen Siedlungsgebieten kann der IS nicht überschreiten, weil er jenseits dieser Linie total abgelehnt wird und auf erbitterten Widerstand trifft.

Was ist vom IS noch zu erwarten?
Wenig – seine Bilanz ist negativ. Ein grosser Teil der jungen Generation ist westlich orientiert und will in eine neue Welt mit Freiheiten und sozialen Sicherheiten. Das kann ihnen der IS nicht bieten. Seine Ausstrahlung beschränkt sich auf Radikale, aber die Beduinenjugend erreicht er nicht wirklich. Selbst wenn sie jetzt teilweise noch für den IS kämpft, merkt sie irgendwann, dass sie sich einem Terrorregime ausliefert. Aber diese Menschen, die eigentlich etwas anderes wollen, brauchen einen Hoffnungsträger. Und der fehlt in der gesamten Region. Aus dem Arabischen Frühling ist ein Arabischer Spätwinter geworden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.05.2015, 16:47 Uhr

Artikel zum Thema

Islamistische Terrormiliz setzt sich in Weltkulturerbe fest

Der IS hat die syrische Oasenstadt Palmyra vollständig unter seine Kontrolle gebracht. Mehr...

Islamisten greifen Unesco-Weltkulturerbe an

Die IS-Terrormiliz soll im Irak wertvolle Ruinen mit Sprengstoff in die Luft gejagt haben. Mehr...

Nahostexperte Ulrich Tilgner.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Heisse Erotik

Wo ich will, wann ich will!

Kommentare

Paid Post

Psychologie im Business

Ökonomie ist mehr als Aufwand und Ertrag, Effizienz, Güterknappheit und Ressourcen.

Die Welt in Bildern

Der alte Zopf erlebt derzeit eine Renaissance: Besucherinnen des Coachella Valley Music & Art Festivals 2017 im Empire Polo Club in Indio, Kalifornien. Das Festival findet jährlich statt und dauert über zwei Wochenenden. Es zählt weltweit zu den grössten Festivals. (22. April 2017)
(Bild: Rich Fury / Getty) Mehr...