«Es wäre dumm von Netanyahu, eine neue Aggression zu starten»

Die Hamas-Politikerin Isra Almodallal wirft Israel vor, die Entführung und den Tod von den Jugendlichen für politische Zwecke zu missbrauchen.

Die frühere Hamas- Sprecherin arbeitet im Informations­ministerium der palästinensischen Einheitsregierung: Isra Almodallal.

Die frühere Hamas- Sprecherin arbeitet im Informations­ministerium der palästinensischen Einheitsregierung: Isra Almodallal.

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Bedauern Sie den Tod der drei israelischen Teenager?
Nein, ich empfinde kein Bedauern, denn wir kämpfen seit Jahren um unsere Freiheit. Wir sind nicht verantwortlich für die Situation. Die Israelis sollten jetzt die Lektion lernen. Es kann nicht sein, dass die eine Seite frei ist und wir noch immer über 5000 Häftlinge in israelischen Gefängnissen haben. Die Israelis sollten endlich wahrnehmen, dass sie es mit Menschen zu tun haben. Sie sind verantwortlich auch für die Sicherheit der Palästinenser, aber das respektieren sie nicht. Seit Beginn der Operation werden wir angegriffen, es gibt Zerstörung und Verhaftungen. Die Lektion ist simpel: Wenn du anderen Menschen und Kindern tagtäglich Unrecht antust, dann wird dasselbe mit deinen Kindern und deinem Volk geschehen. Mir tut es leid um mein eigenes Volk, um die humanitäre Katastrophe hier. Wir haben keinen Strom und kein Wasser.

Die Entführung belastet die Einheitsregierung. Wie haltbar ist das Schlichtungsabkommen zwischen Hamas und Fatah?
Israels Regierungschef Benjamin Netan­yahu setzt auf jeden Fall alles daran, die Einheitsregierung zu Fall zu bringen. Er weigert sich, mit den Technokraten in Ramallah zusammenzuarbeiten, und er lässt die Kabinettsmitglieder aus Gaza nicht zu den Regierungssitzungen nach Ramallah reisen. Die Bedingungen für das Schlichtungsabkommen sind gegeben, und wir haben jetzt eine gute Chance, den Konflikt der vergangenen sieben Jahre beizulegen. Netanyahu versucht, die Entführung und den Tod der drei Jugendlichen als Argument gegen die Einheitsregierung zu missbrauchen. Israel schiebt der Hamas die Verantwortung für die Entführung zu, aber wir haben damit nichts zu tun.

Die beiden Hauptverdächtigen, Marwan Kawasme und Omar Abu Eysha aus Hebron, sind aber Hamas-Mitglieder . . .
Wer sagt, dass die Namen stimmen? Es wäre nicht das erste Mal, dass Israel die Falschen nennt. Es kann gut sein, dass beide unschuldig sind. Gibt es Beweise? Ein Video? Solange die Täter nicht zugeben, dass sie es waren, kann niemand mit Sicherheit sagen, wer dahintersteckt. Wären es Hamas-Mitglieder, dann hätte die Führung der Hamas längst die Verantwortung übernommen. Die ganze Geschichte ist 100 Prozent eine israelische Inszenierung.

Haben Sie Beweise für solche schwerwiegende Vorwürfe?
Keine palästinensische Bewegung, keine Splittergruppierung hat die Verantwortung für die Entführung übernommen. Dazu kommt, dass die drei Israelis in einer Region verschwanden, die unter israelischer Sicherheitskontrolle steht. Die sogenannte C-Zone wird von der Armee aus der Luft bewacht. Keiner kann sich dort unbeobachtet bewegen. Denken Sie doch mal nach: Wer hat die Toten gefunden? Nicht die Armee, sondern ein freiwilliger Helfer. Die ganze Such­aktion war nicht ernsthaft. Netanyahu ist ein guter Schauspieler. Er macht ein Drama. Die ganze Geschichte zielte darauf ab, die Führung der Palästinenser zu schwächen.

Wie beurteilen Sie das Verhalten von Präsident Mahmoud Abbas, der während der Suche nach den Entführten die Kooperation mit dem israelischen Sicherheitsapparat fortsetzte?
Abbas ist mein Präsident. Es steht mir nicht zu, ihn zu kritisieren.

Israels Luftwaffe hat bereits Angriffe auf Gaza geflogen. Wird es darauf Reaktionen geben?
Das ist eine Frage für die Widerstandsgruppen. Ich weiss nicht, ob geplant ist zurückzuschlagen. Ich bin über die israelischen Angriffe alles andere als glücklich. Es ist eine hässliche Aktion, mitten in der Nacht und ausgerechnet während des Fastenmonats Ramadan Raketen auf Gaza abzuschiessen. Wir werden völlig verrückt vor Angst. Es wäre sehr dumm von Netanyahu, eine neue Aggression gegen die Palästinenser zu starten.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.07.2014, 06:41 Uhr)

Trauerversammlungen

Jugendliche beigesetzt

Nach der Ermordung der drei im Westjordanland entführten Jugendlichen hat Israel der Hamas harte Vergeltung angedroht. Neuer Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen wurde mit Luftangriffen beantwortet. Im ganzen Land kam es zu spontanen Trauer­versammlungen. Das Verschwinden der zwei 16-jährigen und eines 19-jährigen Religionsschülers, die am 12. Juni per Autostopp zwischen Bethlehem und Hebron unterwegs waren, hatte die israelische Öffentlichkeit über Wochen in Atem gehalten. Als die wachsende Befürchtung, sie könnten nicht mehr leben, am Montagabend zur Gewissheit wurde, versammelten sich Trauernde an mehreren zentralen Orten. Sie sangen Lieder und zündeten Kerzen an. Die drei Leichen wurden am Dienstag identifiziert. Die DNA-Tests hätten gezeigt, dass es sich um Gilad Schaer, Naftali Frankel und Ejal Jifrach handle, sagte ein Polizeisprecher. An der Beisetzung der drei Jugendlichen im Ort Modi’in nahmen Tausende Menschen teil. Fernseh- und Radiosender unterbrachen ihr Programm und übertrugen die Trauerfeier. Verteidigungsminister Moshe Yaalon nutzte seine Rede, um Anführern der Hamas zu drohen: «Sie sollen wissen, dass wir sie verfolgen werden, wo auch immer sie sind, und wir werden hart gegen sie vorgehen.» Die Mordtaten würden nicht ungesühnt bleiben, hatte Yaalon bereits im Militärradio gedroht: «Die Hamas-Bewegung ist dafür verantwortlich, und wir wissen, wie wir Rechnungen mit ihr zu begleichen haben.» (SDA)

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