«Es wäre wichtig gewesen, ihn vor ein Gericht zu bringen»
Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 20.10.2011
«Ein Prozess in diesem Land wäre politisch ganz schwierig geworden»: Arnold Hottinger. (Bild: Keystone )
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Herr Hottinger, was war Ihre erste Reaktion, als Sie von der Festnahme und vom angeblichen Tod Ghadhafis erfahren haben?
Ich bin froh für das Land, dass es jetzt endlich vorbei ist. Es ist aber auch ein ganz wichtiger Schritt für ein Ende der Kämpfe in Libyen. Es muss nun dem allerletzten Anhänger des alten Regimes klar sein, dass die Waffen niedergelegt werden müssen.
Was bedeutet es für das Land, dass Ghadhafi nun tot ist?
Schade. Es wäre wichtig gewesen, ihn vor ein Gericht zu bringen. So hätte Libyen die Vergangenheit aufrollen können.
Das hätte aber auch die Gefahr von neuen Aufständen mit sich gebracht.
Das glaube ich weniger. Viel mehr befürchtete ich, dass es zu einem Volksgericht gekommen wäre, wie das bei Saddam Hussein im Irak der Fall war. Und das ist nicht wirklich zu befürworten.
Beginnt nun die Jagd auf Saif al-Islam, den einstmals mächtigsten Sohn Ghadhafis?
Sicher wird man nun versuchen, Saif festzunehmen und vor ein Gericht zu bringen. Nur ist der Übergangsrat für ein solches Verfahren nicht die geeignete Instanz. Ob man ihn fassen wird, bleibt unklar, auch bei der Verfolgung von Nazi-Verbrechern gingen einige durch die Maschen.
Ist ein Gerichtsverfahren vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal besser als ein Prozess im eigenen Land?
Es besteht sicher die Möglichkeit, dass es vor einem Kriegsverbrecher-Tribunal zu einem ordentlicheren Verfahren kommt als in Libyen. Ein Prozess in diesem Land wäre politisch ganz schwierig geworden.
Bereits sind erste Bilder des toten Ghadhafi aufgetaucht. Birgt das nicht die Gefahr, dass der Aufstand nochmals angestachelt und Ghadhafi als Märtyrer gefeiert wird?
Nein. Die meisten Anhänger waren doch einfach Opfer von Ghadhafis Propaganda.
Glauben Sie, dass Ghadhafi bei der heutigen Aktion absichtlich getötet wurde?
Kaum. Ich gehe davon aus, dass er in einem Konvoi geflüchtet ist und dabei von Schüssen getroffen wurde. Es gab sicher genug Leute im Übergangsrat, die ihn lebend gefangen nehmen wollten.
Bedeutet der Tod Ghadhafis nun das definitive Ende seiner Clan-Herrschaft, oder erwarten Sie, dass innerhalb seines Clans wieder Machtansprüche gestellt werden?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich noch irgendjemand in Libyen auf sein Erbe berufen wird. Er war zu verhasst.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.10.2011, 14:59 Uhr



