Flüchtenden aus IS-Gebieten droht Folter und Hinrichtung

Irakische Regierungstruppen und schiitische Milizen begehen laut Amnesty Vergeltungsaktionen gegen Tausende Zivilisten.

Kritik von Amnesty International: Soldat der irakischen Armee.

Kritik von Amnesty International: Soldat der irakischen Armee. Bild: Keystone

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Nach dem Beginn der Grossoffensive zur Rückeroberung der IS-Hochburg Mosul im Nordirak warnt Amnesty International vor Menschenrechtsverstössen und Kriegsverbrechen durch schiitische Milizen und irakische Regierungstruppen. Gemäss einem heute veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation sind Vergeltungsaktionen gegen Zivilisten an der Tagesordnung im Irak. Tausende Zivilisten, die aus vom IS kontrollierten Gebieten hätten fliehen können, seien Opfer von Folter, willkürlicher Inhaftierung oder aussergerichtlichen Hinrichtungen geworden oder verschwunden.

Flüchtende unter IS-Verdacht

«Nachdem sie den Schrecken des Krieges und der Tyrannei des IS entkommen sind, drohen sunnitischen Arabern im Irak brutale Vergeltungsschläge durch Milizen und Regierungstruppen», erklärt Philip Luther, Amnesty-Experte für den Nahen Osten und Nordafrika. «Die Flüchtenden werden verdächtigt, an IS-Verbrechen beteiligt gewesen zu sein oder die bewaffnete Miliz unterstützt zu haben.» An den Verbrechen beteiligt waren überwiegend schiitische Milizen. Die auch als Volks-Mobilmachungs-Kräfte bekannten Kämpfer wurden laut Amnesty lange von den irakischen Behörden gedeckt und mit Waffen und Geld unterstützt. Sie wurden im Februar 2016 offiziell in die irakischen Sicherheitskräfte integriert. Ehemalige Häftlinge berichten auch von Folter und Misshandlungen durch Regierungstruppen und kurdische Sicherheitskräfte.

Menschenrechtsverletzungen: Folterspuren am Handgelenk eines irakischen Zivilisten. Foto: Amnesty International

In seinem neuesten Irak-Bericht bezieht sich Amnesty auf Vorfälle aus den Monaten Mai und Juni, als die irakische Armee die Stadt Falluja zurückeroberte. Es gibt Berichte über zivile Angehörige des Jumaila-Stammes, die sich uniformierten Soldaten gestellt hatten. Zwölf Männer und vier Jugendliche seien von Frauen und Kindern getrennt und dann hingerichtet worden. Über 70 weitere Menschen seien verschwunden.

Ein überlebender Zivilist berichtet, wie er tagelang von Milizen gefoltert worden sei. «Sie haben uns mit Stöcken, Rohren und Kabeln geschlagen. Sie beschimpften uns und sagten, dies sei die Rache für die Hinrichtung von 1700 Schiiten durch den IS. (...) An den Wänden war überall Blut. (...) Ich sah viele Menschen sterben.» Die misshandelten und ermordeten Zivilisten waren während der militärischen Grossoperationen im laufenden Jahr aus verschiedenen Teilen des Iraks vertrieben worden, etwa aus Falluja und umliegenden Gebieten (Provinz Anbar), al-Sharqat (Provinz Salah al-Din), Hawija (Provinz Kirkuk) und aus Gebieten rund um Mosul (Provinz Ninawa).

Keine Rechtfertigung für Willkür

«Der Irak steht aktuell vor sehr realen und tödlichen Bedrohungen durch den IS», sagt Amnesty-Experte Luther. «Aber es gibt keine Rechtfertigung für aussergerichtliche Hinrichtungen, das Verschwindenlassen von Menschen, Folter oder willkürliche Haft.»

Der neuste Amnesty-Bericht stützt sich auf Interviews, die mit 470 ehemaligen Häftlingen und Augenzeugen sowie mit Angehörigen von Getöteten, Verschwundenen oder Verhafteten geführt wurden. Ausserdem wurden Behörden, Aktivisten und Mitarbeitende von Hilfsorganisationen befragt, wie Amnesty mitteilt. Während der Offensive zur Rückeroberung von Mosul sei es zentral, «dass die irakischen Behörden Schritte unternehmen, die sicherstellen, dass sich diese schrecklichen Verbrechen nicht wiederholen». Diejenigen Staaten, die den Kampf gegen den IS unterstützen, müssten zeigen, dass sie vor diesen Verbrechen nicht weiter die Augen verschliessen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2016, 12:00 Uhr

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