Ausland

«Friedenstruppen wären ein schwerer Fehler»

Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 23.08.2011 24 Kommentare

Olivier Roy, Islamexperte und Kenner der arabischen Welt, über die Zeit nach Ghadhafi, die Lust an Rache und das Echo in Syrien.

Die neuralgischen Punkte von Tripolis: Anklicken, um mehr zu erfahren.


«Die Gefahr ist gross, dass auf den Sturz des Regimes bald Anarchie folgen wird»: Ein Rebellenkämpfer patroulliert vor dem Quartier des Nationalen Übergangsrats in Benghazi. (Bild: Reuters )

Olivier Roy

Der 61-jährige französische Politologe ist ein renommierter Islamwissenschaftler. Er leitet das Mittelmeerprogramm am Europainstitut in Florenz.
(Bild: AFP)

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Professor Roy, welche Szenarien öffnen sich nun in Libyen?
Zunächst setzt eine grosse Ungewissheit ein. Es gibt keine feste, vorhersehbare Grösse in der Opposition. Die Koalition besteht aus verschiedenen, zum Teil äusserst unterschiedlichen Bewegungen und Persönlichkeiten. Darum erwarte ich, dass dieses Bündnis nach dem Fall des Regimes sehr schnell Risse bekommen wird. Und dass sich diese Zerwürfnisse mit der Zeit kumulieren werden.

Wie könnte die Entwicklung konkret aussehen?
Im besten Fall läuft es so: Die Koalition bildet eine Einheit, stellt eine Übergangsregierung zusammen, die dann Wahlen ausruft. Diese Wahlen würden es ermöglichen, ein repräsentatives Parlament auf die Beine zu stellen, das die wirklich wichtigen Entscheide für die Zukunft Libyens fällt.

Sie klingen nicht sehr optimistisch.
Nein, ich denke, dass das pessimistische Szenario das wahrscheinlichere ist, dass sich die Risse nämlich durch das ganze Land ziehen und sich jeweils an lokalen Interessen orientieren werden. In Dörfern, Städten oder Regionen, ja vielleicht sogar in einzelnen Quartieren, wird es Kreise geben, die sich aus dem Spiel zurückziehen wollen oder die zu den Waffen greifen, um ihre Macht auszubauen oder ihre Existenz zu sichern. Die Gefahr ist deshalb gross, dass auf den Sturz des Regimes bald Anarchie folgen wird. Die Frage ist nur, wie bedeutend diese Anarchie sein wird und ob die Übergangsregierung fähig ist, sie zu verwalten und trotzdem zu funktionieren.

Fehlt es der Koalition an einer charismatischen Führungsperson, die dem Land Halt geben könnte?
Wir kennen diese Leute des Nationalen Übergangsrates ja kaum – wie die Welt Libyen insgesamt nur leidlich kennt. Vielleicht schieben sich bald Figuren in den Vordergrund, die bisher im Hintergrund agiert hatten. Das ist bei Revolutionen oft der Fall.

Wieso bleibt Libyen ein Rätsel?
Es hat in den letzten Jahrzehnten keine grossen anthropologischen Forschungsarbeiten über die neuere libysche Gesellschaft gegeben. Den Jemen etwa kennt man viel besser. Dort weiss man zum Beispiel um die politische Bedeutung der Stämme, um die Rolle der Chefs und Räte. In Libyen ist die Lage viel verworrener. Ghadhafi hat alles darangesetzt, die Stammesstrukturen zu zerstören, wie das Saddam Hussein im Irak getan hatte. Ganz gelungen ist ihm das zwar nicht, doch es ist unmöglich, den politischen Einfluss und die Gestaltungskraft der Stämme abzuschätzen. Dafür war Ghadhafi einfach zu lange an der Macht. Er verdrängte das Innenleben Libyens aus dem Fokus der Beobachtung.

Wird die siegreiche aufständische Front ein Legitimitätsproblem haben, weil sie vom Westen und der Nato militärisch unterstützt wurde?
Offenbar nicht, und das scheint nur auf den ersten Blick kurios. Unter jenen, die unter Ghadhafi gelitten haben, ist der Westen populär. Hätte der Krieg länger gedauert und hätte es dabei mehr zivile Opfer gegeben, wäre die Stimmung gekippt. Doch das ist nicht der Fall. Ghadhafi gelang es auch nicht, sein Volk gegen den Westen aufzuhetzen. Sein Appell zum Nationalismus verhallte.

Wie gross schätzen Sie die Gefahr ein, dass Libyen zerfällt?
Das könnte passieren, wenn die Anarchie lange andauert. Das würde jene Regionen zum Separatismus drängen, die wirtschaftlich stärker sind als der Rest. Man sieht das etwa in Somalia, wo der Norden die Spaltung sucht. Doch eine Prognose ist unmöglich.

Der Chef des Übergangsrates drohte damit, seinen Posten aufzugeben, wenn es zu Racheakten von Rebellen an Loyalisten komme.
Es wird zu Übergriffen kommen, ohne Zweifel. Die Vendetta gehört zu Gesellschaften mit Stammeskultur. Es wird Clans und Familien geben, die die Haut der Mörder wollen. Das ist so lange ein bewältigbares Problem, als es sich um individuelle Racheakte handelt. Wenn aber ein Kampf ums Öl entbrennt oder wenn sich islamistische Kräfte entfesseln sollten, dann würde es echt problematisch. Man weiss, dass es in Libyen Islamisten gibt, Prediger der Scharia und Veteranen des Afghanistankriegs. Doch man weiss auch, dass diese Kräfte nicht genug tief verankert sind, um die Bevölkerung zu mobilisieren. Ich halte diese Gefahr also für gering.

Welche Rolle sollte der Westen in der Post-Ghadhafi-Zeit spielen?
Sicher keine militärische. Die Entsendung von Friedenstruppen wäre ein schwerer Fehler, das hat man in der Vergangenheit oft genug auch anderswo gesehen. Und ich denke auch nicht, dass der Westen mit solchen Gedanken spielt. Der einzige Einfluss sollte daher rühren, dass man einzelne vertrauenswürdige Akteure und Organisationen des neuen Libyen anerkennt und unterstützt, mit ihnen verhandelt und sie einlädt.

Welches Echo wird Ghadhafis Sturz in Syrien haben?
Er stärkt die Vorstellung, dass alles möglich ist. Ghadhafi und Bashar al-Assad waren jene beiden Leader der arabischen Welt, die von Beginn weg sagten, sie würden bis zum Ende kämpfen. Nun hat sich gezeigt, dass auch einer wie Ghadhafi besiegt werden kann. Der symbolische Wert dieses Signals ist gross.

Doch ohne militärische Hilfe wäre dieser Sieg nicht möglich gewesen. Und zum Einsatz in Syrien dürfte der Westen kaum bereit sein.
Nein, der Kontext ist ein total anderer. Libyen spielte geostrategisch keine Rolle. Jetzt werden dann zwar alle froh sein, wenn Ghadhafi weg ist, doch das verändert das regionale Kräfteverhältnis nicht. Syrien ist eine andere Kategorie, komplexer und weltbewegender. Wenn Bashar al-Assad fällt, verliert der Iran seinen Brückenkopf in die arabische Welt. Und das ist für den Iran ein unvorstellbares Szenario. Die aus Teheran gesteuerte Hizbollah wäre dann völlig isoliert. Andererseits macht die Türkei, die von einem Sturz Assads am meisten profitieren würde, Druck, um ihren Einfluss in der Region zu stärken – neuerdings auch autonom, ohne den Westen, womöglich auch unabhängig von den Überlegungen der Nato. Das wiederum verängstigt Israel. Kurz: In Syrien steht viel mehr auf dem Spiel als in Libyen.

Ist es darum undenkbar, dass der Westen in Syrien interveniert?
Ja, völlig undenkbar. Schon in Libyen ging man ein Risiko ein. Man glaubte, dass es ein militärischer Spaziergang werden würde, doch das war es nicht. Der Eingriff zeigte auch auf, wie begrenzt die Mittel der Europäer und der Nato sind. Es ist immer noch so, dass ohne die Schlagkraft der USA nichts geht. Natürlich gäbe es auch einen Fall, in dem eine Intervention unvermeidbar wäre – nämlich dann, wenn der Iran in Syrien einmarschieren würde . . .

. . . mit unabsehbaren Folgen.
Absolut. Dann würde die Lage in der ganzen Region eskalieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2011, 06:30 Uhr

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24 Kommentare

Hans Tobler

23.08.2011, 09:01 Uhr
Melden 14 Empfehlung

So ein Superstratege. Wie soll denn der Iran in Syrien einmarschieren? Durch das NATO Land Türkei, den US Besetzten Irak oder über den Seeweg, einmal rund um die Arabische Halbinsel und durch den Suezkanal? Antworten


Jules Bonhomme

23.08.2011, 07:33 Uhr
Melden 12 Empfehlung

Alle gegen Alle und Konfliktlösung mit der Waffe, das wird das Leitmotiv der arabischen Revolution sein, da wie dort. Der schlussendlich Stärkste wird der neue Herrscher, das soll Demokratie sein. Antworten



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