Gefährliche Gewässer

Von Johannes Dieterich, Bentiu. Aktualisiert am 02.02.2010 3 Kommentare

Im Südsudan wird immer mehr Erdöl gefördert. Weil die ausländischen Bohrfirmen die teure Entsorgung der dabei entstehenden Chemikalien umgehen, wird das Trinkwasser verseucht.

Stillgelegtes Bohrloch in der Region der südsudanesischen Hauptstadt Bentiu: In verdächtigem Olivgrün schillert ein Teich am Rand des Geländes.

Stillgelegtes Bohrloch in der Region der südsudanesischen Hauptstadt Bentiu: In verdächtigem Olivgrün schillert ein Teich am Rand des Geländes.
Bild: Keystone

Das Bohrloch liegt direkt vor Nyayiel Puoks Hütte. Wenn die 36-jährige Südsudanesin den Metallhebel bewegt, schiesst auch eine trübe Flüssigkeit aus dem Rohr. Doch Nyayiel hütet sich mittlerweile, dieses Wasser zu trinken. Denn dann landet sie wieder dort, wo sie mit ihren drei Kindern in jüngster Zeit schon viel zu oft war – im Krankenhaus. «Kaum waren wir zurück zu Hause», sagt die Sudanesin vom Volk der Nuer, «wurde schon wieder ein anderes der Kinder krank.»

In der Region um Bentiu, der Hauptstadt der südsudanesischen Unity-Provinz, ereignen sich seltsame Dinge. Aus den einst tadellosen Brunnen rinnt salziges Wasser, zahlreiche Menschen erkranken an Durchfall, auf den Feldern verendet das Vieh. Die deutsche Wasserexpertin Hella Rüskamp muss nicht einmal warten, bis die Proben vom Brunnen vor Nyayiels Hütte im Labor ausgewertet sind: An ihrem Messgerät schlagen sich selbst für Laien gut sichtbar weisse Salzkristalle nieder – die Konzentration der Mineralien liegt um ein Vielfaches über dem Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation WHO. «Da muss man sich nicht wundern», sagt die Geologin trocken.

Wohlstand nur in Khartum

Ein mit einem Schnellfeuergewehr bewaffnetes Mitglied der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) führt uns wenige Kilometer weiter zu einer Stelle, wo die Bevölkerung im vergangenen Jahr vergiftetes Wasser getrunken haben soll: Neun Kinder seien gestorben, sechshundert Menschen hätten ins Spital eingeliefert werden müssen. Die vermutliche Ursache der Verschmutzung macht Klaus Stieglitz von der deutschen Hilfsorganisation Hoffnungszeichen in einem nahe gelegenen, fussballfeld-grossen Areal aus. In dessen Mitte befindet sich ein stillgelegtes Bohrloch, am Rand des Areals ein Teich, der in verdächtigem Olivgrün schillert. Rüskamps Messgerät erreicht innert Sekunden Höchstwerte: «Wer das trinkt», sagt die Geologin, «muss dies unter Umständen mit seinem Leben bezahlen.»

Bei dem Loch, erklärt Hilfswerker Stieglitz, handelt es sich um die Bohrung einer vermutlich chinesischen Gesellschaft, die offensichtlich nicht den erwarteten Erfolg erbrachte. Andere Bohrungen in der Umgebung verliefen erfolgreicher: Die Erdölfelder Mala und Thar Jath bestehen aus 36 Quellen, aus denen ein nicht unerheblicher Teil der täglich 500'000 Barrel fliessen, welche der Sudan täglich produziert.

Der Export des schwarzen Goldes vor allem nach China hat dem bettelarmen Staat einen spürbaren Aufschwung beschert, der allerdings nur in der 800 Kilometer weiter nördlich gelegenen Hauptstadt Khartum wirklich auszumachen ist. Dort schiessen neue Luxushotels, Konferenzzentren und Bürogebäude in die Höhe – auch der vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagte sudanesische Präsident Omar al-Bashir hat sich einen glänzenden neuen Palast geleistet.

«Ölreichtum brachte nur Kummer»

In der Unity-Provinz ist von alldem nichts zu spüren. Im Gegenteil: «Unser Ölreichtum hat uns bislang nur Kummer beschert», klagt der designierte katholische Bischof der Diözese Malakal, Roko Taban Mousa: «Zuerst liess man uns nicht von unseren Bodenschätzen profitieren, und jetzt ist auch noch unser Wasser verschmutzt.» Tatsächlich gehen die chinesischen, indischen und malaysischen Firmen bei der Exploration und Gewinnung des schwarzen Goldes alles andere als zimperlich vor.

Während in anderen Teilen der Welt das mit Kaliumchlorid angereicherte Wasser, das zur Stabilisierung der Bohrlöcher dient, nach seiner Verwendung in tief gelegene Erdschichten gepumpt wird, lässt man es hier einfach kostensparend in offenen Tümpeln versickern. Auch das bei der Erdölproduktion entstehende Abwasser, das sowohl Schwermetalle wie Salze enthält, wurde zunächst einfach in die Landschaft am Rand der von der Uno geschützten Nilsümpfe geleitet: Erst als Klaus Stieglitz im vergangenen Jahr Alarm schlug, baute das malaysisch-indisch-sudanesische Konsortium White Nile Petroleum Operating Company (WNPOC) eine Wasseraufbereitungsanlage. Mit einem riesigen leeren Becken und herumflatternden Plastikfolien erweckt diese aus der Luft betrachtet allerdings nicht den Eindruck, als ob sie tatsächlich funktionieren würde.

Wenn Stieglitz an den Weissen Nil kommt, um dort den Machenschaften der Ölgesellschaft auf den Grund zu gehen, erwartet ihn schweisstreibende Arbeit. Erst lässt er die Piloten der gecharterten Maschine Erkundungsschleifen über den sich auf 4000 Quadratkilometern ausdehnenden Ölfeldern fliegen und nimmt mit seinem GPS-Gerät die Koordinaten der Tümpel oder verlassenen Bohrlöcher auf.

Bohrfirmen wiegeln ab

Später nähert er sich den Brennpunkten der Verschmutzung mit einem klapprigen Kleinbus, kriecht unter Zäunen durch, seilt sich zu tief gelegenen Tümpeln ab oder legt selbst in der über 40 Grad heissen Mittagshitze Fussmärsche zu verdächtigen Orten zurück. Das WNPOC-Konsortium versorgt den Menschenrechtler nicht einmal mit den grundlegendsten Fakten über die verwendete Technologie oder das Volumen des benützten Wassers: Kein einziges seiner zahlreichen an die Firmenzentrale in Khartum gerichteten Schreiben wurde bislang beantwortet.

Im vollklimatisierten WNPOC-Quartier werden wir von einem stattlichen Repräsentanten der Ölgesellschaft empfangen. Tigani Ahmed Daha berichtet eine gute halbe Stunde lang, was seine Firma alles für das Wohl der Bevölkerung der Unity-Provinz tut: Dass viele Bewohner von diesem Segen nichts mitbekommen haben, liege nicht an WNPOC, sondern an der südsudanesischen Regierung. Für Fragen über verwendete Technologien, Massnahmen des Umweltschutzes und die Qualität des Wassers verweist Daha an die WNPOC-Zentrale in Khartum, wo man – zwei Jahre nach den ersten Vorwürfen – inzwischen sogar eine Stellungnahme vorbereitet hat. Darin weist die Firma sämtliche Anschuldigungen «kategorisch» zurück: WNPOC folge in der Ausführung seiner Operationen internationalen Umweltschutz-Standards und halte sich «strikt an einen Nullausstoss von Schadstoffen», der hohe Salzgehalt des Grundwassers sei auf natürliche Ursachen zurückführen.

«Zweifellos kontaminiert»

Stieglitz’ gesammelte Wasserproben sprechen eine andere Sprache. Die chemische Zusammensetzung der aus den Wasserpumpen fliessenden Brühe entspreche weitgehend dem von den Öl- und Bohrgesellschaften produzierten Abwässern, will Hydrogeologin Rüskamp wissen: «Das Trinkwasser ist zweifellos kontaminiert.» Das entspricht auch den Beobachtungen des Direktors der Gesundheitsbehörde der Unity-Provinz, Peter Majuoy Guf. «Wir haben hier eine alarmierende Situation», klagt der Direktor in seinem Büro in Bentiu: «Woche für Woche hören wir von neuen Ausbrüchen akuter Durchfallerkrankungen und können nichts dagegen tun.» Seine Behörde würde dem Grund für die Wasserverseuchung ja gerne nachgehen, habe aber nicht die Mittel dafür und werde von der WNPOC nicht mit den nötigen Informationen versorgt: Wenn er dort anrufe, werde er von einer Stelle zur anderen verwiesen. «Ach, hätte man doch bloss in unserem Boden kein Öl gefunden», sagt er, «es würde uns heute besser gehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2010, 04:00 Uhr

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3 Kommentare

Ernst Bucher

02.02.2010, 09:39 Uhr
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Umweltkriminalfall in Reinkultur.Von der ganzen Korruption, dass für das Volk nichts als verseuchtes Wasser , Tod und Verderben resultiert , ganz zu schweigen.Angesichts des Kopenhagener Leerlaufs, der 100e von Mio$ gekostet hat, gäbe es in der UNO wohl dringendere Probleme, solche Umweltkriminalität zu bestrafen, statt chin. Wirtschaft zu bewundern,die auf solcher Umweltkriminalität basiert! Antworten


Gianin May

02.02.2010, 11:33 Uhr
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Hat sich in den vergangenen 2-300 Jahren etwas geändert? Nein. Der Wohlstand Europas hat schon immer auf der Ausbeutung der 3. Welt basiert heute kommen einfach noch neue Länder dazu und wieso sollten es die anderen anders tun als wir es getan haben und noch immer tun? Wann lernen wir endlich, dass die Probleme und Lösungen dieser Welt nicht finanziell gleichzukommen ist. Antworten



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