«Glencore spielt mit der Regierung des Kongo»

Rohstoffexperte Fridolin Ambongo hofft, dass der Bundesrat die Zuger Firma unter Druck setzt.

Die Demokratische Republik Kongo gehört zu den rohstoffreichsten Ländern der Welt: Mine nahe der Stadt Numbi. Foto: Redux, Laif

Die Demokratische Republik Kongo gehört zu den rohstoffreichsten Ländern der Welt: Mine nahe der Stadt Numbi. Foto: Redux, Laif

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Im Osten der Demokratischen Republik Kongo herrscht seit Jahren Bürgerkrieg. Wie ist die Lage heute?
Die Situation hat sich etwas gebessert. Nach der Rebellion der M-23-Miliz, die Ende 2012 die Stadt Goma besetzt hatte, wurde Frieden geschlossen zwischen dem Kongo und seinen Nachbarn, die die M-23 unterstützt hatten. Geholfen hat uns Mary Robinson, die als Son­dergesandte des UNO-Sicherheitsrats für die Region der Grossen Afrikanischen Seen das Abkommen vermittelte. Zusammen mit dem deutschen Diplomaten Martin Kobler, der seit gut einem Jahr die UNO-Mission im Ostkongo leitet, schuf sie ein neues politisches Klima.

Terrorisieren die diversen Milizen also nicht mehr die ganze Region?
Doch, aber nicht mehr so intensiv. Denn inzwischen müssen die Täter fürchten, vor Gericht gestellt zu werden. Das ist ganz neu im Kongo. Unter dem Druck der internationalen Gemeinschaft wurden kürzlich 30 Angehörige der Armee verhaftet, weil sie Frauen vergewaltigt hatten. Leider kam es nur zu einer Verurteilung. Aber allein die Tatsache, dass ein Militär ins Gefängnis musste, schreckt ab. Die Vergewaltiger wissen, dass sie nicht mehr straffrei bleiben.

Im Ostkongo gibt es seltene Erze, etwa Coltan, das man für Handys braucht. Ist der natürliche Reichtum die Ursache für den Konflikt?
Ja, aber nicht die einzige. Denn der Konflikt ist politisch, denken Sie an die Spannungen mit Ruanda. Aber die Bodenschätze potenzieren unsere Probleme. Denn alle Kriegsteilnehmer finanzieren sich mit dem Verkauf von Bodenschätzen. Die internationale Gier danach ist enorm. Grosse Firmen stürzen sich wie Raubvögel auf die Bodenschätze aus dem Kongo. Dagegen haben dessen Einwohner noch gar nie vom natürlichen Reichtum ihres Landes profitiert. Und das seit der belgische König Leopold II. begann, das Land auszubeuten.

Sind diese grossen Rohstofffirmen mitverantwortlich für die nie endenden Konflikte im Kongo?
In gewisser Hinsicht schon. Vor allem haben sie die Lizenzen zum Abbau der Bodenschätze zu einem Zeitpunkt erworben, als die kongolesische Regierung extrem schwach war, nämlich während des Zweiten Kongokriegs von 1998 bis 2003. Damals kämpfte unser Land gleichzeitig gegen mehrere Nachbarstaaten. Dieser afrikanische Weltkrieg wirkt immer noch nach, der Konflikt im Ostkongo ist eine Folge davon. Die Führung brauchte damals rasch Geld, um Waffen zu kaufen. Da wurde jeder Vertrag unterschrieben, egal was dabei gerade verkauft wurde. Davon profitierten Firmen wie etwa Glencore aus der Schweiz, die sich grosse Stücke abschnitten vom kongolesischen Kuchen.

Tragen Unternehmen wie Glencore heute nicht dazu bei, dass sich der Kongo entwickelt?
Doch, denn sie schaffen Arbeitsplätze. Glencore hat es gewagt, im Kongo zu investieren, das bringt uns etwas. Aber sie könnten es besser machen. Die Regierung erarbeitet derzeit neue Richtlinien für den Bergbau. Denn die bisherigen waren diktiert worden von den Rohstoff­unternehmen. Davon profitierte auch die Regierung in Kinshasa, die korrupt ist. Doch unter dem Druck der internationalen Gemeinschaft muss sie nun die alten Verträge mit den Pauschalbeträgen für die Abbaulizenzen revidieren. Allerdings geht das alles viel zu langsam voran, die Revision wird verschleppt.

Hat die kongolesische Regierung überhaupt die Macht, um Konzernen wie Glencore neue Bedingungen zu diktieren?
Nein, die Regierung Kabila ist wohl zu schwach, um auf Augenhöhe zu verhandeln. Ausserdem lässt sie sich von den Rohstoffunternehmen kaufen. Das wird sich erst ändern, wenn sich die kongolesische Zivilgesellschaft, also etwa unsere Bischofskommission für natürliche Ressourcen, Gehör verschafft. Wir fordern von der Regierung, dass sie faire neue Verträge mit Firmen wie Glencore aushandelt. Präsident Joseph Kabila kann nun auf diesen Druck aus seiner Bevölkerung verweisen, wenn er mit einem Rohstoffunternehmen spricht. Das müsste seine Position stärken gegenüber Glencore oder auch amerikanischen Firmen, die Widerstand leisten. Sobald der Druck gross genug ist, werden die Unternehmen zuhören.

Zahlen diese Firmen angemessen Steuern im Kongo?
Sie sind vertraglich dazu verpflichtet. Allerdings nur auf die Gewinne. Glencore oder ihre Tochterfirmen arrangieren die Zahlen jedoch so, dass sie für jedes Jahr ein Defizit aufweisen. Gleichzeitig investieren sie weiter. Ich weiss nicht, wie das gehen soll. Oder aber sie sagen, dass sie ihre Milliardengewinne in der Schweiz versteuern. So spielt Glencore mit der Regierung des Kongo.

Die Schweiz profitiert von der Rohstoffbranche. Gleichzeitig investierte sie 2014 50 Millionen Franken Entwicklungshilfe in die Region der Grossen Seen, zu der auch der Ostkongo gehört.
Das ist das Paradox der westlichen Politik gegenüber uns. Die internationalen Firmen, die in den Kongo kommen, werden von ihren Herkunftsländern protegiert, etwa durch tiefe Steuern. Gleichzeitig fordert der Westen, dass wir von ebendiesen Unternehmen mehr Steuern einziehen, um die Entwicklungshilfe überflüssig zu machen. Es ist, als ob im Stile eines Pyromanen Feuer gelegt wird und wir dann für den Brand verantwortlich gemacht werden.

Was sollte die Schweiz tun?
Die Schweizer Regierung könnte Glencore etwas mehr unter Druck setzen, im Kongo so zu investieren wie in anderen Ländern auch. Davon könnten dann auch wir Kongolesen profitieren. Das ist viel wichtiger als Entwicklungshilfe. Denn dadurch würden die Schweizer Hilfsgelder vielleicht eines Tages überflüssig, weil sich mehr Menschen selber eine Existenz sichern könnten.

Ist die Entwicklungshilfe sinnlos?
Nein, die Not ist gross, und das leider seit Jahrzehnten. Mit Geld aus dem Ausland kann diese Not gelindert werden. Faktisch ist der Kongo von der interna­tionalen Hilfe abhängig. Entwicklungshilfe ist jedoch nicht nachhaltig, mit Hilfsgeldern wird man den Kongo nie entwickeln können.

Aber damit sich eine Wirtschaft etabliert, braucht es ein Minimum an Infrastruktur, die es im Kongo nicht gibt.
Schlimmer noch: Unsere Regierung hat keine Vision für den Kongo, sie agiert von Tag zu Tag. Wir wissen nicht, wohin wir gehen. Dabei bräuchten wir einfach mal grosse Strassen quer durchs Land. Wenn ich von Kinshasa aus meine Diözese Bokungu-Ikela besuche, die tief im Regenwald liegt, bin ich monatelang unterwegs, und zwar mit meinem Motorrad, anders geht es gar nicht. Deshalb wären wir auf die Weltbank und auf private Investoren angewiesen. Letztere sollten allerdings nicht nur den kurzfristigen eigenen Gewinn im Auge haben.

Müsste die Lösung nicht aus dem kongolesischen Volk kommen?
Ein Problem ist die Haltung der Leute. Kurz nach der Unabhängigkeit funktionierten Schulen und Universitäten noch, die Menschen waren gebildet, heute sind sie passiv und mutlos. Verantwortlich dafür ist Mobutu (an der Macht von 1965 bis 1997, die Red.), der jede Eigen­in­itiative, jede demokratische Regung systematisch zerstört hat. Heute glauben die Menschen nicht mehr daran, etwas verändern zu können, auch nicht, was die Ausbeutung der Bodenschätze betrifft. In dieser Haltung werden sie bestärkt durch die vielen fundamentalistischen Erweckungskirchen, die aus den USA in den Kongo gekommen sind. Die predigen, das Schicksal der Kongolesen liege allein in Gottes Hand. Entsprechend apathisch sind sie.

Was machen Sie als Bischof dagegen?
Ich reise durchs Land und versuche, die Menschen zu sensibilisieren für das, was ihnen widerfährt. Ich bin zum Beispiel dagegen, dass Präsident Kabila die Verfassung ändert, damit er noch eine dritte Amtszeit anhängen kann und so zum Diktator wird. Das muss man den Leuten erklären. Denn Kabilas Regierung ist hauptverantwortlich für unsere Misere. Ich bin kein Politiker, aber die Opposition ist ja komplett inexistent.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.09.2014, 22:01 Uhr)

Der Rohstoffexperte Fridolin Ambongo präsidiert die Bischofskommission für Ressourcen (Cern) in Kongo-Kinshasa, Sie befasst sich mit Konfliktmineralien und wird unterstützt von Fastenopfer. Foto: Nathaniel Daudrich

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