Glencore-Präsident plant Kriegsflotte gegen Piraten

Simon Murray, Verwaltungsratspräsident des Schweizer Rohstoffgiganten Glencore, war einst Fremdenlegionär. Jetzt ist er Mitbegründer einer Firma, die es mit Piraten im Indischen Ozean aufnimmt.

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Simon Murray, der seit April 2011 den Verwaltungsrat des Rohstoffunternehmens Glencore in Baar (ZG) präsidiert, hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Als CEO des Hutchison-Konzerns in Hongkong gründete er den Mobilfunkanbieter Orange. Er wirkte auch als Chairman der Deutschen Bank in Asien. Der 71-jährige Brite war immer auch ein Abenteurer. Als junger Mann hatte er während des Algerienkriegs in der französischen Fremdenlegion gedient. Mit 64 Jahren marschierte er 1200 Kilometer durch die Antarktis zum Südpol.

Für seine Lust am Abenteuer und seinen Sinn fürs Geschäftemachen hat nun Murray ein neues Tätigkeitsfeld gefunden – den Kampf gegen die Piraten im Indischen Ozean.

«Definitive Lösung für die maritime Piraterie»

Gemeinsam mit dem ebenfalls sehr umtriebigen britischen Unternehmer Anthony Sharp hat der Glencore-Verwaltungsratspräsident eine Firma gegründet, die Handelsschiffe vor Angriffen von Piraten auf den Weltmeeren schützen soll. Die Geschäftsidee hatte Sharp angeblich beim Polospielen, wie er der britischen Zeitung «The Telegraph» erzählte. Das Unternehmen heisst Typhon, benannt nach einer Monstergestalt aus der griechischen Mythologie. Sharp ist Geschäftsführer, Murray fungiert als Präsident des Verwaltungsrats. «Typhon ist die definitive Lösung für die maritime Piraterie», heisst es auf der Webseite der Firma Typhon.

Ausser der Werbung in eigener Sache und einer Mail-Adresse ist auf der Typhon-Webseite allerdings nichts zu erfahren über das britische Antipiraterie-Projekt. Immerhin hat Sharp in Medienberichten ein paar Dinge verraten, dagegen hält sich Murray zurück.

Umgebautes Containerschiff mit Schnellbooten und Drohnen

Der von Typhon angebotene Geleitschutz für Handelsschiffe besteht aus einem umgebauten Containerschiff als Mutterschiff sowie vier Schnellbooten und Drohnen zur Überwachung der Umgebung. Zur privaten Kriegsflotte gehören etwa 60 Söldner, insbesondere ehemalige britische Soldaten, die mit halb automatischen Waffen und Scharfschützengewehren bewaffnet sind. Typhon setzt auf Abschreckung. Das militärische Know-how für die Schutzfahrten der Firma Typhon werden ehemalige Generäle und Admiräle aus Grossbritannien und den USA liefern. Bisher haben zwei asiatische Schifffahrtsgesellschaften in die Firma Typhon investiert.

Gemäss Medienberichten sollen bereits zwei Typhon-Flotten in See stechen – die eine Flotte im Golf von Aden und die andere im Golf von Guinea. Bis Ende Jahr will Sharp seinen Betrieb auf sechs Mutterschiffe ausbauen, bis 2016 sollen es zehn Schiffe sein. Unter welcher Flagge die Typhon-Schiffe verkehren werden ist offenbar noch unklar.

Die Piratenangriffe auf den Weltmeeren sind im vergangenen Jahr weniger geworden (siehe Infobox). Einerseits weil immer mehr Handelsschiffe bewaffnete Sicherheitsleute an Bord haben, wenn sie Piratengewässer wie bei Somalia durchqueren. Andererseits weil staatliche Missionen wie die EU-Operation Atalanta eine abschreckende Wirkung auf Piraten haben. Dennoch zeigt sich Anthony Sharp zuversichtlich, was die Erfolgschancen von Typhon anbelangt. Und das nicht nur, weil das von Piraten bedrohte Gebiet im Indischen Ozean oder neu auch vor Westafrika allzu gross ist, um mit den bisherigen privaten und staatlichen Massnahmen geschützt zu werden. Sharp sagte gegenüber «Spiegel online», dass das Angebot von Typhon interessant sei, weil Reeder unter anderem von geringeren Versicherungsprämien profitieren könnten.

Glencore wäre der bestmögliche Kunde für Typhon

Beim Aufbau des neuen Geschäfts von Typhon spielen die Rohstofffirma Glencore und deren Verwaltungsratspräsident Simon Murray eine wichtige Rolle, wie Sharp freimütig einräumt. Murray werde sehr nützlich sein, erzählte Sharp der britischen Zeitung «The Telegraph». Er habe ihn schon mit Glencore-Leuten bekannt gemacht. Sharp hofft, dass er den Schweizer Rohstoffgiganten als Kunden gewinnen kann – dies wäre ein perfekter Start. Bereits vor der Megafusion mit dem Bergbaukonzern Xstrata ist Glencore der weltweit grösste Charterer von Frachtschiffen.

Beim Rohstoffunternehmen im zugerischen Baar ist keine Stellungnahme erhältlich, weder zu den Geschäftsaktivitäten ihres VR-Präsidenten Murray noch zu einer möglichen Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsanbieter Typhon. Glencore reagierte nicht auf entsprechende Fragen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Dagegen äusserte sich Oliver Classen, Sprecher der Nichtregierungsorganisation Erklärung von Bern, die die Aktivitäten von Glencore kritisch beobachtet. «Wir sind gespannt, ob Glencore nun auch unter das kommende Schweizer Gesetz für private Sicherheitsfirmen fällt», sagte Classen. Und weiter: «Dieses Engagement des obersten Glencore-Angestellten korrespondiert mit den aggressiven Geschäftspraktiken dieses Konzerns.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.01.2013, 14:22 Uhr)

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«Folge nicht einem ausgetretenen Pfad. Geh dorthin, wo es noch keinen Pfad gibt, und hinterlasse eine Spur»: Simon Murray, Verwaltungsratspräsident von Glencore. (Bild: Keystone )

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Piraterie auf den Weltmeeren

Ein Drittel weniger Piratenangriffe

Rigorose Patrouillen und der Einsatz von Soldaten haben Piraten auf den Weltmeeren das Fürchten gelehrt. Die Angriffe sind 2012 um ein Drittel zurückgegangen, vor allem vor Somalia. 297 Angriffe von Piraten wurden im vergangenen Jahr gemeldet, im Vergleich zu 439 im Jahr 2011. Damit lag die Zahl so niedrig wie seit fünf Jahren nicht mehr, wie die Meldestelle der internationalen Handelskammern für solche Überfälle (IMB) kürzlich mitteilte.
West- und Ostafrika bleiben dennoch die Brennpunkte der Piraterie. Gut die Hälfte aller Schiffe wurde dort überfallen. Vor Somalia und im Golf von Aden wurden im vergangenen Jahr 75 Schiffe angegriffen. Im Jahr davor waren es noch 237 gewesen. Piraten enterten im Vorjahr insgesamt 174 Schiffe. 28 wurden entführt. 585 Seeleute wurden als Geiseln genommen - nach 802 im Jahr 2011. Sechs Mannschaftsmitglieder kamen ums Leben, 32 wurden verletzt. (vin)

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