Grausame Selbstjustiz in Südafrika

Die Wut eines Mobs bedeutet für immer mehr Einbrecher oder Ausländer in Südafrika den Tod. Was der Gewaltrausch auslöst.

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Ein kurzer Pfiff aus einer kleinen Pfeife genügt. Dann wissen die Nachbarn, dass wieder mal was los ist, und kommen aus ihren Hütten gerannt. Sind sie schnell genug, erwischen sie noch einen der Ganoven, die gerade in eine Hütte eingebrochen sind, ein Handy gestohlen oder ein Mädchen belästigt haben. Mit einem ersten Hieb wird der Kerl zu Boden gestreckt, dann hageln unzählige Schläge auf Kopf und Körper des Kriminellen nieder.

Bald haben sich Dutzende oder sogar Hunderte von Slumbewohnern eingefunden: Ein besonders erregter Mann kommt auf die Idee, endgültig Schluss mit der «Pest» zu machen. Mehrere Jungen rasen davon, um einen Autoreifen und eine Flasche Benzin zu holen. Der sich inzwischen kaum noch bewegende Dieb wird an den Reifen gebunden und mit dem Benzin übergossen. Nachdem das brennende Streichholz gefallen ist, sind nur noch Schreie aus dem Feuerball zu hören. Die Menge tanzt.

Kämpfen um jeden Krümel

Eine Szene, wie sie sich in Südafrika alle paar Wochen abspielt. Besonders häufig in grossen Armensiedlungen wie Khayelitsha bei Kapstadt oder Diepsloot bei Johannesburg, wo mehrere Zehntausend Personen, viele von ihnen ohne Strom und Wasser, in wackeligen Bretterhütten leben. Diepsloot ist Südafrikas sozialer Hotspot Nummer 1: Hier kämpfen Einheimische und Einwanderer um jeden Krümel, der auf die Staubstrasse fällt.

Die Polizei wagt sich nur im Konvoi in den Slum: Für Streifenwagen sind die meisten der engen Gassen, die sich durch die zusammengepferchten Hütten schlängeln, ohnehin zu schmal. «Die Ordnungshüter sind viel zu sehr damit beschäftigt, in den Stadtteilen der Weissen Einbrecher zu jagen», sagen die Einwohner von Diepsloot: «Zu uns kommen die sowieso nie.» Mob-Justice, die von den Slumbewohnern spontan und in blinder Wut ausgeübte Strafverfolgung, scheint die einzig wirksame Form zu sein, der Epidemie des Verbrechens etwas entgegenzusetzen.

Mobs, jene von eigenen Gesetzen bestimmten Ansammlungen von Menschen, pflegen sich in Südafrika nicht nur im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die Kriminalität zu bilden. Regelmässig wenden sich die brodelnden Emotionen auch gegen Ausländer: Fremdenfeindliche Pogrome sind am Kap der Guten Hoffnung keine Seltenheit. Von einem willkürlichen Ereignis ausgelöst, ziehen Mobs von einem von Ausländern betriebenen Geschäft zum anderen, um Regale zu plündern und – wenn er nicht schnell genug das Weite sucht – auch den Eigentümer totzuschlagen.

Das «Halsband»

Mobs können ausserdem entstehen, wenn die Bewohner einer Schwarzensiedlung wieder einmal über Monate hinweg auf Strom und Wasser zu verzichten hatten: Dann zieht die aufgebrachte Menschenmenge zum Rathaus oder zur Villa des als korrupt betrachteten Bürgermeisters, um zumindest dessen Haus in Brand zu setzen. In ländlichen Gebieten kommt es immer wieder vor, dass ein Mob auch Jagd auf eine «Hexe» oder einen «Zauberer» macht: Personen, die sich durch Glück, plötzlichen Reichtum oder unkonventionelles Verhalten von der Norm abgesondert haben.

Mobs sind ein altes Phänomen am Kap der Guten Hoffnung. Schon während der Apartheidzeit reagierten Mitglieder der schwarzen Bevölkerungsmehrheit in besonders repressiven Zeiten mit der spontanen Bildung von Menschengruppen, die ihrem Zorn gegen die Polizei, gegen angebliche Verräter aus den eigenen Reihen oder – eher selten – auch gegen weisse Südafrikaner freien Lauf liessen. Aus den Zeiten des Befreiungskampfs stammt das sogenannte Necklacing, bei dem vermeintliche Polizeispitzel mit einem «Halsband» versehen wurden – dem mit Benzin gefüllten Autoreifen.

Ein Mob bringe vorübergehende politische Gemeinschaften hervor, indem er die Bevölkerung in «Wertvolle und Wertlose, Vertrauenswürdige und Nichtvertrauenswürdige, Wesen und Unwesen» aufteile, meint der in Südafrika forschende dänische Anthropologe Lars Buur. Das mache die Meute zu einem «souveränen Gebilde», das auf «exzessive und gewalttätige Weise die etablierten Normen» herausfordere. Im Mob wurden die entrechteten südafrikanischen «Untermenschen» zumindest kurzfristig zum Souverän.

Labiles Selbstbewusstsein

Nomfundo Mogapi, Direktorin des Johannesburger Zentrums zum Studium der Gewalt und Versöhnung, versucht den psychologischen Gründen für die Entstehung solcher Zusammenrottungen auf die Spur zu kommen. Menschen mit stabilem hohem oder ständig niedrigem Selbstbewusstsein würden sich kaum an Mobs beteiligen, meint die Psychologin: Dafür anfällig seien vielmehr Personen mit labilem Selbstbewusstsein.

Bekanntlich war das System der Rassentrennung darauf ausgerichtet, das Selbstwertgefühl der Bevölkerungsmehrheit zu zerstören: Schwarze Südafrikaner sollten sich als Menschen zweiter oder gar dritter Klasse fühlen. Nach der schwarzen Machtübernahme sei das Problem der gebrochenen Selbstwertgefühle nie wirklich angegangen worden, klagt Mogapi: Die neue Elite habe lediglich versucht, den empfundenen Mangel durch materiellen Reichtum auszugleichen – eine zweifelhafte Strategie, von der die mittellose Bevölkerungsmehrheit ohnehin erneut ausgeschlossen war. Sie sucht ihre Ermächtigung in Episoden des kollektiven Macht- und Gewaltrauschs zu finden: eine Parallele zu den Vorgängen in Köln? (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.01.2016, 14:40 Uhr)

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