«Ich bin der Boss - und ich bin eine Frau»
Nawal Al-Hosany.
Nawal al-Hosany
Nawal al-Hosany ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgewachsen. Sie hat dort auch den grössten Teil ihrer Ausbildung absolviert. Ihr Doktorat holte sie an der Universität Newcastle-upon-Tyne in England, und an der Harvard Business School in Cambridge (USA) belegte sie einen Kurs im «Executive Education Program». Vor ihrer Tätigkeit als Direktorin für Nachhaltigkeit für Masdar City arbeitete sie im Departement Planung bei der Polizei von Abu Dhabi. Im Jahr 2008 wurde Hosany mit dem Preis für «Emirates Businesswoman» ausgezeichnet. – Dieses Interview wurde am Donnerstag im Rahmen des 3. Climate Forum in Thun geführt. Informationen und Videos zum Forum und zu Masdar City sind unter www.climateforum.ch zu finden. (bur)
«Bund»: Frau Hosany, wie weit ist der Bau von Masdar City?
Nawal Al-Hosany: Phase 1 wird im Jahr 2013 fertig sein. Die Universität steht schon fast, und das 10-Megawatt-Sonnenkraftwerk, das grösste im Nahen Osten und Nordafrika, liefert bereits sauberen Strom. Darauf sind wir sehr stolz.
Wann werden die ersten Menschen in Masdar City leben?
Zu Beginn des Jahres 2011.
Wessen Idee war es, eine CO2-freie Stadt für 50'000 Menschen in der Wüste zu bauen?
Idee und Initiative kamen von unserem Kronprinzen, wir wollten etwas sehr Dramatisches tun, um vom negativen Image wegzukommen . . .
. . . vom negativen Image, dass die Emirate haben, weil sie so viel Energie verbrauchen?
Stimmt, unser Land hat einen hohen CO2. Das Land entwickelt sich, und weil sehr viel gebaut wird, gibt es einen übermässigen Energieverbrauch, den wir jetzt aber mit grossem Einsatz bekämpfen.
Kann man das Projekt also als Folge des schlechten Energie-Gewissens sehen?
Da bin ich nicht so sicher. Das schlechte Gewissen manifestiert sich eher in den entwickelten Ländern, wenn sie Kohlendioxid-Emissionszertifikate in andern Ländern kaufen, statt den eigenen CO2 zu reduzieren. Im Gegensatz dazu investieren wir in den Emiraten in eine Stadt, die auf die weitere Entwicklung der Städte einen Einfluss haben wird. Wir tun das nicht aus einem schlechten Gewissen heraus, sondern weil wir in die Zukunft investieren wollen. Masdar wird Abu Dhabi helfen, seine Rolle im Energiemarkt zu behaupten, nicht nur, was fossile Brennstoffe betrifft, sondern in Bezug auf Zukunftsenergien.
Soll Masdar City also ein Modell für Öl produzierende Länder werden?
Hoffentlich wird es zum Modell für alle Städte in der ganzen Welt. Es ist ein sehr ehrgeiziges Projekt, von dem alle etwas lernen können.
Handelt die Regierung auch aus Sorge vor der Zeit, wenn das Öl nicht mehr sprudelt?
Wenn das Ende des Ölzeitalters kommt, wird das nicht nur für Abu Dhabi, sondern für die ganze Welt ein Problem sein. Wir sehen Masdar als Pilotprojekt für die ganze Welt, um neue Technologien zu verbreiten und marktfähig zu machen.
Aber es wird in den Emiraten zwei Gesellschaften geben: eine umwelt- und energiebewusste in Masdar und eine Gesellschaft im übrigen Land, die mit grossem Energieverbrauch weiterleben wird.
Das wird nicht der Fall sein. Wir befassen uns sehr wohl mit der Entwicklung der gesamten Emirate. Nachhaltigkeit ist heute ein Pfeiler der ökonomischen Entwicklung in Abu Dhabi.
Sie hoffen also, dass sich die Lebensart in der ganzen Region ändern wird, weil Masdar mit dem guten Beispiel vorangeht?
Es wird einen Schneeballeffekt geben: Man beginnt mit etwas Kleinem. Es gibt grossen Widerstand, aber es wächst langsam. Die Führung von Abu Dhabi unterstützt uns. Um nur ein Beispiel zu geben: Auf dem Haus des Kronprinzen gibt es jetzt Sonnenkollektoren, und wir hoffen, dass dieses Beispiel Schule macht.
Wie kommt man in Masdar, wo es keine Autos geben soll, von Punkt A zu Punkt B? Man geht zu Fuss. Wenn es zu weit ist, gibt es das PRT, das persönliche Schnell-Transportsystem mit einem Netz über die ganze Stadt. Für längere Strecken gibt es eine Untergrundbahn.
Woher kommt die Technik für dieses PRT?
Von einer holländischen Firma. Das System funktioniert wie ein horizontaler Lift: Man gibt den Ort ein und wird dorthin transportiert. Nach unseren Berechnungen beträgt die Wartezeit nur zwei bis drei Minuten. Es ist ein Taxi ohne Fahrer.
Werden die Leute wirklich im autolosen Masdar City wohnen wollen?
Wir haben Akzeptanz-Studien gemacht. Die Resultate haben uns überrascht. Eine Person zum Beispiel hat uns gesagt, das Einzige, was sie ärgern würde, wäre, wenn wir ihr den Computer und das Internet wegnehmen würden. Die Frage nach dem Auto war kein grosses Thema. Die Leute wollten viel eher wissen, ob sie zum Beispiel mehr für Strom bezahlen müssten.
Es wird ja auch Autos geben, allerdings müssen sie ausserhalb der Stadt abgestellt werden.
Das ist so. Und wenn sie sich dafür entscheiden, ihre Autos wegzugeben, werden wir eine Infrastruktur für Car-Sharing aufbauen. Wir geben den Bewohnern die Möglichkeit, auch ausserhalb der Stadt nachhaltiger leben zu können.
Masdar soll 22 Milliarden Dollar kosten. Wer wird das alles finanzieren?
Phase 1 wird von der Regierung bezahlt, die weiteren Phasen wollen wir aus verschiedenen Quelle finanzieren.
Sie sind aber erst in Phase 1, es kommen noch 5 weitere Phasen.
Wir glauben, dass die Finanzierung kein Problem sein wird. Masdar ist für viele Menschen jetzt noch ein Traum, aber wenn Phase 1 in Betrieb ist, wird das einen Ruck für die weitere Entwicklung geben.
Sie reden von einer Stadt ohne CO2-Emissionen. Nur: Der Bau kann sicher nicht CO2-neutral erfolgen.
Nein, aber wir wählen unsere Lieferanten sehr sorgfältig aus. Wir haben unsere eigenen Spezifikationen für das Material, das verwendet wird. Wir untersuchen, woher es kommt, wir schauen darauf, dass bei der Herstellung nur ein Minimum an CO2 ausgestossen wurde.
Wird auch in der Nacht genug Strom aus Solarkraftwerken zur Verfügung stehen?
Alle Gebäude werden ihren Stromverbrauch selber generieren und sogar mehr Strom produzieren, als sie verbrauchen. Mit der Zeit wird die ganze Stadt einen Stromüberschuss haben.
Masdar City soll auch fast keinen Abfall produzieren. Wie soll das bewerkstelligt werden?
Bei der Konstruktion der Stadt legen wir grossen Wert auf das Recycling fast aller Baumaterialien, nur gerade gefährliches Material wird in Deponien gelagert. Das schreibt das Gesetz vor.
Aber Lebensmittel werden verpackt werden, Getränke in Flaschen, in Dosen . . .
. . . wir werden Büchsen, Glas und Plastik rezyklieren. Die Anlage dafür ist im Bau. Was nicht rezykliert werden kann, wird zu unserer Abfallenergie-Fabrik geschickt.
Das heisst: Diese Materialien werden verbrannt, und aus diesem Prozess wird Strom gewonnen?
Ja.
Gibt es irgendwo Vorbilder für die fast abfallfreie Stadt, die Masdar werden soll?
Wir hatten einen Wettbewerb, an dem die besten Abfallverwertungsfirmen der Welt mitgemacht haben. Wir haben ihnen das Konzept für Masdar vorgelegt. Jetzt kaufen wir die effizienteste Technologie.
Sie bauen jetzt zwar diese Null-Emissions- Stadt, aber in Abu Dhabi entsteht auch eine Formel-1-Rennstrecke.
Sehen Sie, es ist wie in jeder Gesellschaft: Man muss ein Gleichgewicht zwischen der Umwelt und den Wünschen der Bevölkerung finden. Als entwickeltes Land brauchen wir auch Freizeitinstitutionen. Aber vergessen Sie nicht: Pro Kopf investieren wir weltweit am meisten in umweltfreundliche Technologien.
Aber es bleibt ein Widerspruch: eine Null-Emission-Stadt und eine Formel-1-Rennstrecke . . .
Nicht wirklich! Was die Rennstrecke an CO2 ausstösst, wird kompensiert. Wie gesagt: Man muss ein Gleichgewicht zwischen den Wünschen der Regierung und jenen des Volkes schaffen.
Wir haben gelesen, dass in Abu Dhabi auch eine Hallen-Skianlage gebaut werden soll.
Davon weiss ich nichts. Aber ich bin sicher: Wenn das geplant wird, wird man auch diese Anlage so energieeffizient wie möglich bauen.
Werden Sie selber in Masdar wohnen?
Auf jeden Fall. Es ist ein interessanter Ort.
Wollen Sie auch Menschen aus Europa anziehen?
Wir suchen nicht bestimmte Nationalitäten, sind aber offen für alle, die an sauberen Technologien interessiert sind. Menschen, die Freude an Innovationen haben, sind willkommen.
Sie bauen eine Universität, das Masdar Institute of Science and Technology. Wer soll hier ausgebildet werden?
Überdurchschnittlich gute Studenten, die nach einer Prüfung ausgewählt werden. Die Universität ist mit etwas mehr als 100 Studenten aus 22 Ländern schon gestartet.
In Masdar entsteht auch ein Swiss Village. Wie gross soll es werden?
Sehr gross, 150000 Quadratmeter. Wir haben schon Zusagen von rund 100 Firmen. Darunter zum Beispiel Implenia, Credit Suisse und Swiss Re.
Wie ist das Engagement von Schweizer Firmen zustande gekommen?
Der Schweizer Botschafter hat bei uns vorgesprochen, weil er die Botschaft nach Masdar verlegen wollte. Und wir haben gesagt: Wir haben grosses Interesse an Schweizer Technologien, wieso bauen wir nicht ein Schweizer Dorf? So hat die Partnerschaft begonnen.
Gibt es andere Länder, die sich in Masdar mit eigenen Dörfern engagieren wollen?
Es gibt Vorstellungen dazu, das ist offen. Aber die bisher einzige feste Verpflichtung kommt aus der Schweiz.
Sie sind die Direktorin für Nachhaltigkeit. Wandern Sie auf den Baustellen herum und sagen: Das ist nicht wirklich nachhaltig, was Sie da machen?
(Lacht.) Ja, das ist ein Teil der Arbeit, aber es ist auch noch ein bisschen komplizierter: Masdar ist den Prinzipien des «One Planet Living» verpflichtet, einem Nachhaltigkeitskonzept, das der WWF entwickelt hat. Wir haben einen Nachhaltigkeitsplan, den wir umsetzen wollen. Mein Team schaut darauf, dass er eingehalten wird. Alle, die mit uns zusammenarbeiten, müssen eine Nachhaltigkeitsvereinbarung unterzeichnen.
Auch internationale Firmen?
Ja. Wenn internationale Firmen in die Region kommen, gehen sie oft davon aus, dass sie ihre eigenen Umweltbestimmungen vergessen und sich anders benehmen können. Wir sorgen dafür, dass das nicht der Fall ist. Im sozialen Bereich arbeiten wir engagiert daran, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter zu verbessern.
Die Emirate und alle Ölländer im arabischen Raum haben den Ruf, ausländische Arbeiter nicht sehr gut zu behandeln. Das wollen Sie ändern?
Ja, das ist eines der Mandate, das wir ausüben und sehr ernst nehmen. Wie gesagt: Alle Baufirmen müssen einen Vertrag unterschreiben und sich verpflichten, solche Fragen zu beachten.
Die meisten Bauarbeiter kommen aus dem Ausland – woher?
Von überall her, zum Beispiel aus China, Pakistan und Indien.
Werden die Arbeiter in Masdar wohnen können?
Ja, es wird ein Arbeiterviertel geben. Es gab sogar den Plan, für Arbeiter schon vorher ein spezielles Dorf aufzustellen. Aber weil es jetzt einen Rückgang in der Bauindustrie gibt, stehen momentan für Arbeiter genügend Wohnungen zur Verfügung.
Sie tragen einen Schleier. Müssen sich Frauen in Abu Dhabi verschleiern?
Nein, ein Gesetz oder einen Zwang durch die Regierung gibt es nicht.
Aber die meisten Frauen, die in Abu Dhabi geboren wurden, tragen Schleier?
Es ist eine persönliche Frage. Eine meiner Kolleginnen kommt aus den Emiraten und trägt keinen Schleier.
Arbeiten mehr Männer als Frauen in Ihrem Nachhaltigkeitsteam?
Ich bin der Boss und bin eine Frau, und fast die Hälfte sind Frauen. Das Geschlecht ist aber kein Thema, es geht um die Fähigkeiten. In meinem Team arbeiten eine Deutsche, eine Griechin, eine Französin, eine Libanesin. Wir beschäftigen Architekten und Umweltspezialisten.
Arabische Länder sind gemäss einer von der Uno vor ein paar Jahren veröffentlichten Studie weniger weit entwickelt, als sie sein könnten, weil sie Frauen nicht die gleichen Rechte gewähren. Ändert sich das?
In den Emiraten war das nie ein Problem. Seit ich zur Schule ging, haben die Frauen in den Emiraten die gleichen Rechte. Meiner Erfahrung nach sind die Frauenthemen auf der ganzen Welt die gleichen. Probleme gibt es nur noch in einigen Ländern, die Frauen gewisse Dinge verbieten.
Zum Beispiel in Saudiarabien, wo Frauen nicht Auto fahren dürfen.
Ja, aber versuchen Sie nicht, mich vom Autofahren abzubringen!
In Masdar wird genau das passieren.
Das ist etwas anderes. Das geschieht, weil es in Masdar etwas Besseres als das Auto gibt. In den letzten Jahren haben sich die Freiheiten für Frauen in den Emiraten vergrössert. Im Kabinett sitzen jetzt drei oder vier Frauen, und drei oder vier Frauen sind Botschafterinnen in der ganzen Welt. Allerdings wird die Geschäftswelt noch von Männern dominiert, aber das ist in der Schweiz nicht anders. Wir hatten am Donnerstag ein Mittagessen mit CEOs. Darunter war nur eine Frau, und sie war kein CEO, sondern eine Journalistin.
Sie sind 2008 mit dem Preis für die «Geschäftsfrau der Emirate» ausgezeichnet worden. Wieso?
Als Anerkennung meiner beruflichen Tätigkeiten. Als ich den Preis bekam, habe ich für die Polizei von Abu Dhabi gearbeitet, ich war einer der höchstrangigen Offiziere.
Das ist ein ziemlicher Wechsel: von der Polizeioffizierin zur Direktorin für Nachhaltigkeit.
Ich war nicht Teil der uniformierten Polizei, sondern habe mich mit zukünftigen Projekten und Gebäuden befasst.
In Anlehnung an Ihre Dissertation, die Sie in England über das Design von Gefängnissen geschrieben haben?
Meine Dissertation handelt von nachhaltiger Architektur am Beispiel von Gefängnissen. Gefängnisse sind sehr komplizierte Institutionen. Es gibt dabei viele soziale Variablen, die eine Rolle spielen.
Masdar City tönt wie ein Märchen. Wird die Stadt Wirklichkeit werden, so wie Sie sich das vorstellen?
Ja, ich arbeite dort und sehe Tag für Tag, wie die Stadt entsteht. Ich bin ein Teil dieser Realität. Vielleicht geschieht es nicht genau entsprechend der Vision, aber das macht nichts. Auch wenn wir nur 80 Prozent unserer Ziele verwirklichen, sind das immer noch 80 Prozent mehr als in jeder anderen Stadt der Welt. (Der Bund)
Erstellt: 14.09.2009, 14:42 Uhr
Ausland
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.


