«Ich habe noch mit ihm telefoniert, ehe er aufbrach»

Die syrische Armee versucht mit aller Härte die Oppositionshochburg unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie beschiesst Stadtteile mit Raketen und Mörsern. Bei den Kämpfen starb auch ein AFP-Journalist.

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Mit militärischer Macht und Milizenterror versucht das syrische Regime den Willen der Aufständischen in der Stadt Homs zu brechen. Die Streitkräfte von Präsident Bashar al-Assad rücken weiter ins Zentrum der Oppositionshochburg Homs vor. Nach Angaben von Aktivisten feuerten sie Raketen und Mörser ab, um die Kontrolle über bestimmte Stadtgebiete zurückzuerlangen. Panzer seien nun im Viertel Inschaat. Sie bewegten sich in Richtung Bab Amro, wo in den vergangenen zwei Tagen bei heftigen Kämpfen mindestens 100 Zivilisten ums Leben gekommen seien.

Beim Vorgehen der syrischen Armee gegen die Protesthochburg sind nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten Dutzende Zivilisten getötet worden. Drei Familien seien zudem von Milizionäre in ihren Häusern massakriert worden, hiess es. Die Eindringlinge hätten 20 Menschen mit Messern getötet. Wegen der eingeschränkten Bewegungsfreiheit für Medienvertreter in Syrien ist es schwer, derartige Angaben zu überprüfen.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte, die Stadt sei bombardiert und mit schweren Waffen beschossen worden. Ein Aktivist in der Stadt sagte der Nachrichtenagentur AFP am Telefon, seit dem Morgengrauen sei der Beschuss «sehr intensiv». Mit dem Beschuss bereite die Armee offenbar eine Bodenoffensive vor. Aktivistensprecher Mohammed al-Hassan sagte in einem Interview über ein Satellitentelefon, dass im Grossteil der Stadt die Kommunikation lahmgelegt wurde. Auch in Sabadani nordwestlich von Damaskus bombardierten Panzer die Stadt.

AFP-Mitarbeiter getötet

Bei den Angriffen auf die syrische Protesthochburg Homs ist auch ein freier Mitarbeiter der Nachrichtenagentur AFP getötet worden. Der unter dem Pseudonym Omar der Syrer arbeitende Bürgerjournalist und demokratische Aktivist Mazhar Tayyara sei bei den Angriffen in der Nacht zum Samstag ums Leben gekommen. Dies berichtet ein Freund Tayyaras. Dem Freund zufolge half der 24-Jährige während der Angriffe auf das Stadtviertel Chalidija Verletzten, als er selbst getroffen wurde. Doch die genauen Angaben über die Umstände seines Todes sind widersprüchlich.

«Ich habe noch mit ihm telefoniert, ehe er aufbrach», sagt der Aktivist Mohammed. «Er ist in Chalidija von einer Panzergranate getötet worden.» Tayyara arbeitete als freier Mitarbeiter für mehrere Medien, darunter neben dem Videodienst der AFP auch für den britischen «Guardian» und die «Welt». Als Reporter war er im Satellitensender al-Jazeera und auf CNN zu sehen. Bei den westlichen Medien war er vor allem wegen der qualitativ hochwertigen Bilder beliebt – keine verwackelten Handyclips. Unermüdlich beantwortete er zudem über Skype die Fragen der Journalisten, schreibt Taz.de.

«Er hat sehr grosse Risiken auf sich genommen, um seine Bilder zu machen», sagt Will Davies vom globalen Kampagnennetzwerk Avaaz gegenüber Taz.de. «Er ist oft durch die Stadt gelaufen, während ringsum Scharfschützen auf den Dächern standen.»

«Er hat seine Berufung gefunden»

Tayyaras Freund berichtete, der Student habe sich schon bald nach Beginn der Proteste gegen den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad der Opposition angeschlossen. Bald habe er den wenigen ausländischen Journalisten in Homs geholfen.

«Er hat seine Berufung gefunden und hat sich eine Kamera gekauft», sagte der Freund. «Er ist bei dem gestorben, was er für die richtige Sache für sein Land hielt.»

Nach Angaben der syrischen Opposition waren bei Raketenangriffen auf Homs in der Nacht zum Samstag mehr als 230 Menschen getötet worden. Wegen der in Syrien verhängten Restriktionen gegen ausländische Medien lassen sich die Opferzahlen nicht überprüfen. (kpn/bru/sda)

(Erstellt: 08.02.2012, 08:54 Uhr)

Die Streitkräfte von Präsident Baschar al-Assad sollen weiter ins Zentrum der Oppositions-Hochburg Homs vorgerückt sein. (Video: Reuters )

Beobachter sollen Syrien verlassen

Die Arabische Liga forderte ihre Beobachter auf, Syrien zu verlassen. Das bestätigte ein Mitarbeiter der Liga in Kairo. Der Leiter der Beobachtermission, Mohammed al-Dabi, und sein Stab sollen jedoch vorerst noch in Damaskus bleiben. Der russische Aussenminister Sergej Lawrow hatte bei einem Treffen mit Präsident Baschar al-Assad gestern noch erklärt, die Beobachtermission könne ausgeweitet werden. Die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter meldete, in der Provinz Daraa seien ein Offizier und 17 Soldaten desertiert. (sda)

Starb für seine Überzeugung: Der junge Journalist Mazhar Tayyara. (Bild: AFP )

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