«Ich sah Folteropfer»
Von Tomas Avenarius. Aktualisiert am 19.01.2012 30 Kommentare
Anwar Malek: Der algerische Autor und Journalist wurde von einer arabischen Organisation für Menschenrechte als Beobachter für Syrien nominiert. Er lebt in Paris.
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Die Syrien-Beobachtermission der Arabischen Liga ist als «Farce» ins Gerede gekommen, seit der Algerier Anwar Malek die Lage in der Stadt Homs als «Desaster» bezeichnet und wegen der «Verbrechen des Regimes gegen die Menschlichkeit» den Dienst quittiert hat; die Liga-Beobachter machten durch ihr Schweigen neue Gewalt möglich. Der Chef der Mission, ein sudanesischer General, kanzelte Malek als Lügner ab: Er habe krank im Hotel gelegen. Der TA hat mit Malek am Telefon gesprochen.
Sie werden vom Chef der Mission als Spinner abgetan, der «fern der Wahrheit» rede. In Homs seien Sie krank gewesen, könnten also weder Übergriffe der Armee noch Gefolterte gesehen haben.
Das sind Lügen. Es gibt Bilder des syrischen Staatsfernsehen, die mich beim Einsatz auf den Strassen und im Spital in Homs zeigen. Im Hotel war ich vier Tage – nachdem ich demissioniert hatte. Vorher war ich neun Tage im Einsatz. General Dabi deckt die Syrer. Er hat in Damaskus heimlich Leute des Geheimdienstes getroffen.
Hat die Arabische Liga nach Ihrer Demission bei Ihnen nachgefragt?
Nein. Ich habe aber selbst versucht, den Liga-Generalsekretär anzurufen. Ich wurde abgewimmelt. Das Einzige, was die interessierte, war die orange Beobachterweste und meine Telefonkarte der Mission: Ich müsse sie zurückgeben. An Informationen hatte man kein Interesse. Stattdessen sagte man, ich hätte die Liga blamiert.
Wie arbeitete die Mission in Homs?
Wir waren 18 Beobachter und arbeiteten in Gruppen. Wir konnten sagen, wo wir hinwollten. Aber es dauerte immer. Wir wurden von drei, vier Autos mit Militär, Polizei und Geheimdienst begleitet. Man hat versucht, uns zu täuschen. Sie gaben vor, wir seien jetzt in der Strasse oder an dem Ort, nach dem wir gefragt hatten – aber es stimmte nicht. Als Zivilisten getarnte Polizisten versuchten auch, uns zu täuschen. Manchmal informierte uns die Opposition, wo Panzer stehen. Bis wir da waren, hatte die Armee sie weggefahren, kurz darauf waren sie wieder da.
Wurden Sie Zeuge von Gräueltaten?
Vor meinen Augen traf eine Kugel einen Fünfjährigen im Bauch. Ich sah eine Frau an einem Kopfschuss eines Scharfschützen sterben. Das waren Menschen, die auf der Strasse unterwegs waren. Ich habe auch Folteropfer gesehen. Da war die Leiche eines Mannes – den Namen habe ich vergessen –, der gehäutet worden war wie ein Schaf. Er war zusammen mit seinen Geschwistern von Leuten des Regimes festgenommen worden. Ich sah drei tote syrische Soldaten, mit Schusswunden im Rücken. Es hiess, sie seien Terroristen. Ich denke, es waren Befehlsverweigerer.
Haben Sie Gefängnisse besucht?
Ja, ein Gefängnis der Staatssicherheit. Politische Gefangene hat man uns nicht gezeigt. Wir sahen normale Häftlinge. Sie waren misshandelt worden. Nachdem wir die Wärter gebeten hatten, uns mit den Gefangenen allein zu lassen, wollten diese Menschen noch immer nicht reden. Einer sagte, man würde sie sonst «abschlachten».
Der Opposition wird vorgeworfen, sie entführe und foltere Angehörige der Assad-treuen Minderheiten.
Es gibt solche Entführungen. Ich glaube allerdings, dass auch dahinter das Regime steckt.
Haben Sie Kämpfer der Freien Syrischen Armee gesehen, die mit Deserteuren gegen Assad kämpft?
Ja, aber nur wenige. Sie hatten Kalaschnikows, keine schweren Waffen.
Wer tötet in Homs? Die Armee oder die berüchtigten Shabiha-Milizen?
Beide schiessen. Aber bei den Demonstrationen sind es die Shabiha, die wahllos feuern. Sie gehen in ein Haus, nehmen die Anwohner als menschliche Schutzschilde und schiessen von den Dächern.
Welchen Eindruck haben Sie von den Verantwortlichen in Homs?
Im Hotel wohnten neben uns Beobachtern sowohl der syrische Innenminister als auch Präsident Assads Schwager, Asef Shawkat, der Chef des militärischen Geheimdienstes. Im Gespräch sagten sie uns, die Demonstranten seien Terroristen. Sie könnten das Problem mit der Armee in nur 15 Minuten lösen, fürchteten aber den Aufschrei der internationalen Medien. Männer, Frauen, Kinder – für diese Leute sind alle Terroristen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.01.2012, 19:01 Uhr
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30 Kommentare
Herr Malik ist via seine erste Ehefrau mit Burhan Ghalyon, dem Präsidendenten des syrischen Nationalrates bekannt. Er scheint auch sonst fragwürdige Beziehungen zu haben, z.B. zu Rachid Ramda, den er seit seiner Kindheit kennt, und der der GIA angehört und in Frankreich im Knast sitzt wegen Bombenanschlägen in Paris. Er ist auch der einzige, der 165 Beobachter, der sich so äussert. Die lügen alle? Antworten
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