In Nigerias Erdölkrieg ruhen jetzt die Waffen

Von Johannes Dieterich, Johannesburg. Aktualisiert am 15.07.2009

Nach der Freilassung ihres Führers Henry Okah hat die mächtigste Rebellentruppe in Nigeria einen zweimonatigen Waffenstillstand ausgerufen. Nun muss sich auch die Regierung in Abuja bewegen.

Die Regierung von Abuja bot den Rebellen eine bedingungslose Straffreiheit an.

Die Regierung von Abuja bot den Rebellen eine bedingungslose Straffreiheit an.

Im nigerianischen «Erdölkrieg» schweigen zumindest vorübergehend die Waffen. Die Bewegung für die Emanzipation des Nigerdeltas (Mend), die bedeutendste Rebellentruppe des westafrikanischen Staates, gab am Mittwoch einen sofortigen Stopp ihrer gewalttätigen Aktionen für die Dauer von zwei Monaten bekannt, nachdem am Montag ihr Führer Henry Okah aus der Haft entlassen worden war. Die Regierung in Abuja hatte bereits Ende vergangenen Monats ein vorübergehendes Ende der Operationen ihrer Spezialtruppen im Nigerdelta bekannt gegeben und allen Rebellen eine bedingungslose Straffreiheit angeboten.

Nun wird erwartet, dass es zwischen Mend und der nigerianischen Regierung zu Gesprächen über die Zukunft des erdölreichen Nigerdeltas kommt: Allerdings fordern die Rebellen als Bedingung für den Dialog noch immer einen völligen Abzug der Joint Task Forces genannten Spezialtruppen aus dem Nigerdelta sowie die Rückführung angeblich Tausender von Personen, die im Zuge der seit Mai besonders brutal durchgeführten Militäroperationen angeblich vertrieben worden sind.

«Offenen Gespräche» werden Verlangt

Die Freilassung ihres 44-jährigen Führers sei ein «Schritt in Richtung eines dauernden Friedens», teilte die Rebellenorganisation in einer Stellungnahme mit: Nun komme es darauf an, in «offenen Gesprächen ernsthaft die tieferen Ursachen des Konflikts anzugehen». Henry Okah selbst äusserste in einem ersten Interview nach seiner Entlassung allerdings Zweifel daran, ob auch andere Rebellenführer seinem Beispiel folgen und die Straffreiheitsgarantie annehmen würden. Er habe das nur getan, weil er sich dringend wegen einer Nierenerkrankung in Behandlung begeben müsse, sagte der seit fast drei Jahren in Isolationshaft gehaltene Rebellenchef.

«Schreckliche» Haftbedingungen

Okah war im August 2006 in Angola festgenommen und unter dem Vorwurf des Hochverrats und Waffenschmuggels nach Nigeria ausgeliefert worden. Die Bedingungen seiner Haft in der zentralnigerianischen Stadt Jos bezeichnete er als «schrecklich»: Er sei in einer fensterlosen Zelle ohne Zugang zu Besuchern, Büchern oder Fernsehen eingesperrt gewesen.

Wenige Stunden vor der Freilassung Okahs hatte Mend am Sonntag ihren bisher waghalsigsten Angriff ausgeführt: Erstmals schlugen die Rebellen ausserhalb des Deltas zu, indem sie eine Erdöleinrichtung mitten im Hafen der Wirtschaftsmetropole Lagos in Brand setzten. Dabei kamen fünf Personen ums Leben: drei Erdölarbeiter sowie zwei Marineoffiziere.

Bereits Anfang Juni sprach die Rebellentruppe von einem regelrechten «Erdölkrieg», nachdem Spezialeinheiten des nigerianischen Militärs immer massivere Operationen im Deltastaat durchgeführt hatten. Mend sprengte wiederholt Erdölpipelines von internationalen Mineralölgesellschaften wie Shell und Agip: Die Produktion des achtgrössten Ölexporteurs der Welt ging im Zuge des internen Konflikts von 2,6 auf 1,8 Millionen Fass pro Tag zurück. Das hatte Wirtschaftsexperten zufolge auch einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Erdölpreises.

Überleben mit zwei Dollar pro Tag

Mend, die mehrere ethnisch organisierte Milizentruppen aus dem Nigerdelta vereint, tritt für eine veränderte Verteilung der Einkünfte aus den nationalen Ölexporten ein. Obwohl im Nigerdelta seit mehr als 50 Jahren Öl gefördert wird, muss der überwiegende Teil der dortigen Bevölkerung weiter von höchstens zwei Dollar am Tag und mit regelmässig auftretenden Ölverschmutzungen leben.

Anfang der 90er-Jahre setzte sich der Schriftsteller Ken Saro Wiwa an die Spitze des Widerstands der Bevölkerung im Delta und wurde von den nigerianischen Militärherrschern nach einem Schauprozess dafür hingerichtet. In einem Aufsehen erregenden aussergerichtlichen Vergleich erklärte sich der Mineralölkonzern Shell kürzlich in New York dazu bereit, die Nachfahren Ken Saro-Wiwas zu entschädigen – ohne allerdings irgendwelche Mitschuld an der Hinrichtung einzugestehen.

Ein äusserst korrupter Staat

Der vor zwei Jahren mit umstrittenen Wahlen an die Macht gekommene Präsident Umaru Yar–Adua hat zwar wiederholt grundlegende Reformen des als äusserst korrupt geltenden Staates angekündigt – bislang hat sich in dem bevölkerungsreichsten Land des Kontinents allerdings wenig getan. Beobachter hoffen nun auf die Neustrukturierung der berüchtigten Ölindustrie, die derzeit im Parlament beraten wird:

Danach soll die staatliche Ölgesellschaft NNPC, die bislang an allen Unternehmungen internationaler Mineralölkonzerne mit 50 Prozent beteiligt war, privatisiert und modernisiert werden. Ausserdem will die Regierung in Abuja die Erdölindustrie höher besteuern. Vor allem gegen Letzteres laufen die internationalen Mineralölkonzerne Sturm: In diesem Fall würden Neuinvestitionen um bis zu 50 Prozent zurückgehen, drohen die Unternehmen unverhüllt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2009, 23:34 Uhr

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