In Zimbabwe beginnt das grosse Sterben

Diktator Robert Mugabe muss keinen Aufstand fürchten, seine Untertanen sind zu schwach dafür. Zimbabwe taumelt einer Hungersnot entgegen, die Cholera rafft die Menschen dahin.

Ein Junge schöpft aus einer Tonne Wasser zum Trinken – beinahe eine Garantie für eine Cholera-Epidemie.

Ein Junge schöpft aus einer Tonne Wasser zum Trinken – beinahe eine Garantie für eine Cholera-Epidemie.
Bild: Keystone

Morgens um zehn. Eigentlich sollten Elisabeth und Revai jetzt in der Schule sein: Aber Unterricht gibt es in Village 26, wie das Dorf im zimbabwischen Bikita-Distrikt unromantisch heisst, seit Monaten nicht mehr. Allein und reglos sitzen die beiden Kinder vor ihrer strohbedeckten Rundhütte und starren Löcher in den Staub. Die Mutter ist im Morgengrauen losgezogen, um etwas Essbares zu finden. Ihre letzte Mahlzeit haben Elisabeth und Revai gestern Mittag eingenommen, und nur Sazza, wie der mit Wasser angerührte Maisbrei heisst. Ihre Haut fühlt sich bereits pergamentartig an: das erste Zeichen der Unterernährung, die ihnen zum Verhängnis wird, wenn nicht etwas geschieht.

Vier Millionen hungern

Keiner weiss in Village 26, wie die Katastrophe noch verhindert werden kann. «Wir alle haben höchstens noch einmal Sazza pro Tag», sagt der Vorsitzende des Dorfkomitees, Promise Makumbe. Die Vorräte seien aufgebraucht. Village 26, das seinen Namen wie die Dörfer in der Nachbarschaft einem gescheiterten Landreformprogramm aus den 90er-Jahren zu verdanken hat, ist kein Sonderfall: Die Berichte aus den Dörfern 1 bis 30 hören sich nicht anders an – wie überhaupt ganz Zimbabwe einer gewaltigen Hungersnot entgegentaumelt. EU-Hilfskommissar Louis Michel zeigte sich «schockiert» über die sich rasant verschlechternde Lage in dem südafrikanischen Krisenstaat.

Schon heute sind nach Uno-Angaben fast vier Millionen Zimbabwer auf Nahrungsmittel angewiesen: Bald wird die Zahl auf über fünf Millionen angeschwollen sein. Früher, sagt Dorfchef Makumbe, seien in magereren Jahren ausländische Hilfsorganisationen aufgetaucht. Doch die Regierung unter Präsident Mugabe macht den Helfern ihre Arbeit so schwer wie möglich. Sei es, indem ihnen der Zugriff auf ihr in Banken deponiertes Geld verwehrt oder ihnen keine Lizenz erteilt wird. Allerdings ist die Welt auch müde geworden, den mutwillig zerstörten Trümmerstaat über Wasser zu halten.

Dabei hat das grosse Sterben schon begonnen, auch im zehn Kilometer entfernten Village 25. Dort wurden in vergangene Woche die ersten Fälle von Cholera gemeldet, berichtet Makumbe: Fünf Menschen seien der Seuche dort bereits zum Opfer gefallen. Zimbabwe wird von einer beispiellosen Epidemie des Bazillus heimgesucht: Mehr als 550 Menschen wurden in den vergangenen Wochen von der Durchfallerkrankung hinweggerafft.

Nach den Statistiken von Experten sterben normalerweise höchstens ein Prozent der Cholera-Infizierten – in Zimbabwe sind es zehn Prozent. Das liegt am geschwächten Zustand der Erkrankten, die auch nicht mit Behandlung rechnen können: Nach dem Schulsystem, der Strom- und Wasserversorgung ist auch das Gesundheitssystem zusammengebrochen.

Bis die Cholera-Epidemie auch Village 26 erreicht, ist nur eine Frage der Zeit: Weil die Bohrlochpumpen kaputt sind, schöpfen die Dorfbewohner ihr Trinkwasser aus einem Erdloch – eine Garantie für einen Epidemieausbruch. Trotz der Verzweiflung ist in Village 26 keine vorrevolutionäre Unruhe auszumachen. «Was sollen wir denn tun?», fragt Dorfchef Makumba: «Wir haben ja nicht einmal genug zu essen, um uns auf den Beinen zu halten.» In der 400 Kilometern entfernten Hauptstadt, die seit Tagen von der Wasserversorgung abgeschnitten ist, weil die Stadtwerke keine Chemikalien zur Reinigung der verseuchten Flüssigkeit mehr haben, scheint die Lage anders zu sein: Dort zogen am Montag Dutzende von Soldaten plündernd durch die Strasse, um ihrem Unmut freien Lauf zu lassen.

Dass sie die Speerspitze eines Aufstands sind, ist unter Beobachtern umstritten: Genauso gut könnten sie vom Präsidenten selbst ausgesandt worden sein, um ihm einen Vorwand für die Ausrufung des Notstandsrechts zu liefern, sagt einer seiner einstigen Kampfgefährten. Denn wenn der 84-jährige Starrkopf schon fallen müsse, dann nur mit dem gesamten Volk.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2008, 21:47 Uhr

23 KOMMENTARE

Hugo Muggler

12.12.2008, 18:05 Uhr

Nichts wird sich in Afrika ändern solange sich die Afrikaner nicht selber helfen. Einfach immer den Weissen, den Europäern und der Kolonialisation Schuld geben ist einfach. Ob Mugabe oder Mobutu ..., die Afrikaner die nach Europa flüchten, würden gut daran tun ihr eigenes Land aufzubauen als hier Sozialgeld zu beantragen und obendrein noch undankbar zu sein.


Moritz Meier

12.12.2008, 08:00 Uhr

NICHT die Europäer - DIE AFRIKANER sind gefordert! Wann bewegen sich die Staaten des südlichen Afrikas - allen voran Südafrika - endlich um den Diktator Mugabe abzusetzen? Wohl erst wenn die Cholera auch in deren Ländern Opfer fordert.


Edda Messner

09.12.2008, 18:08 Uhr

Ich lebte einst in Süd Afrika, habe noch Kontakt zu Freunden und las neulich einen Brief an einen Bekannten, geschrieben von einem Mann aus Simbabwe, der regelrecht um Hilfe flehte. Nicht um finanzielle oder materielle Hilfe, sondern um die weltweite Bekanntmachung eines beginnenden Genozids. Er berichtete von inzwischen 8 Familien, die er in seinem Haus aufgenommen habe.


Karl Moser

05.12.2008, 19:33 Uhr

Ich wuerde mir wuenschen dass Nelson Mandela mit seinem enormen Charisma die afrikanischen Staaten auffordern wuerde endlich gegen Mugabe vorzugehen wenn notwendig militaerisch, um dem Elend der Bevoelkerung ein Ende zu setzen


Georg Stamm

05.12.2008, 15:03 Uhr

Ein weiteres schlagendes Beispiel dafür, dass Afrika nicht mehr Entwicklungsgeld braucht. Was es braucht ist Anstand, Moral, Bürgersinn, Verantwortungsgefühl bei den Regierenden. Uebrigens: Mugabe hat auch Bewunderer. Zum Beispiel Jean Ziegler von Genf, einstens SP-NR und jetzt UNO-Delegierter gegen den Hunger. Aber die SP hat ja auch Ceausescu und Honecker bewundert.


Werner Renkler

04.12.2008, 21:44 Uhr

@Josef Hirsmeier: Ganz korrekt, meine Meinung. Das Problem ist nicht, dass Afrika mit all seinen reichen Böden und Naturschätzen arm ist. Das Problem ist eine inkompetente kurrupte Entourage, welche mit Entwicklungsgeldern sich einen Autopark an schwarzen Mercedes-S-Klasse leistet. Afrika könnte sich sehr gut selber helfen, wenn mehr Infrastruktur-Entwicklungsknowhow statt Bargeld dorthin fliesse.


hugo meier

04.12.2008, 11:48 Uhr

China ist doch so gut in Afrika vertreten, wo ist ihre hilfe??? bitte nicht immer auf der vargangenheit herum reiten. es findet jetzt statt.


Daniela Meierhofer

04.12.2008, 10:47 Uhr

Ach, das arme Europa sammelt? Und doch: Alles Geld der Welt kann nicht wettmachen, was diesem Kontinent jahrhundertelang angetan wurde, aber die Arroganz, jede Verantwortung von uns zu weisen und uns als Opfer darzustellen, die besitzen wir! Kolonialistisch korrekt. Afrika waere der reichste Kontinent der Welt gewesen. Kaffee, Kakao, Ananas, Bananen, Diamanten, Gold,...DAFUER WIRD GEMORDET.


Christoph Hensch

04.12.2008, 10:46 Uhr

Wieder einmal einen Völkermord - und niemand unternimmt was. Billionen werden verschwendet um faule Finanzinstitute und Banken zu retten, anstatt dass man endlich die Mugabe Regierung absetzt! Nachher fragt man sich dann wieder wie so etwas hatte geschehen können ...


Paul Thürig

04.12.2008, 09:31 Uhr

Dieser scheussliche Diktator,namens Mugabe gehörte schon längst wegen seinen Verbrechen gegen sein Volk vor ein internationales Gericht gestellt.Einmal mehr zeigt sich,dass die afrikanischen Regierungen dazu nicht fähig,oder willens sind!


Lisa Mahler

04.12.2008, 09:28 Uhr

Warum greift hier niemand ein? Wie ist es möglich, dass alle Staaten einfach zusehen, wie Tausende, Millionen einfach sterben? Ist es, weil es da nichts zu hohlen gibt?? Sind wir tatsächlich bereits soweit, dass wir nur noch Hilfe leisten, wenn wir im Gegenzug profitieren können? Ich schäme mich für die Menschheit, schäme mich dafür, dass ich persönlich nicht die Mittel und Möglichkeiten habe..


Nadia von Gunten

04.12.2008, 08:57 Uhr

...dieser Artikel hat mich total betroffen gemacht und ich schliesse mich R. Fasel an: wo bleiben hier die Milliarden? Wo bleiben hier die (politischen) Interventionen, damit dieser Irrsinn von Mugabe endlich gestoppt wird? Eine verkehrte Welt. Sich nur schockiert zu zeigen, reicht leider nicht aus, um den Menschen in Zimbabwe wieder Hoffnung zu geben.....


Erwin Schlatter

04.12.2008, 08:57 Uhr

NIE WIEDER--Wie oft haben sie diesen Spruch aus dem Munde unserer "Weltherrscher" etc schon gehört? Alles leere Worte. Die meisten haben nicht den "guts" mal hinzustehen und nicht nur diplomatische Floskeln von sich zu geben. Weshalb haben wir nie endende Asylantenströme. Weil unsere Politiker jenen aus diesen Ländern mal klar machen, sie sollen die Leute in Frieden lassen


Karl Schindler

04.12.2008, 08:43 Uhr

Das Geld das wir Schweizer spenden, landet schlussendlich bei Mugabe. Eine echte Schweinerei das Ganze.


Peter Kummer

04.12.2008, 07:59 Uhr

Jean Ziegler hat Mugabe als grossen Erlöser für Zimbabwe gefeiert. Viele Schweizer Linke feierten Mugabe (wie auch Duvalier in Haiti und andere) als Segen für das Entwicklungsland. Heute, in der Hungersnot, hört man nichts mehr von den Linken dazu.


Josef Gadient

04.12.2008, 07:43 Uhr

Brief einer Ordensfrau an Helfer aus der Schweiz vom 12.10.2008: Die Situation im Land hat sich wirklich nicht gebessert, mit der Inflation gerade das Gegenteil. Stellt Euch vor, seit Juli ist die Inflationsrate 231 MIllionen %(!!!) und da redet die Welt von nichts anderem als die Finanzkrise in Amerika. Die Lehrer kommen nicht mehr zur Schule, weil der Lohn die Fahrtkosten nicht mehr deckt!!!


Josef Hirsmeier

04.12.2008, 06:42 Uhr

Der Ruf nach Hilfsgeld musste ja kommen, aber solche Forderungen sind genau absolut ignorant! Was glauben sie denn, Herr Fasel, wie sich korrupte Autokraten wie Mugabe (weitere Beispiele gibt es leider viele) so lange an der Macht halten konnten? Genau: Dank westlichen Milliarden und Tonnen von Hilfsgütern, denn grosse Teile davon landen direkt auf den Konten und Tellern der jeweils Herrschenden!


Edi Berger

04.12.2008, 06:07 Uhr

War nicht auch die Schweiz aktiv dabei Ian Smith als Despoten hinzustellen und Mugabe den Weg als Diktator zu ebnen? Ich glaube schon......


Tobias Steiner

04.12.2008, 00:39 Uhr

Milliarden waeren nur Symtompbekaempfung und lassen die Regierung laenger am Leben. Solange der uneinsichtige Alte am Ruder bleibt, wird es nicht besser. Und da der Mugabe es wahrscheinlich nie einsieht, muss eine Revolte eine Wechsel bringen. Nur $$ reinpumpen ist nicht die Loesung sonder Teil solcher Systeme...


Furrer Heinz

04.12.2008, 00:27 Uhr

Ich wünschte mir von den Medien (weltweit), dass diese ihre Macht gegen Mugabe wehement einsetzen würden.


Damian Kerber

04.12.2008, 00:00 Uhr

Eine Schweinerei, dass sich hier die barmherzige Weltwirtschaft und Weltpolitik leistet, Milliarden in die Banken zu pumpen, währenddessen ein 84jähriger Diktatorgreis weiterhin tun und lassen kann, was er will. Warum nur kümmert das die Leute nicht, die was zu sagen hätten? Weil es in ihrem (und leider auch im Volkes) Interesse liegt, dass einige leiden müssen, damit wirs schön haben. Bedenklich!


Raffael Fasel

03.12.2008, 23:22 Uhr

....und wo bleiben hier die Milliarden?


Elfriede Hugentobler

03.12.2008, 22:36 Uhr

Politische Unvernunft, Unfähigkeit, Misshandlung von Minoritäten und Staatsterror haben die einstige Kornkammer Afrikas zu einem Elendsland umfunktioniert. Die Union der Afrikanischen Staaten hat nie tatkkräftig eingegriffen, um den fatalen Niedergang zu verhindern. Nun dürfen wir in Europa für die Armen und Kranken sammeln.....Wenn wir helfen dürfen, dürften wir dann nicht auch mitbestimmen?



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