In der Hochburg der Islamisten
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Mehr Sicherheitskräfte vor der Wahl
Über allem liegt ein goldenes Strahlen, denn unter der Führung der Ayatollahs erwarten die Unterdrückten endlich Gerechtigkeit und Freiheit: Ein gigantisches Gemälde hängt als Begrüssung am Eingang von Sadr City, acht mal vier Meter Hoffnung in Öl für drei Millionen Menschen. Es zeigt zwei berühmte schiitische Geistliche, welche die irakischen Massen zum Aufstand führen.
Nadir Hazoun, der Maler des Propagandabildes am «Platz der zwei Sadrs», steht vor seinem Werk und sagt: «Es verkörpert die islamische Revolution gegen Saddam Hussein und seine Baath-Partei. Die Menschen erheben sich gegen die Tyrannei, fordern eine islamische Ordnung. Die Nation vereint sich unter der irakischen Flagge.»
In den Strassen verfault Müll
Die Umsetzung der künstlerischen Vision lässt auf sich warten: Sadr City bleibt das Armenhaus von Bagdad. In den Strassen verfault der Müll, vor den Häusern stehen brackige Abwasserlachen, in dem Dreck wühlen Ziegen, Schafe, Pferde und Esel. Über den pfeilgeraden Strassen und Häusern liegt das Brummen riesiger Generatoren: Der Staat liefert kaum Strom, die Einwohner müssen ihn privat kaufen. Mindestens 2,5 Millionen Menschen leben in der am Reissbrett schachbrettartig angelegten Siedlung.
In den Sechzigerjahren erbaut, sollte die «Revolutions-Stadt» den armen Schiiten aus dem Süden in der Hauptstadt ein besseres Leben bieten. Erfüllt wurden die Versprechen nicht: Weder Saddam Husseins Vorgänger noch der Diktator haben etwas getan für die ausschliesslich schiitischen Bewohner von Saddam City, wie das Quartier zwischenzeitlich auch genannt wurde. Nach dem Sturz der Diktatur benannten es die Schiiten zu Ehren ihrer religiösen Führer in Sadr City um. Auch die neue, demokratisch gewählte Regierung, in der die Schiitenparteien stark sind, hat die Verhältnisse nicht verbessert.
Muqtada al-Sadr ist geflohen
Das Gemälde des Malers Hazoun verkörpert daher die Stimmung: In Sadr City hat die radikalste der irakischen Schiitenparteien das Sagen. Die Sadristen, bekannt als «al-Ahrar», die Partei der Freien. Unter der Führung des als Feuerkopf bekannten Predigers Muqtada al-Sadr hatten die Sadristen im innerirakischen Bürgerkrieg nach der US-Invasion an vorderster Front gestanden. Ihre Mahdi-Armee wird für zahllose Gräueltaten gegen die Sunniten verantwortlich gemacht. Bei der Parlamentswahl am Sonntag dürfte ein grosser Teil der Einwohner für die Sadristenpartei stimmen – Sadr City ist die Hochburg der «al-Ahrar».
In letzter Zeit bekennen sich die Sadristen zur Politik statt zum Gewehr. Unter der Führung Muqtada al-Sadrs haben sie bei den Wahlen Chancen, innerhalb des schiitischen Lagers «Vereinigte irakische Allianz» sehr gut abzuschneiden. Der junge Sadr ist Sohn und Neffe der beiden von Saddam ermordeten, auf dem Propagandagemälde gefeierten Geistlichen Mohammed Baqir al-Sadr und Mohammed Sadiq al-Sadr. Der politische Erbe der beiden «Märtyrer» lebt derzeit in Iran: Offiziell, um sich dort religiösen Studien zu widmen – in Wahrheit befürchtet er seine Verhaftung.
«Nicht wie bei den Taliban»
Hakim al-Sameli tritt in Sadr City für die Islamistenpartei an. Er sagt: «Die Regierung von Premier Nouri al-Maliki tut nichts für die Menschen hier. Wir haben für drei Millionen Einwohner nur ein einziges Krankenhaus. Es gibt keinen Strom, und das Trinkwasser ist verschmutzt und stinkt. Die Schulen sind miserabel. Es gibt keine Arbeit.» Sameli sagt nichts dazu, dass seine Partei Maliki mit an die Macht gebracht hat und selbst mit in der Regierung sitzt. Er war eine Weile Vize-Gesundheitsminister, sass dann wegen Korruptionsvorwürfen eineinhalb Jahre in Haft.
Sameli ist tiefgläubiger Schiit und beinharter Islamist. Politik steht bei ihm unter einer frommen Prämisse: Der Ankunft des Mahdis, der religiösen Erlöserfigur der Schiiten. Die Rückkehr des vor Jahrhunderten verschwundenen Imam Mahdi auf die Erde läutet für die Schiiten den jüngsten Tag ein. Die diesseitige Agenda Samelis ist handfester: «Wir wollen endlich Gerechtigkeit für die sozial Benachteiligten.» Sameli fordert eine «islamische Regierung, aber nicht wie bei den Taliban».
Eine ernste Drohung
Wie so viele andere nahöstliche Islamistenparteien verbinden die Sadristen ihre soziale Agenda mit dem Anspruch auf islamistische Herrschaftsformen. Ganz oben auf der Forderungsliste steht die Freilassung der Gefangenen: «Noch immer sitzen Tausende von uns in den Gefängnissen der Maliki-Regierung und der Amerikaner», sagt Sameli. «Sie werden gefoltert und ermordet.» Hinter dem zwischen Washington und Bagdad vereinbarten Truppenabzugsabkommen wittert er eine Verschwörung. Wenn die Amerikaner nicht bis 2011 gingen, müsse man «mit allen Mitteln» gegen sie kämpfen.
Das ist eine Drohung, die ernst zu nehmen ist. Zwar hatte die Armee die Mahdi-Miliz 2008 in einer landesweiten Offensive in die Enge gedrängt und entwaffnet. Zweifellos haben die Sadristen aber einen Teil ihrer Waffen behalten. Sie sind nach wie vor schwer zu berechnen: Als starker Faktor im neuen Parlament, der bei der Bestimmung des nächsten Premiers mitzureden hat, könnten sie das Verhältnis zwischen Bagdad und Washington stark belasten. Wie sehr die Regierung Maliki den Sadristen misstraut und das Millionenheer der Habenichtse von Sadr City fürchtet, zeigt sich an der Präsenz der Armee in dem Armenviertel: Mit seinen Tausenden von Soldaten, Kontrollpunkten und Strassensperren gleicht Sadr City vor der Wahl einer von irakischen Truppen besetzten Stadt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.03.2010, 22:09 Uhr





