«In der Scharia haben wir die perfekten Menschenrechte»

Strafen im Islam seien gerecht und fair, sagt der Islam-Gelehrte Samir al-Sheik. Die Scharia müsse die Basis der neuen ägyptischen Verfassung bilden.

«Allah weiss sehr wohl, was Menschenrechte sind»: Demonstranten fordern in Kairo die Einführung der Scharia (9. November 2012).

«Allah weiss sehr wohl, was Menschenrechte sind»: Demonstranten fordern in Kairo die Einführung der Scharia (9. November 2012). Bild: Reuters

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Sie möchten, dass Ägyptens neue Verfassung allein auf der Scharia, dem Gesetz Gottes, fusst. Der westlich säkulare Weg ist für Sie nicht möglich?
Niemals. Ich bin stolz darauf, dass der Prophet zu uns sagte: «Die wahre Religion ist euer Fleisch und Blut. Sie durchdringt alles.» In dieser Beziehung ist der Islam anders. Im christlichen und jüdischen Westen hat man die komplette Trennung zwischen Religion und dem täglichen Leben. Man geht vielleicht noch zur Kirche, ist religiös auf die eine oder andere Art. Der Islam hingegen ist ein alles umfassender Lebensweg. Der Islam ist mit dir, wenn du aufwachst am Morgen, und begleitet dich, bis du zu Bett gehst. Die Scharia gibt einen kompletten Kodex von islamischen Gesetzen, die unser Leben durchdringen bis ins letzte Detail und angewendet werden müssen.

Bis jetzt wird in Ägypten die Scharia nur beim Familienrecht angewandt. Warum nicht auch beim Strafrecht?
In fast allen arabischen Ländern ist nur das Familienrecht in Kraft, das Dinge wie Erbschaft oder Scheidung regelt. Das Strafrecht wird nur in Saudiarabien angewandt. Meines Erachtens sollte auch in Ägypten das Strafrecht als solches angewandt werden. Schliesslich braucht man keine Angst zu haben vor Scharia-Strafen. Wir wünschten, dass die Leute im Westen verstehen, dass die Strafen vor allem abschreckende Wirkung haben. Sie lassen die Menschen nachdenken, bevor sie zur Tat schreiten. Und sie können nur unter ganz bestimmten Bedingungen vollzogen werden.

Zum Beispiel?
Bevor man die Hand eines Diebes abhackt, müssen folgende Bedingungen erfüllt sein: Das gestohlene Ding muss an einem verschlossenen Ort gewesen sein. Der Wert der Sache muss mehr sein als ein Viertel Dinar. Wegen einer Orange wird man also nicht bestraft. Auch wer aus Not und Hunger stiehlt, dem wird die Hand niemals amputiert.

Die Scharia empfiehlt als Strafe auch das Steinigen.
Ja, das wird aber kaum je praktiziert. Die Strafe des Steinigens droht bei Ehebruch. Um aber die Strafe anzuwenden, muss der Kläger vier Zeugen beibringen, die den ehebrecherischen Geschlechtsverkehr gesehen haben. Ist das je zu beweisen? Nein. Darum frage ich mich, warum man im Westen derart Angst hat vor der Scharia. Die Strafen im Islam sind gerecht, praktikabel und fair. Auf Christen oder Juden würden wir die Scharia-Strafen sowieso nicht anwenden. Und bei den Muslimen müssen wir sie nur in drei bis vier Fällen anwenden – dann kennt die ganze Gemeinschaft deren abschreckende Wirkung, und das Leben der Gemeinschaft ist stabilisiert.

Ist das so einfach?
Ja. Wir brauchen diese abschreckende Wirkung in Ägypten, weil wir auch mangels Ordnungskräften sehr wenig Sicherheit haben. Das Gefängnis vermag Kriminelle nicht zu heilen. Kommt dazu, dass die Strafe den Menschen läutert. Er tritt dann vor Gott ohne böse Lasten. Für uns ist das Jenseits wichtiger als dieses Leben. Ich weiss, im Westen hat man nur eine vage Idee des Jenseits und des Jüngsten Gerichts.

Zeigt das nicht, dass Scharia und Menschenrechte unvereinbar sind?
Überhaupt nicht. Da gibt es keine Unvereinbarkeit. Die Scharia kommt von Gott, und Gott weiss sehr wohl, was Menschenrechte sind. Mehr noch: Wir finden die Scharia besser als die Menschenrechte, denn sie hat einen besseren Gesetzeskodex als die Menschenrechte.

Inwiefern?
Insofern als die Menschenrechte auf die Rechte des Menschen und nicht auch auf dessen Pflichten fokussiert sind. Die Scharia balanciert Rechte mit Pflichten aus. Als Gott uns diesen Gesetzeskatalog offenbarte, wusste er genau, was für Menschen gut und was für sie schlecht ist. Dank Gottes Voraussicht haben wir in der Scharia die perfekten Menschenrechte. Nennen Sie mir ein Menschenrecht, und ich sage Ihnen, was besser ist in der islamischen Scharia.

Die Scharia kennt keine Religionsfreiheit.
Aber sicher. Was Scharia und Islam betrifft, werden die Menschen im Westen von den Medien einer Gehirnwäsche unterzogen. Gemäss dem Koran sagte der Prophet ausdrücklich, es dürfe in Sachen Religion keinen Zwang geben. Es gibt kein Recht, die Leute zum Islam zu zwingen. Das ist eine falsche Anschuldigung. Es gibt nur eine Einladung zum Islam. Religion soll vom Herzen kommen. Damit ist alles über Religionsfreiheit gesagt.

Zur Religionsfreiheit gehört das Recht, den Glauben zu wechseln.
Wer die Religion wechselt, muss getötet werden. Das ist Apostasie, Glaubensabfall. In einem islamischen Staat muss es auch in der zivilen Gesetzgebung Vorsichtsmassnahmen geben, damit der Glaube nicht schlechtgemacht wird. Einige islamische Rechtsschulen unterscheiden bei uns zwischen einfacher und komplizierter Apostasie. Einfache Apostasie ist, wenn jemand den Islam verlässt, ihn aber nicht schlechtmacht. Er sollte nicht getötet werden. Wer aber dem Islam abschwört, um ihn zu verraten und als schlechte Religion darzustellen, soll getötet werden.

Wie Salman Rushdie?
Ein sehr gefährlicher Mann. Diese Art Apostasie ist vergleichbar mit Landes- und Hochverrat, wenn jemand das eigene Land ausspioniert. Was aber verdient der Spion? Auch in Amerika und Russland werden Landesverräter getötet.

Ägypten ist also ein islamischer und religiöser Staat?
Nein, nicht religiös im Sinne eines theokratischen Staates. Ägypten ist ein ziviler Staat, der einen Bezug zum Islam hat und islamische Gesetze anwendet. Er zwingt niemanden zum islamischen Glauben und lässt Christen und Juden nach ihrem Glauben leben.

Viele Islamisten wollten die Scharia in Ägypten zur einzigen Grundlage des Rechts erklären. Sie auch?
Werte wie Freiheit, Fairness oder Gerechtigkeit teilen wir mit anderen; sie sind in jeder Verfassung verankert. Ich gehöre zu jenen, die auch festschreiben möchten, was das islamische Recht von anderen Rechtssystemen unterscheidet. Darum will ich, dass die Scharia als solche angewandt wird. Natürlich respektieren wir die Kopten; sie haben das Recht, ihre eigenen religiösen Gesetze anzuwenden, etwa im Eherecht. Vor dem Zivilrecht sind wir natürlich alle gleich.

Salafisten forderten, dass künftig die Islamgelehrten der Al-Azhar-Universität entscheiden sollen, ob ein Gesetz mit der Scharia vereinbar sei.
Die Al-Azhar-Führung hat das leider verworfen. Sie sagt, bei Debatten über Textinterpretationen solle man das Verfassungsgericht konsultieren. Uns Professoren enttäuscht das. Die Azhar als Hüterin des wahren Islam sollte die Autorität für solche Interpretationen sein. Das Verfassungsgericht ist nur ein ziviles Gericht. Wir aber haben eine religiöse Perspektive. Freilich sollte die Azhar dem Parlament nur Empfehlungen abgeben.

Viele Islamisten fordern, die Scharia soll über den Frauenrechten stehen.
Wir pflegen zu sagen, Mann und Frau seien gleich. Was aber Erbschaften anbelangt, sagt die Scharia, dass der Mann doppelt so viel erbt wie die Frau. Warum? Weil die Verantwortung des Mannes doppelt so gross ist wie die der Frau.

Weshalb denn?
Weil der Mann für alles verantwortlich ist. Er muss die Hochzeit vorbereiten. Er muss für eine Wohnung sorgen. Er muss einen Job haben. Die Scharia berücksichtigt all dies. In der Praxis des Erbrechts kenne ich aber viele Fälle, wo Frauen gleich viel oder mehr erben als Männer. Was den Beruf betrifft, sind Frauen gänzlich gleichgestellt: Sie können durchaus Führungspositionen haben. Wohlverstanden: Wir haben nichts gegen Frauen, weil sie Frauen sind. Aber wir geben ihnen ihre Rechte entsprechend ihrer Verantwortung.

Also sind sie nicht gleichberechtigt?

Feministinnen behaupten, Frauen und Männer seien gleich. Tatsächlich aber schuf Gott Mann und Frau komplementär. Wir sollten nicht alle Unterschiede wegreden. Die völlige Gleichschaltung ist ein Irrweg.

Und warum kann ein Muslim immer noch vier Frauen haben?
Ja, das ist unser islamisches Gesetz. Es löst viele moralische Probleme wie Ehebruch und stärkt die Rechte der Frau. Schon in Zeiten des Propheten durfte der Mann mehr als eine Frau haben. Der Koran sagt: Wenn du nicht gerecht zu allen sein kannst, heirate nur eine. Warum aber darf ein Mann mehr als eine Frau haben? Heiratet er zum Beispiel eine Frau, die eine Krankheit hat und keine Kinder haben kann, darf er eine andere Frau heiraten. Er sollte aber zur kranken Frau nicht unfair sein und sich nicht von ihr scheiden lassen. Im Islam ist es auch undenkbar, dass ein verheirateter Mann eine Geliebte hat. Besser, er hat zwei Frauen als eine Geliebte. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.11.2012, 07:47 Uhr)

Samir al-Sheik

Samir al-Sheikh lehrt an der Al-Azhar-Universität SchariaWissenschaften in englischer Sprache. Al-Azhar ist die wichtigste Bildungsinstitution für Geistes- und Naturwissenschaften im sunnitischen Islam. Sheikh sagt, er schätze die Ideen und Visionen der Muslimbrüder und Salafisten, ohne selber aber einer Bewegung oder Partei anzugehören. (mm.)

Scharia: Richtschnur für das ganze Leben

Die Scharia (wörtlich «Tränke», «Wasserstelle») umfasst die Gesamtheit des islamischen Gesetzes, wie es im Koran, in der islamischen Überlieferung und in der Auslegung massgeblicher Theologen und Juristen vor allem der frühislamischen Zeit festgehalten ist. Ohne ein kodifiziertes Rechtsbuch zu sein, ist die Scharia Richtschnur für alle Lebensbereiche der Menschen. Sie regelt rituelle Handlungen, Familien-, Erb-, Handels-, Wirtschafts-, Zivil- und Strafrecht sowie die Wiedergutmachung von Schäden. Der Gesetzgeber ist nach muslimischer Auffassung Allah selber. (mm.)

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