Israel finanzierte IS-Verbündete

Die im Iran aktive pakistanische Terrorgruppe Jundallah wurde jahrelang vom israelischen Geheimdienst Mossad finanziert. Am Montag schwor sie Israels Todfeinden Gefolgschaft.

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Die Berichte aus Pakistan klangen erstaunlich: Abgesandte der Terrormiliz Islamischer Staat hätten sich vergangene Woche mit den Führern von Jundallah getroffen, einer radikalen Terrortruppe in der Provinz Baluchistan an der pakistanischen Grenze zum Iran. In der Vergangenheit war Jundallah wiederholt durch brutale Anschläge im Iran aufgefallen. Anfang November bekannte sich die Gruppe ausserdem zu einem Selbstmordanschlag auf den pakistanischen Grenzposten Wagah, bei dem 65 Menschen getötet wurden.

Am Montag erklärte ein Sprecher von Jundallah dann, man habe dem IS Treue geschworen, «was immer die Pläne» der Terrormiliz seien. Bemerkenswert daran ist nicht nur, dass der IS dank Jundallah offenbar in Pakistan Fuss gefasst hat. Ebenso bemerkenswert ist, dass Israels Geheimdienst Mossad die Terroristen jahrelang unterstützte. Nachdem sich Jundallah wegen Meinungsverschiedenheiten 2003 von al-Qaida getrennt hatte, finanzierte der Mossad ab 2004 die Gruppe. Die israelischen Agenten reisten allerdings mit US-Pässen und gaben sich als CIA-Mitarbeiter aus – um den Eindruck zu erwecken, Washington stehe hinter den Jundallah-Terroraktionen im Iran.

Jundallah tötete Frauen und Kinder im Iran

Unter anderem tötete ein Jundallah-Selbstmordattentäter 2009 in der ostiranischen Stadt Zahedan in einer Moschee 23 Menschen, darunter Frauen und Kinder. Als Teheran 2009 den Jundallah-Führer Abdolhamid Rigi fasste, erklärte er in einem Interview vor seiner Hinrichtung, die USA hätten der Gruppe 2004 rund 100'000 Dollar ausgehändigt und versprochen, «uns alles zu geben, was wir brauchen». Schon 2007 hatte der US-Fernsehsender ABC behauptet, die CIA stünde hinter Jundallah und damit hinter den Terroranschlägen der Organisation im Iran. Der Dienst hatte daraufhin ungewöhnlich scharf dementiert: «Der Bericht über die angeblichen CIA-Aktionen ist falsch.»

2010 setzte das amerikanische Aussenministerium Jundallah auf die Liste von Terrororganisationen. Auf eine entsprechende Anfrage des «Wall Street Journal» erklärte das Washingtoner Aussenamt, die USA hätten Jundallah «niemals unterstützt». 2012 lüftete der amerikanische Journalist Mark Perry in einem Beitrag in der Zeitschrift «Foreign Policy» endlich das Geheimnis der Jundallah-Hintermänner: Unter Berufung auf sechs ehemalige und aktive US-Geheimdienstmitarbeiter sowie eine Serie von Memoranden enthüllte Perry, dass Jundallah seit 2004 vom Mossad unterstützt wurde.

Die israelische Operation im Iran unter falscher Flagge hatte sowohl im CIA-Hauptquartier in Langley nahe Washington als auch bei der Regierung Bush für erheblichen Ärger gesorgt. Die Israelis hätten sich «keinen Deut darum geschert, was wir dachten», zitierte Perry einen CIA-Mitarbeiter. Unter anderem trafen sich die Israelis in London unter den Augen von CIA-Agenten mit Jundallah-Kontaktpersonen. Als Berichte über die Mossad-Aktion das Weisse Haus erreichten, sei Präsident George W. Bush «explodiert», so ein US-Geheimdienstmitarbeiter zu Perry.

Jundallah-Anführer zweifelte an US-Unterstützung

Wütend war Bush nicht nur, weil die tödlichen Anschläge im Iran den Eindruck erweckten, Washington agiere im Verein mit Selbstmordattentätern und radikalislamistischen Gruppen. Jundallahs Aktionen gefährdeten überdies die delikaten Beziehungen zwischen Washington und Islamabad: Die Pakistaner hatten kein Interesse daran, dass von ihrem Territorium aus Terroraktionen gegen den Iran verübt wurden.

Allerdings schien die Jundallah-Spitze zu diesem Zeitpunkt selbst zu bezweifeln, dass ihre Financiers und Auftraggeber wirklich in Washington sassen. 2010 wurde auch Abdolhamid Rigis Bruder Abdolmalek von den Iranern gefasst und wie jener hingerichtet. Zuvor sagte er iranischen Medien, er habe sich 2007 in Marokko mit den Geldgebern getroffen, sei sich jedoch nicht sicher gewesen, ob es sich «um Amerikaner unter dem Deckmantel der Nato oder um Israelis gehandelt habe». Zehn Jahre nach dem Beginn der Mossad-Operation in Pakistan hat Jundallah jetzt Israels Todfeinden den Treueeid geleistet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.11.2014, 14:58 Uhr)

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