Ausland
Israel hat Angst vor einem 81-Jährigen
Von Claudia Kühner. Aktualisiert am 20.05.2010
«In Israel schätzt man nicht, was Sie schreiben», erklärte der Grenzbeamte, der am Sonntag an der israelisch-jordanischen Grenze Dienst tat, als Noam Chomsky via Amman einreisen wollte. Drei Stunden lang «befragte» man den 81-Jährigen – und verweigerte ihm dann den Grenzübertritt. Chomsky antwortete nüchtern, er kenne überhaupt keine Regierung, die möge, was er sage.
Sein Reiseziel war die palästinensische Universität Bir Zei, die ihn eingeladen hatte. Die Vertreter des Innenministeriums an der Grenze begründeten den Entscheid damit, dass er nicht auch geplant habe, an einer israelischen Universität aufzutreten. Das hatte Chomsky früher durchaus getan.
Radikaler Linker
Chomsky ist kein Terrorist und kein Krimineller. Chomsky ist ein weltberühmter Linguist, der an der Spitzenuniversität MIT in Boston lehrt, der zum Beispiel die Entwicklung der Computerwissenschaft wesentlich beeinflusst hat und zu einem der meistzitierten Wissenschaftler wurde. Chomsky ist aber auch eine Ikone der radikalen Linken in aller Welt und erlaubt sich einen hochgradig kritischen Standpunkt gegenüber der israelischen Besatzungspolitik und nicht weniger gegenüber der US-Politik.
Und Noam Chomsky ist jüdisch, auch wenn das vom rechtsstaatlichen Gesichtspunkt aus in diesem Fall keine Rolle spielen sollte. Er hat in den frühen Fünfzigerjahren sogar einmal im Kibbuz gelebt und spricht fliessend Hebräisch. Chomskys Vorstellung von freier Rede reicht so weit, dass er sie auch für einen Holocaustleugner wie den französischen Literaturprofessor Robert Faurisson gelten lässt. Wo immer er einst imperialistische und heute Globalisierungsmachenschaften diagnostiziert, ist Chomsky mit scharfen Statements zur Stelle.
Aber er gehört nicht zu jenen, die dem Staat Israel das Existenzrecht absprechen würden. Er wendet sich auch gegen Boykottaufrufe – besonders in der akademischen Welt –, die Israel als ganzes ins Visier nehmen. Der Kritiker amerikanischer Politik hält nichts davon, israelische Universitäten zu boykottieren, mit dem schlagenden Argument, dann müsste das auch für seine eigene gelten. Er befürwortet lediglich einen Boykott von Firmen oder Institutionen, welche die Besetzung mittragen.
Toleranzverlust in Israel
Dass er nun nicht ins Land gelassen wurde, hat für internationales Aufsehen gesorgt und Israel ein weiteres Mal heftiger Kritik ausgesetzt. Sodass sich das Innenministerium nun windet und von Missverständnissen mit dem Verteidigungsministerium redet, das für die besetzten Gebiete zuständig ist. Auch in Israel selber gab es Kopfschütteln. «Israel hat den letzten Rest von Toleranz gegenüber solchen aufgegeben, die nicht einstimmen in den Chor seiner Unterstützer», schrieb «Haaretz», die liberale Stimme des Landes. «Die Rechte sieht ihn als Deserteur, Verräter und Feind des Volkes.» Carlo Strenger, Professor für Psychologie in Tel Aviv und bekannter Kommentator, schrieb: «Wenn Israel meint, freie Rede nicht überleben zu können, dann ist es einen weiteren Schritt näher am Flirt mit dem Totalitarismus.» Sagt er über seinen Staat, der sich gern als «die einzige Demokratie im Nahen Osten» bezeichnet.
Mark Regev übrigens, Sprecher der Regierung Netanyahu, hat erklärt, der Gedanke, dass Israel Menschen den Eintritt verweigere, die sich kritisch äusserten, sei einfach «lächerlich», und so etwas «passiert nicht». Auch das ist eine Form der Realitätsverweigerung.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.05.2010, 22:33 Uhr
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