«Israel will den Frieden gar nicht haben»

Mit einer Bodenoffensive in Gaza bekämpft Israel die Hamas. Über Gründe und Folgen der neuen Eskalation im Nahostkonflikt äussert sich Moshe Zuckermann, Geschichtsprofessor in Tel Aviv.

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Vor Beginn der israelischen Bodenoffensive in Gaza gab es Signale für einen Waffenstillstand. Weshalb ist es erneut zu einer Gewalteskalation gekommen?
Die Hamas hat den Waffenstillstand nicht akzeptiert, weil sie von Israel nicht das bekam, was sie wollte. Die Hamas fordert die Aufhebung der israelischen Blockade, insbesondere die Öffnung der Zugänge auf den Sinai und nach Ägypten für die Versorgung der Bevölkerung im Gazastreifen, die in einer sehr prekären Situation lebt. Zudem verlangt die Hamas die Freilassung von Gefangenen. Weil Palästinenser den Raketenbeschuss auf Israel selbst während der humanitären Feuerpause fortsetzten und weil sich dann herausstellte, dass ein Terrorkommando via einen Tunnel einen Kibbuz angreifen wollte, war klar, dass Israels Regierung reagieren musste.

War die Bodenoffensive unvermeidlich aus israelischer Sicht?
Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hatte eigentlich kein Interesse an einer Bodenoffensive. Durch die anhaltenden Raketenangriffe der Hamas ist er aber unter politischen Zugzwang gesetzt worden, von den Rechten in seiner Partei wie auch von den Rechten ausserhalb seiner Partei. Vor allem seine Koalitionspartner Avigdor Lieberman und Naphtali Bennett setzten Netanyahu schon seit einiger Zeit unter Druck. Israel hatte die Ermordung von drei israelischen Jugendlichen instrumentalisiert. Das war für die Regierung ein willkommener Anlass, gegen die Hamas im Westjordanland vorzugehen. So besehen ist Israel mitverantwortlich für die Eskalation.

Warum hat sich die Hamas auf die für sie aussichtslose Eskalation eingelassen?
Die israelische Regierung wollte mit ihrem massiven Vorgehen im Westjordanland nicht nur die Infrastruktur der Hamas zerschlagen, sondern auch einen neuen Keil zwischen die Hamas und die Fatah treiben. Vor diesem Hintergrund geriet die Hamas in eine Profilierungsnot. Profilieren kann sie sich aber nicht durch wirtschaftliche oder politische Erfolge, sondern nur, indem sie ihre Waffengewalt demonstriert. Sobald sich die Hamas militärisch profiliert, verliert die Fatah an politischer Kraft. Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas ist der zumindest zeitweilige Verlierer der aktuellen Entwicklung. Im Krieg gegen Israel können es sich die Palästinenser nicht leisten, die Kriegspolitik der Hamas nicht zu unterstützen.

Wie lange könnte die laufende Bodenoffensive der israelischen Armee in Gaza dauern?
Wenn diese Militäroperation so laufen würde, wie es sich Israel vorstellt, wäre es eine Sache von zwei, drei Tagen. Es wird allerdings nicht so laufen, wie es sich Israel vorstellt, denn es wird heftigen Widerstand geben. Dann kann sehr rasch eine Eigendynamik in Gang kommen, die über die Zielsetzung hinausgeht. Bei der Bodenoffensive geht es offiziell um die Zerstörung der Hamas-Infrastruktur, vor allem um die Tunnelsysteme, die von Gaza nach Israel reichen. Jetzt muss man abwarten, was passiert. Bei einer Bodenoffensive weiss man zwar, wo man anfängt, aber man weiss nie, wo es aufhört. Das war zweimal in Gaza so, ebenso zweimal im Libanon.

Ist die Wiederbesetzung des Gazastreifens ein Thema für Israel?
Nein. Das interessiert weder Israel noch sonst wen. Die israelische Regierung will die Hamas so weit schwächen, dass die Raketenangriffe aufhören. Sie möchte die Hamas schlagen, aber nicht zerschlagen. Denn Israel braucht die Hamas, um die innere Zerrissenheit der Palästinenser aufrechtzuerhalten. Zudem soll verhindert werden, dass anstelle der Hamas radikalere Gruppierungen die Macht in Gaza übernehmen.

Erwartet auch die Bevölkerung Israels, dass die Bodenoffensive einen Zugewinn an Sicherheit bringt?
Der allergrösste Teil der Bevölkerung steht hinter der Regierung Netanyahu. Die meisten Menschen haben aber nicht die Illusion, dass definitiv Ruhe einkehrt. Ruhe vor Raketen wird es nur zeitweilig geben, weil es in Gaza die Hamas gibt. Nach der Bodenoffensive wird es zwei, drei Jahre ruhig sein. Sobald sich die Hamas wiederbewaffnet hat, wird es aus irgendeinem Anlass wieder von vorne losgehen. Das ist die Tragödie in diesem Konflikt. Die Haupttragödie ist aber eine andere.

Was meinen Sie damit?
Das Problem ist, dass Israel den Frieden gar nicht haben will. Frieden würde eine Zweistaatenlösung bedeuten, und das möchte Israel verhindern. In Israel gibt es heute keine politische Kraft, die eine Zweistaatenlösung angehen könnte, ohne einen israelischen Bürgerkrieg zu riskieren. Wenn Israel diese Lösung nicht haben will, führt dies zu einer binationalen Struktur - vier bis fünf Millionen Palästinenser leben dann unter israelischer Oberhoheit. Wenn den Palästinensern die Grundrechte verweigert werden, haben wir einen israelischen Apartheid-Staat. Wenn ihnen die Grundrechte gewährt werden, ist es ein binationaler Staat respektive das Ende des zionistischen Staates. Israel hat sich in eine historische Sackgasse manövriert.

Bei jedem Waffengang gegen die Palästinenser verweist Israel auf sein Selbstverteidigungsrecht. Das ist doch nachvollziehbar und legitim.
Das ist absoluter Unsinn. In dem Moment, wo Israel seine Selbstverteidigung mit einem völkerrechtlichen Unrecht begeht, nämlich mit der Besetzung von palästinensischen Gebieten seit Jahrzehnten, hat dies gar nichts mit Selbstverteidigung zu tun. In Israel gibt es keine Perspektive des Friedens, die Friedensbewegung ist erbärmlich klein. Der letzte israelische Politiker, der zum Frieden mit den Palästinensern bereit war, war Yitzhak Rabin. Wir wissen, wie das vor bald 20 Jahren geendet hat. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.07.2014, 20:14 Uhr)

«Bei einer Bodenoffensive weiss man zwar, wo man anfängt, aber man weiss nie, wo es aufhört»: Moshe Zuckermann.

Zur Person

Moshe Zuckermann, 1949 in Tel Aviv geboren, ist Soziologe und lehrt Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Der Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender ist zudem wissenschaftlicher Leiter der Sigmund Freud Privatstiftung in Wien. 2006/2007 war er Gastprofessor am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern. Zuckermanns Eltern waren 1960 nach Deutschland ausgewandert, wo er auch studierte. Mit 21 Jahren kehrte Zuckermann nach Israel zurück. (vin)

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