«Israel wollte ein Exempel statuieren»
Interview Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 31.05.2010
«Die Arabische Liga wird Israels Aktion scharf verurteilen, mehr nicht»: Erich Gysling, Journalist und Nahost-Experte. (Bild: Keystone )
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Herr Gysling, Israel hat einen Schiffskonvoi mit Hilfsgütern für den Gaza-Streifen attackiert und viele Tote in Kauf genommen. War diese Aktion zu erwarten?
Nein. Die Härte, mit der Israel vorgegangen ist, habe ich nicht erwartet. Ich hätte mir eher vorgestellt, dass Israel einen «cordon sanitaire» bildet, um den Schiffen, die notabene unbewaffnet waren, den Zugang zur Küste Gazas verwehren. Die Brutalität und das Blutvergiessen der israelischen Attacke sind absolut nicht nachvollziehbar. Das passierte in internationalem Gewässer. Es ist ein Verstoss gegen das Völkerrecht.
Was könnte der Grund für das Verhalten Israels sein?
Israel wollte wohl ein Exempel statuieren. Es hat gezeigt, dass nur Israel bestimmt, wer Zugang zum Gaza-Streifen hat. Mit dem Angriff auf die Flotte mit Hilfsgütern hat Israel einen «faits accompli» geschaffen.
Israel bezeichnet den Angriff auf den Schiffskonvoi als Akt der Selbstverteidigung. Die türkische Hilfsorganisation IHH sei von islamischen Extremisten unterwandert und stehe in Verbindungen zur Hamas.
Natürlich kann es Verbindungen zwischen IHH und Hamas geben. Aber: Wer mit der Hamas in Kontakt tritt, geht Israel grundsätzlich nichts an.
Die türkische Regierung hat die Militäraktion aufs Schärfste verurteilt und angekündigt, dass Israel mit Konsequenzen rechnen müsse. Was ist zu erwarten?
Die Türkei wird die Beziehungen zu Israel auf ein Minimum zurückschrauben. Die Türken haben die ehemals guten Beziehungen zu Israel bereits erheblich reduziert. Jetzt dürfte sich die Türkei auf eine symbolische Präsenz in Israel beschränken. Schliesslich könnte sie mit einer Beschwerde an den Uno-Sicherheitsrat gelangen.
Mit welchen Folgen?
Es wird höchstwahrscheinlich nichts passieren. Sobald der Uno-Sicherheitsrat eine Verurteilung Israels in Erwägung zieht, werden die USA ihr Veto einlegen.
Es entsteht der Eindruck, dass sich Israel alles erlauben kann...
...dieser Eindruck ist nicht ganz falsch.
Nach der jüngsten Militäraktion wird sich das Verhältnis zwischen Israel und den arabischen Staaten weiter verschlechtern. Wie könnte die Arabische Liga reagieren?
Die Arabische Liga wird Israels Aktion scharf verurteilen - mehr nicht. Sie will sich möglichst nicht einmischen im Streit zwischen Israel und den Palästinensern. Die arabischen Regierungs- und Staatschefs wollen ihre Ruhe haben.
Und die Palästinenser? Werden sie mit einer weiteren Radikalisierung auf die israelische Aggression antworten?
Es ist gut möglich, dass Israel vom Gaza-Streifen aus wieder mit Raketen beschossen wird. Dann wird Israel Raketen zurückschiessen. Und so weiter. Die Perspektiven für einen Frieden im Nahen Osten sind deprimierend. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 31.05.2010, 15:44 Uhr
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