Israels Beduinen: Die andere diskriminierte Minderheit

Israels Regierung verteidigt das «natürliche Wachstum» illegaler jüdischer Siedlungen. Den Beduinen im eigenen Land entzieht sie derweil die Lebensgrundlagen.

Mit dem freien Nomadenleben ist es vorbei für die Beduinen im Negev.

Mit dem freien Nomadenleben ist es vorbei für die Beduinen im Negev. Bild: Keystone

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Die Klinik steht nicht im Kriegsgebiet, sondern in Zarnog, einem Dorf im Süden Israels. In der Nähe braust der Verkehr über die Schnellstrasse von Beer Sheva nach Dimona. Dennoch hat die Klinik, weit herum die einzige, nur dünne Wände, die leicht wieder abzubrechen sind. Den Strom bezieht sie von einem Generator. Zarnog ist eines von 45 Beduinendörfern im Negev, die Israel nie anerkannt hat.

Die Regierung betrachtet feste Einrichtungen in diesen Dörfern als illegal; gegen Beton schickt sie sogleich ihre Bulldozer aus. Das Wohnwagenspital war darum der äusserste Kompromiss, den die Einwohner von Zarnog erreichen konnten. Gemessen an Tel Avivs imposanten Krankenhäusern, sei dies vielleicht ein kleiner Fortschritt, sagt Noha Abu Qweider, eine junge Beduinin, die sich zur Pflegerin ausbilden lässt. «Doch selbst die kleinsten Fortschritte im Gesundheitswesen mussten sich unsere Leute bisher vor Gericht erstreiten.»

Dreimal höhere Kindersterblichkeit

160 000 Beduinen leben heute im Negev. Die Hälfte davon verteilt sich auf die Ortschaften, die Israel von seinen Landkarten verbannt hat. Statt Häusern stehen da nur Zelte oder Wellblechhütten, es gibt keine Schulen und keine gepflasterten Strassen, keine Elektrizität und keine Kanalisation. Nur ein Teil der Einwohner hat fliessendes Wasser, die andern müssen Trinkwasser auf mühseligen Wegen anschleppen. Wasserqualität und Hygiene sind so prekär, dass Durchfall unter Beduinenkindern im Sommer zur Plage wird. Laut einem soeben veröffentlichten Bericht der israelischen Nichtregierungsorganisation «Physicians for Human Rights» existieren für die 80 000 Menschen in den 45 nicht anerkannten Dörfern inzwischen 12 Kliniken und 8 Mutter-Kind-Stationen.

Die Kindersterblichkeit ist hier gut dreimal so hoch wie im übrigen Israel. Doch stehen den Beduinen dreimal weniger Ärzte und Krankenschwestern zur Verfügung als in jüdischen Gemeinden der Umgebung. «Das zeugt von einer krassen Benachteiligung», meint Wasim Abbas, der Autor des Berichts. «Dabei sind wir loyale Bürger Israels; viele unserer Männer leisten freiwillig Militärdienst», ereifert sich Zheya, Nohas Mutter. Atia al-Athameen, Vorsteher von Khasm Zanna, eines anderen nicht anerkannten Dorfes, pflichtet ihr bei. «Den widerrechtlichen Siedlern in der Westbank legt man den roten Teppich aus, uns behandelt man im eigenen Land wie der letzte Dreck.»

«Das eingezäunte Land»

Die Beduinen sind die ursprünglichen Bewohner des Negev. Sie durchwanderten die Wüste auf der Suche nach Weideland für ihre Herden. Freilich hatten sie sich schon vor 1948 in bestimmten Dörfern niedergelassen. Sie hielten sich dabei an ein System von gemeinschaftlichem und individuellem Grundeigentum, das in ihrer Überlieferung sehr genau definiert war. Im Krieg, der auf die Unabhängigkeitserklärung Israels folgte, wurden die meisten Beduinen aus dem Gebiet des neuen Staats vertrieben. Ungefähr 90 000 hatten vor 1948 im Negev gelebt, danach waren es noch 12 000. Diesen gab Israel in den 50er- Jahren zwar die Staatsbürgerschaft - es konzentrierte sie aber in einem fest umrissenen Territorium, «Siyag» genannt, «das eingezäunte Land».

Im Dreieck zwischen Beer Sheva, Arad und Dimona lebten fortan nicht nur die Stämme, die dort immer schon Land besessen hatten, sondern auch all die andern, die zuvor weiter entfernt gesiedelt hatten. Ihr Besitz wurde konfisziert. Im Siyag unterstanden die Beduinen wie alle in Israel verbliebenen Palästinenser von 1948 bis 1966 der Militärgesetzgebung. In den 70er- Jahren baute Israel im Süden sieben Kommunen für die Beduinen. Doch die öden Wohnblocks wirkten auf die Wanderhirten von einst wenig anziehend.

Sie verzeichneten bald Höchstraten an Armut und Kriminalität, in Sachen Budget und Lebensqualität rangieren sie als Schlusslicht unter den israelischen Städten. In den nicht anerkannten Dörfern liess Israels Landbehörde derweil Tausende von Häusern zerstören. «Auch jetzt vergeht kaum eine Woche, dass nicht eine Hütte geräumt, ein fest ummauerter Vorhof niedergerissen, eine Ernte vernichtet wird», konstatiert Yaela Raanan, eine israelische Anthropologin, die den Regionalrat der nicht anerkannten Dörfer (RCUV) nach aussen vertritt. Im Dezember hat eine Expertenkommission der Regierung Vorschläge unterbreitet, wie sie die Probleme lösen könnte. Erstmals gestand ein solches Gremium den Beduinen eine «historische Bindung» an ihr Land zu, packte die Eigentumsfrage an und riet gar, einige der Dörfer anzuerkennen. Doch insgesamt seien das bloss schöne Worte, mit so viel Finten behaftet, dass der RCUV darin eher einen Rückschritt sehe, erklärt Raanan.

Vertrieben vom eigenen Boden

Wie gespannt die Lage ist, zeigt sich im nicht anerkannten Dorf Um al-Hiran. Sein Stamm habe bis 1952 im Wadi Zubale gelebt, erzählt Raed Abu al-Kiyan, Vater von fünf Kindern. Dann habe sie der Militärgouverneur gezwungen, näher an die Grenze zu Jordanien zu ziehen. Man habe ihnen Gewehre gegeben und sie geheissen, dem Schmuggel vorzubeugen. «Doch während der Kibbuz Shoval, der auf unserem Boden entstand, jegliche Infrastruktur erhielt, hausten wir da oben im Grenzgebiet ohne Strom und Telefon.»

Nun planen die Israeli in jener Gegend ein neues Dorf - in der Nähe des jüdischen Orts Meitar. Die Beduinen, die sich seinerzeit auf behördlichen Befehl hin in Um al-Hiran und dessen Zwillingsdorf Atir niedergelassen hatten, werden jetzt beschuldigt, illegal auf Staatsland zu sitzen. 1000 Leute erhielten Räumungsbefehle.

Sie können wenig dagegen tun. Zwar versucht Adalah, die Rechtshilfeorganisation der arabischen Minderheit in Israel, das Prozedere zu stoppen. Doch Morad al-Sana, der Anwalt, der sich der Sache angenommen hat, sieht schwarz. «Der Run auf das Land hält an. Israels Araber mögen dabei nach Gerechtigkeit rufen», sagt der 36-jährige Beduine, «aber die Gesetze im jüdischen Staat stehen nicht auf unserer Seite.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.07.2009, 11:32 Uhr)

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