Jetzt spricht des Schlächters Koch
Aktualisiert am 10.10.2011 4 Kommentare
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Der Ugander Idi Amin (1925–2003) war einer der grausamsten Despoten Afrikas. Während seiner Gewaltherrschaft von 1971 bis 1979 kamen schätzungsweise 400'000 Menschen ums Leben. Nicht einmal vor seinen eigenen Ministern oder Geistlichen machten die Todesschwadronen Amins halt. Zu den Menschen, die den «Schlächter von Afrika» aus der Nähe erlebten und trotzdem überlebten, gehört Otonde Odera.
Der 74-jährige Odera war während der achtjährigen Regentschaft des ugandischen Machthabers dessen Leibkoch. «Ich war sicher, dass er mich umbringen würde», erinnert sich Odera im Gespräch mit einem Reporter des «Spiegels», der ihn in einem kenianischen Dorf aufgespürt hat (Artikel online nicht verfügbar). Aufgrund der Geschichte, die er erzählt, muss Odera sehr viel Glück gehabt haben. Denn Amin hatte seinen Koch verdächtigt, ihn vergiften zu wollen. Im Normalfall hätte ein solcher Verdacht für das Todesurteil genügt. Bei Amin konnte man sehr rasch in Ungnade fallen. Für Odera kam es aber anders. Die Frau des Kochs, die im Präsidentenpalast lebte, wandte sich weinend an die Frau des Despoten. Diese setzte sich schliesslich für den Koch ein, worauf Amin Gnade walten liess. Odera kam wieder frei und musste Uganda verlassen – den «Schlächter von Afrika» sah er nie wieder.
Otonde Odera beherrschte auch Gerichte für Weisse
Odera hatte es als Analphabet ins Zentrum der Macht in Uganda geschafft, weil er einer der wenigen schwarzen Köche in der Hauptstadt Kampala war, die nicht nur ugandische und andere afrikanische Gerichte beherrschten, sondern auch Menüs aus der angelsächsischen und der übrigen westlichen Welt. Odera war zugutegekommen, dass er bei einem anglikanischen Pater aus England das Kochen gelernt hatte. Amin wollte auf dem internationalen Parkett eine gute Figur machen – darum suchte er einen Koch, mit dem er auch weisse Staatsgäste beeindrucken konnte.
Gemäss dem «Spiegel»-Bericht war Amin in der Anfangszeit «ein unkomplizierter, sympathischer Chef für seine Angestellten, ein feiner Kerl. Er war lustig, grosszügig, jemand, der gern und laut lachte.» Amin war ein begeisterter Fleischesser, am liebsten mochte er Ziegenfleisch. Weil der Despot serviert bekam, was er sich wünschte, schenkte er seinem Koch einen Mercedes. Otonde Odera brachte es in kurzer Zeit zu Wohlstand. Er heiratete fünf Frauen. Selbst Amin hatte nicht mehr Ehefrauen.
Vergiftungsverdacht: Festnahme nach Kenia-Reise
Im Laufe der Jahre zeigte Amin immer mehr sein brutales Gesicht. Überall witterte er Komplotte. Und er hatte Angst, vergiftet zu werden. Eines Tages liess er seinen lange Zeit geschätzten Koch ins Makindye-Gefängnis stecken – dort wurden viele Menschen regelrecht abgeschlachtet. Odera, der mit dem Schlimmsten gerechnet hatte, erzählt, dass er kurz vor seiner Festnahme in sein Dorf in Kenia gereist war. «Amin hatte damals Streit mit dem Staatspräsidenten Kenias. Während meiner Abwesenheit muss ihm jemand erzählt haben, dass ich, sein kenianischer Leibkoch, ihn vergiften wolle. Das war Unsinn.» Er habe nie vorgehabt, den ugandischen Machthaber zu töten.
Um den «Schlächter von Afrika» rankten sich viele Gerüchte. Odera bestätigt, dass Amin eine seiner Ehefrauen töten und zerstückeln liess. Es gab auch Gerüchte, wonach Amin die Köpfe politischer Widersacher im Kühlschrank aufbewahrte. Ausserdem soll der Analphabet auch einen Hang zum Kannibalismus gehabt haben, was jedoch von Odera bestritten wird. «Ich kann Ihnen versichern: In unserem Kühlschrank war nie Menschenfleisch», beteuert der einstige Leibkoch. «Das war eine Legende, die er in die Welt gesetzt hatte, damit seine Feinde ihn fürchten. Amin war kein Kannibale.»
«Big Daddy» starb im Exil in Saudiarabien
Die bizarre Herrschaft Amins endete 1979. Nach Zwischenfällen an der ugandisch-tansanischen Grenze marschierten tansanische Truppen zusammen mit Exil-Ugandern in Uganda ein und stürzten den Despoten. Amin floh nach Saudiarabien. «Big Daddy», der sich zum Präsidenten auf Lebenszeit hatte ernennen lassen, starb 2003 im Exil. Odera lebt heute mit seiner Frau in ärmlichen Verhältnissen in einem kenianischen Dorf. (vin)
Erstellt: 10.10.2011, 18:12 Uhr
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