«Ich wurde mit einer Taserwaffe niedergestreckt»

Acht der neun jüdischen Gaza-Aktivisten sind wieder auf freiem Fuss und erzählen von Übergriffen: Die israelische Armee habe einige von ihnen geschlagen. Damit widersprechen sie der offiziellen Version der Vorgänge.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als die israelische Marine am Dienstag das Segelboot mit neun jüdischen Gaza-Aktivisten an Bord anhielt, hiess es, die Aktion sei friedlich verlaufen. Die Marine sei an Bord gegangen und habe dann das Schiff Irene in den Hafen von Ashdod geschleppt. Widerstand habe es keinen gegeben. Die Aktivisten wurden zum Verhör auf diverse Polizeistationen gebracht.

Aussagen von einigen Aktivisten, die am Dienstag nach einer Einvernahme bei der Polizei frei gelassen wurden, widersprechen allerdings der Version der Behörden. Yonatan Shapira, ein ehemaliger Pilot der israelischen Luftwaffe, sagte zur israelischen Zeitung «Haaretz», «dass es keine Worte gibt, um das, was wir während der Militäraktion erlebt haben, zu beschreiben». Die friedlichen Aktivisten seien von den Soldaten brutal behandelt worden. «Sie sprangen uns an und schlugen uns. Ich wurde mit einer Taserwaffe niedergestreckt.» Einige der Soldaten hätten sie «grauenhaft» behandelt, sagt Shapira, es gebe «eine riesige Diskrepanz zwischen dem, was der Sprecher der Armee sagt und dem, was wirklich passiert ist».

Aktivisten in Handschellen abgeführt

Eli Osherov, ein Journalist des israelischen TV-Senders Channel 10, der sich ebenfalls an Bord der Irene befand, bestätigt gegenüber «Haaretz» Shapiras Version. Die Armee habe unnötig Gewalt angewendet. «Sie setzten einen Taser gegen Yonatan ein. Er schrie und wurde zum Militärboot geschleppt.» Sowohl Yonatan wie sein Bruder Itamar Shapira wurden Handschellen angelegt.

An Bord des Segelschiffs, das am Sonntag von Zypern aus in See gestochen war, befanden sich Israeli und internationale jüdische Aktivisten. Das Schiff war mit Hilfsgütern für die Bevölkerung in Gaza beladen, zum Beispiel Schulmaterial, Musikinstrumente und Fischernetze. Nebst Shapira befand sich auch der 82-jährige Holocaust-Überlebende Reuben Moscowitz an Bord. Er zeigte sich geschockt, «dass israelische Soldaten neun Juden so behandeln. Sie haben Leute einfach geschlagen.»

Deutsche Aktivistin noch für drei Tage im Gefängnis

Bis auf die Deutsche Edith Lutz sind alle jüdischen Aktivisten wieder auf freiem Fuss. Ihre mobilen Telefone sind noch konfisziert, angeblich, weil sich darauf sicherheitsrelevante Aufnahmen befinden könnten. Die fünf Israeli sind wieder zu Hause, drei der vier ausländischen Aktivisten warten am Flughafen in Polizeigewahrsam auf ihre Flüge nach London und in die USA.

«Wir können sie nicht erreichen, weil ihre Telefone konfisziert sind, aber ihre Anwälte sagen, dass es ihnen gut geht», sagen Sprecher der Aktion. Eine Aktivistin befindet sich noch bis Sonntag in Haft. Die Deutsche Edith Lutz sei vor die Wahl gestellt worden, ausgewiesen zu werden oder ins Gefängnis zu gehen. Sie entschied sich für Letzteres, weil sie dachte, sie könne so nach ihrer Freilassung ihre israelischen Mitstreiter sehen. Dass alle auf freiem Fuss seien, habe sie mit grosser Erleichterung erfahren, sagen Sprecher der Aktion. Anwälte und zwei Vertreter der deutschen Botschaft konnten heute Lutz im Gefängnis besuchen.

«Provokanter Witz»

Ein Sprecher des israelischen Aussenministeriums hatte im Vorfeld die Aktion der neun jüdischen Aktivisten als «provokanten Witz» bezeichnet. Trotz Schlägen sei niemand ernsthaft verletzt und die israelische Armee sei auch gesprächsbereit gewesen. Der TV-Reporter, der an Bord der Irene war, berichtet, dass die Aktivisten später eine gute Diskussion mit den Soldaten an Bord eines Militärboots gehabt hätten.

Dieser Einsatz der israelischen Armee unterscheidet sich stark von demjenigen gegen die Gaza-Flotille Ende Mai. Dabei waren neun türkische Aktivisten getötet worden. Nach Ansicht der vom UNO-Menschenrechtsrat beauftragten Ermittler hat Israel damit internationales Recht gebrochen. Auch die israelische Blockade des Gazastreifens sei ungesetzlich. Israel wies den Bericht als parteiisch zurück. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.09.2010, 15:51 Uhr)

Artikel zum Thema

Schiff von Gaza-Aktivisten gestoppt

Die israelischen Streitkräfte haben wie angekündigt ein Boot mit jüdischen Aktivisten gestoppt, die Hilfe in den abgeriegelten Gazastreifen bringen wollten. Die Besatzung der «Irene» habe keinen Widerstand geleistet. Mehr...

Wieder ein Solidaritätsschiff nach Gaza

Erneut ist ein Schiff unterwegs zum Gazastreifen. An Bord sind laut Medienberichten neun jüdische Aktivisten, die Israels Seeblockade durchbrechen wollen. Mehr...

Sturm auf Gaza-Flotte war «illegal»

Die Uno-Untersuchungskommission bezeichnet den israelischen Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte in ihrem Bericht als schweren Verstoss gegen die Menschenrechte. Der Einsatz zeuge von «unnötiger Gewalt». Mehr...

Werbung

Werbung

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Intimrasur kann der Gesundheit schaden

Blog Mag Willkommen in der Mitte

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Die Kläuse sind los: Kostümiert rennen Hunderte Santa-Run-Teilnehmer durch die Strassen Athens. (4. Dezember 2016)
(Bild: Yorgos Karahalis/AP Photo) Mehr...