König gegen Ayatollah

Raumordnungsverfahren mit Blutvergiessen – wie das sunnitische Saudiarabien und der schiitische Iran um die politische Vormacht im Nahen Osten streiten.

Abschlusszeremonie: Mitglieder der saudischen Spezialkräfte in der Haupstadt Riad. Foto: Faisal Nasser (Reuters)

Abschlusszeremonie: Mitglieder der saudischen Spezialkräfte in der Haupstadt Riad. Foto: Faisal Nasser (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

An hilfsbereiten Friedensstiftern herrscht kein Mangel: Russland, die Türkei, Pakistan, der Irak und der Oman bieten an, zwischen den lauthals streitenden Saudis und Iranern zu vermitteln. Alle wollen sie «eine Katastrophe» abwenden, «die die ganze Region betreffen könnte», wie Bagdads Aussenminister Ibrahim al-Jaafari warnte. Der Iraker dachte wohl an noch weit gewaltsamere Auseinandersetzungen zwischen Muslimen als die, welche die Region derzeit schon prägen: Von dem saudisch-iranischen Streit sehen sich auch islamische Länder jenseits der arabischen Welt bedroht, wie Pakistans rasches Vermittlungsangebot zeigt.

Die Spannungen zwischen den Führungsmächten der Sunniten und der Schiiten sind so stark wie seit dreissig Jahren nicht mehr. Wo immer die zwei grossen Glaubensrichtungen des Islam aufeinandertreffen, drohen politische Konflikte zu eskalieren. Der Gegensatz zwischen Riad und Teheran reicht zurück bis zur Islamischen Revolution. 1979 hatte Ayatollah Khomeini im Iran das weltliche, dem Westen wohlgesinnte Regime des Schahs gestürzt. Die Mullahs wollten ihre Revolution danach exportieren, bedrohten die sunnitischen Monarchien auf der anderen Seite des Persischen Golfs. Im 1. Golfkrieg stellten sich die Könige und Emire daher auf die Seite Saddam Husseins: Sie wollten den Spuk eines schiitischen Gottesstaats im be­völkerungsreichsten Land am Golf be­enden.

Iranische Netzwerke

Doch der achtjährige Krieg festigte die Khomeini-Revolution. Die Sunnitenherrscher lasten dem Iran aus jener Zeit einen Umsturzversuch in Bahrain an, ein Attentat auf den Emir von Kuwait, Angriffe auf Öltanker im Golf. Der Iran gründete zudem militante Schiitenorganisationen wie der Hizbollah al-Hejaz, die in Saudiarabien operieren sollte. Aus Furcht vor Teheran schlossen sich die sunnitischen Golfstaaten und Oman 1981 im Golfkooperationsrat zusammen. Der Iran setzt im Gegenzug bis heute auf ­informelle Schiitennetzwerke, unterstützt Milizen wie die Hizbollah im ­Libanon, lädt Theologiestudenten in die ­Seminare von Qom ein, rekrutiert ­schiitische Unterstützer in der gesamten Region.

Als der 1. Golfkrieg mit einem Waffenstillstand zwischen dem Iran und dem Irak endete, kam es nicht zur Versöhnung. Das Misstrauen sitzt bis heute tief. Die diplomatischen Beziehungen zum Iran etwa hatten einige Golfstaaten erst 1991 wieder aufgenommen – um sie nun im Zug des neuen Streits wieder einzufrieren. Die Konkurrenz um Vormacht, Einfluss und Legitimität tragen beide Regimes entlang der religiösen Bruchlinie aus. Die gibt es zwischen Sunniten und Schiiten seit dem 7. Jahrhundert. Sprengkraft erhält sie aber erst durch die ständige Betonung später entstandener theologischer Unterschiede: Mittels Religion wird politische Loyalität eingefordert, werden Gesellschaften gespalten.

Die Exekution des schiitischen Geistlichen und Oppositionellen Nimr al-Nimr zu Jahresbeginn in Saudiarabien und die Demonstranten, die im Gegenzug Riads Botschaft in Teheran brandschatzten, sind Symptom dafür, wie heftig der Kampf wieder geführt wird. Ein anderer Hinweis war die Reaktion auf ein Unglück beim letztjährigen Hadsch, der Mekka-Pilgerfahrt. Saudiarabien gab iranischen Pilgern die Schuld an der Katastrophe mit mehr als 2000 Toten; Teherans Oberster Führer Ali Khamenei warf Riad Inkompetenz vor. Er forderte eine Entschuldigung von König Salman, stellte dessen Rolle als Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina so infrage.

Die tieferliegende Ursache der Eskalation ist, dass in Nahost und der arabischen Welt eine neue regionale Ordnung entsteht, mit allen damit verbundenen Verwerfungen. Begonnen hatte dies mit der US-Invasion im Irak 2003, die den Sunniten Saddam Hussein stürzte und in Bagdad die schiitische Mehrheit an die Macht brachte, deren politische Elite eng mit dem Iran verbunden ist. Heute sind es neben dem Irak die Kriege in Syrien und im Jemen, aber auch die Konflikte im Libanon oder in Bahrain, in denen Iraner und Saudis um die Vormacht ringen. Einen Krieg wollen beide Seiten vermeiden. «Das ist etwas, was wir überhaupt nicht vorhersehen», sagte der ­saudische Verteidigungsminister Muhammad bin Salman dem «Economist». Ein solcher Krieg wäre «der Beginn einer grossen Katastrophe», die man nicht zulassen werde. Westliche Diplomaten befürchten jedoch, dass sich die Stellvertreterkonflikte verschärfen.

Ärger mit Washington

Zugleich müssen Riad und Teheran ihr Verhältnis zur alten Ordnungsmacht USA neu ordnen – Washington nimmt sich mehr und mehr zurück in der Region. Auch Russlands Stellung ist unklar, das mit dem militärischen Eingreifen in Syrien eine grössere Rolle beansprucht, ohne stark genug zu sein, die USA zu beerben.

Die Saudis sind wegen des Atomabkommens mit dem Iran schlecht auf Washington zu sprechen. Der vor einem Jahr gestorbene König Abdullah hatte gefordert, «der Schlange den Kopf abzuschlagen», also die Nuklearanlagen zu bombardieren. Umso enttäuschter war sein Nachfolger Salman, als Amerikaner, Russen und Europäer den Deal besiegelten. Der öffnet dem Iran den Weg zurück in die internationale Gemeinschaft und befreit das Land von Sanktionen.

Das saudische Herrscherhaus wirft Washington vor, damit eine aggressive Politik Teherans zu ermutigen. In Riad glaubt niemand, dass der Iran von der Bombe lassen wird. Eher hilflos liessen die Saudis Raketen paradieren, die Nuklearsprengköpfe tragen können. Die müsste aber Pakistan liefern, dessen Nukleararsenal Riad über Jahre mitfinanziert hat. Was die Saudis noch ärgert: US-Jets bombardieren im Irak die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und helfen so Schiitenmilizen, die im Auftrag Bagdads und Teherans kämpfen. In Syrien hingegen beliess es Barack Obama selbst nach dem Chemiewaffeneinsatz bei Drohungen, verschonte die Truppen des mit dem Iran verbündeten Macht­habers Assad.

Botschaft angezündet

Über das zukünftige Verhältnis zum langjährigen Erzfeind USA sind aber auch die Iraner uneins. Während Gemässigte um Präsident Hassan Rohani sich öffnen wollen, wittern Hardliner Gefahr für die Islamische Republik. Auch deshalb liessen sie zu, dass Demonstranten jüngst Saudiarabiens Botschaft in Teheran anzündeten.

Die Radikalen wissen, dass sie so jede Annäherung an den Westen, aber auch an die Golfstaaten erschweren. Lieber spielten sie den Saudis in die Hände: Die brachen die Beziehungen zum Iran ab, Bahrain folgte. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und Katar begnügten sich vorerst damit, die Botschafter abzuziehen. So gelang es Riad nur zum Teil, Gefolgschaft zu finden. Washington jedenfalls sah sich gezwungen, Teheran zu verurteilen, um nicht die Unterstützung arabischer Staaten im Kampf gegen den IS zu riskieren.

Weiterer Bericht Seite 10

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.01.2016, 22:41 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Saudiarabien soll iranische Botschaft bombardiert haben

Teheran wirft Saudiarabien vor, die iranische Botschaft im Jemen angegriffen zu haben. Augenzeugenberichten zufolge wurde das Gebäude gar nicht getroffen. Mehr...

Schiiten im Irak protestieren gegen Saudiarabien

Die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr empört auch dessen Glaubensgenossen im Irak. Sie fordern Massnahmen gegen Saudiarabien. Mehr...

Opportunisten, so empört

Kommentar Was die Schweiz an den Massenhinrichtungen in Saudiarabien wohl wirklich stört. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Werbung

Kommentare

Werbung

Campingaz Gasgrill 4 Series

Inklusive Grillrost aus Gusseisen, Fettauffangschale und Temperaturanzeige! Im OTTO’S Webshop!

Die Welt in Bildern

Wenn der Säbel juckt: Als Wikinger verkleidet kämpfen australische Teilnehmer des St. Ives-Mittelalter-Festival in Sydney gegeneinander. (24. September 2016)
(Bild: Dan Himbrechts) Mehr...