Vier Bomben am Tag – wie kann man so leben?

Bagdad ist die Metropole der Angst. Wie die Menschen damit klarkommen. Zum Beispiel Muntazar Hassan.

Und immer wieder knallt es irgendwo: Explosion an einem Checkpoint in Bagdad im Jahr 2014.

Und immer wieder knallt es irgendwo: Explosion an einem Checkpoint in Bagdad im Jahr 2014. Bild: Thaier Al-Sudani/Reuters

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Es war nur der Bruchteil einer Sekunde, aber in Muntazar Hassans Gehirn läuft der Moment immer wieder in Zeitlupe ab. In Endlosschleife: die Schreie, der Rauch, der Geruch von verbranntem Menschenfleisch, der Blitz, die Hitze am Rücken und am Kopf, die Druckwelle, die ihn in die Luft schleuderte.

Er flog vom breiten Gehweg der Inneren-Karrada-Strasse fünf Meter weit durch die nächste Schaufensterscheibe in einen Laden, über seinen Stand mit Jeans, die er auf einer Holzplatte aufgeschichtet hatte, sortiert nach Farben und Marken. An den Knall kann er sich nicht erinnern. Aber seine Ohren waren taub danach. Andere sagen, es sei wie ein dumpfer Paukenschlag gewesen. Später kam das hohe Fiepen im Ohr. Es war kurz vor ein Uhr morgens am 3. Juli 2016 in Bagdad. Im Sommer spielt sich in dieser Stadt das Leben in der Nacht ab, wenn die Gluthitze nachlässt. Vor allem im Ramadan, wenn die meisten Muslime bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken. Die Menschen gingen neue Kleider kaufen, wie es Tradition ist vor den Eid-Feiertagen zum Ende des Fastenmonats. Es ist die beste Zeit für Muntazar Hassan. Die Strasse war voll, Autos Stossstange an Stossstange, zwei Spuren in jede Richtung; die Stimmung gelöst, ausgelassen.

Ein Magnet für alle

Im Stadtteil Karrada, gelegen in einer Schleife des Tigris, leben überwiegend Schiiten und einige Christen, aber die Einkaufsstrasse mit ihren Cafés und Restaurants zieht Menschen aus ganz Bagdad an, gleich welcher Religion oder Volksgruppe. Zwei oder drei Stockwerke sind die Häuser hoch, überall grelle Leuchtreklame, Schuh- und Parfümgeschäfte, Kleider, gefälschte Billigware aus China neben Originalen, dazwischen Cafés und Restaurants. Es gibt hier Pizza und Burger, Kebab und Shawarma, die angeblich besten Wasserpfeifen der Stadt. Hier macht Bagdad auf weltläufige Metropole. Viele hockten vor den Fernsehern im Freien. EM-Viertelfinal, Deutschland gegen Italien, Penaltyschiessen. In der lauen Nacht sah Muntazar Hassan Körper ohne Köpfe, Menschen ohne Beine, ohne Arme. Und überall Feuer. Ein Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) jagte sich mit seinem weissen Kühllaster in die Luft, mehrere Tonnen Sprengstoff. Muntazar Hassan wankte zurück auf die Strasse. Sein Stand war weg und auch Ahmed, sein Freund und Geschäftspartner. Eben noch hatte er neben ihm gestanden, keinen Meter entfernt. Jetzt war überall beissender, dicker, schwarzer Rauch. Die Parfümshops und der Polyester der Billigklamotten nährten den Flammensturm. Menschen schrien, zwischendrin die Sirenen der Feuerwehr.

341 Tote in einer Nacht – im Westen nur eine Meldung

Hassan war ganz ruhig in diesem Moment. Er rief immer wieder nach Ahmed. Ihm war kalt, obwohl es um ihn herum brannte. Nur sein Nacken fühlte sich plötzlich warm an, dann der Rücken. Er blutete am Hals. Als er mit der Hand zur Wunde griff, verlor er das Bewusstsein.

Mindestens 341 Menschen starben in dieser Nacht – im Westen eine Meldung, mehr nicht. Niemand strahlte am nächsten Tag das Brandenburger Tor schwarz-weiss-rot an, niemand projizierte die irakischen Nationalfarben auf den Eiffelturm. Nur die Iraker kamen, zündeten Kerzen an und klebten Fotos von den Toten und Vermissten an die kokelnden Ruinen. Sie müssen hier mit dem Terror leben. In keiner Stadt der Welt explodieren mehr Bomben. Manchmal ist es ein paar Tage ruhig, manchmal hallt ein halbes Dutzend Explosionen an einem Vormittag durch die Strassen; im Durchschnitt sind es vier Sprengsätze am Tag.

Aber Karrada, das hat Bagdad erschüttert, das war selbst für diese Stadt eine neue Dimension. Tagelang zogen sie die Toten aus den schmorenden Trümmern. Niemand konnte Muntazar Hassans Familie sagen, wo er ist, ob er lebt. Viele der Leichen waren so verkohlt, dass sie nur durch DNA-Tests identifiziert werden konnten. Drei Tage suchte seine Familie nach ihm, bis sie ihn in der Bagdad Medical City fand, dem grössten Spital der Stadt. Die Ärzte gaben ihm eine Überlebenschance von 20 Prozent. Metallsplitter der Autobombe steckten in seinem Hals, die Haut an seinem Rücken war verbrannt.

Zurück am Ort des Massakers

Muntazar Hassan steht jetzt wieder an der Karrada-Strasse. Genau an derselben Stelle wie am 3. Juli. Jeden Tag von zehn Uhr morgens bis mindestens nachts um eins, er ist jetzt 24 Jahre alt. Das Schaufenster, durch das er geflogen ist, ist wieder hergerichtet. Er stemmt die Fäuste in die Taschen seiner Jeans, die Abende sind noch kalt. Die Kapuze seiner Jacke verbirgt ein wenig die zehn Zentimeter lange Narbe an seinem Hals. Nimmt er die Hände aus der Tasche, hängt sein linker Arm schlaff am Körper herab; er hat 70 Prozent der Beweglichkeit verloren. Die Schrapnelle der Bombe haben Nerven im Hals zerfetzt.

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Er hat ein rundes, ein freundliches Gesicht eigentlich, aber er schaut streng. Immer wieder wischt er sich die Tränen weg, wenn er von dieser Nacht spricht. Ahmed hat es nicht geschafft. Er ist tot. «Wir waren wie Brüder», sagt er. Muntazar Hassan muss allein weitermachen.

Europa will sie nicht, Amerika schon gar nicht.

Nach 18 Tagen Spital, zwei Operationen, Wochen mit Verbänden und Schmerzen verkauft er weiter Jeanshosen. «Ich habe kein anderes Leben!» So geht es Millionen in Bagdad. Sie können nicht fliehen, alles hinter sich lassen. Bagdad ist für sie nicht nur Terror und Bomben. Sie haben Familien, Geschäfte, sie sind hier geboren, verwurzelt. Manche haben drei Kriege erlebt, den gegen den Iran und zwei gegen die Amerikaner. Und den Bürgerkrieg 2006 und 2007. Wo sollten sie hin? Europa will sie nicht haben, Amerika schon gar nicht.

Natürlich weiss Muntazar Hassan, dass es noch mal passieren könnte. Er hat lange dafür gearbeitet, einen Stand auf der Karrada zu bekommen. Seine Ware ist verbrannt, er konnte monatelang nicht arbeiten. Jetzt muss er die 9000 Franken wieder verdienen, die er durch den Anschlag verloren hat. Er hat Schulden bei Verwandten, bei Freunden. Nur die Kunden sind ein Problem.

Ausländer fahren gepanzerte Geländewagen

50 Prozent weniger seien es als vor dem Anschlag, sagt Muntazar Hassan. Die Leute blieben nicht weg, weil sie Angst hätten vor weiteren Bomben. Sie sind genervt, weil Polizei und Sicherheitsbehörden die Strasse regelmässig abends für den Verkehr sperren, zur Hauptgeschäftszeit – zum Einkaufen aber fährt man mit dem Auto. Und wenn die Karrada-Strasse gesperrt ist, gibt es ja noch die Palästina-Strasse oder die Mansour-Strasse mit ihrer neuen Mall.

Bagdad ist an vielen Stellen ein Hochsicherheitstrakt, verschanzt hinter Betonmauern, Stacheldraht, Stahltoren. Ausländer fahren gepanzerte Geländewagen, westliche Diplomaten trauen sich kaum aus ihren Botschaften. Und die Amerikaner fliegen vom Flughafen mit dem Helikopter in ihre Festung in der Grünen Zone.

Checkpoints sind für für Einheimische vor allem Verkehrshindernisse

Kontrollpunkte von Armee und Polizei an allen Strassen gehören seit Jahren zum Alltag, Soldaten und Polizisten mit Sturmgewehren an jeder Kreuzung, Schützenpanzer an besonders sensiblen Ecken. Die Iraker glauben schon lange nicht mehr, dass sie das schützen kann. Checkpoints sind für sie vor allem Verkehrshindernisse.

Fand die Bombe von Karrada nicht trotz der Sicherheitsvorkehrungen ihren Weg ins Herz der Stadt? Sie war in der Nachbarprovinz Diyala nordöstlich von Bagdad in den weissen Kleinlaster geladen worden. Videokameras an den Kontrollstellen haben den Weg des Attentäters aufgezeichnet. Er passierte etliche Checkpoints, in einer der Aufnahmen war zu sehen, wie ein Spürhund an dem Wagen schnüffelte – ohne Alarm zu schlagen. Eine neue Sprengstoffmischung, oder nur Schlendrian. Der Terror-Kalif Abu Bakr al-Baghdadi hatte seine Jünger vom Islamischen Staat aufgerufen, Ramadan zum blutigen Monat für die Schiiten zu machen. Die Menschen in Karrada waren ein leichtes Ziel.

Die Leuten fühlen sich verraten

Premier Haider al-Abadi stammt aus dem Viertel, aber als er den Anschlagsort besuchte, warfen die Menschen Steine. Sie fühlen sich verraten von der Politik, viele glauben, dass die Sicherheitskräfte und rivalisierende Milizen in die Anschläge verwickelt sind.

Karrada war der schlimmste Anschlag seit dem Einmarsch der Amerikaner 2003. Haider al-Abadi ordnete an, dass Hunderte nutzlose Bombendetektoren nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Der Innenminister musste gehen, die USA schickten Berater. Jetzt gibt es an den Einfallstrassen Röntgenscanner, die aussehen wie das Portal einer Autowaschanlage, daneben weisse Lieferwagen voller Computer und Bildschirme, wie bei der Gepäckkontrolle am Flughafen. Der Erfolg ist überschaubar: Im Januar 2017 hat es mehr als 180 Sicherheitsvorfälle gegeben, bei denen Menschen getötet wurden. 114 Bombenexplosionen, zwei Selbstmordattentate, 13 Autobomben. Allein in Bagdad. Sieben Selbstmordattentäter wurden getötet, bevor sie sich in die Luft sprengten.

Muntazar Hassan hat Angst, dass es ihn noch mal treffen könnte, dass er Gott und das Schicksal herausfordert, weil er wieder auf der Karrada-Strasse steht. Es gibt kaum jemanden in Bagdad, der nicht jemanden kennt, der bei einem Anschlag getötet oder verletzt wurde. Aber viele haben beschlossen, den Terror zu ignorieren. Am Freitagmorgen gehen Tausende Richtung Mutannabi-Strasse, Treffpunkt der Intellektuellen, Sitz von Verlagen und Open-Air-Markt für Bücher.

Jedes Buch ist erhältlich

Der Weg hierher führt vom Viertel Bab al-Muatham mit der Universität und der Nationalbibliothek über den Flohmarkt auf dem Maidan in die Rashid-Strasse, 1910 errichtet. Die graubraunen Fassaden lassen die einstige Pracht des Viertels erahnen, kunstvoll geschmiedete Art-déco-Balkone, Säulengänge, ­ornamentverzierte Fensterfriese. Es ist halb neun, die Leute drängen sich um die Plastiktischchen vor dem Restaurant Umm Kulthoum. Hier gibt es den besten Kebab der Stadt. Es riecht nach dem Benzin des Generators und nach gebratenem Fleisch. Wer einen Sitzplatz haben will, muss warten.

Mit dreirädrigen Holzkarren schaffen die Buchhändler ihre Ware in die Mutannabi-Strasse. Sie gehen achtlos vorbei an den Pritschenwagen der Polizei, die Männer auf den Ladeflächen rauchen gelangweilt, überall Maschinengewehre. Die Beamten tasten jeden Besucher ab.

Sie können das Leben nicht töten

Arabisch, Englisch, Französisch, Fachbücher und Belletristik, neu und antiquarisch, hier bekommt man fast ­alles. Was nicht vorrätig ist, können die Händler besorgen. «Wir hatten ein Sprichwort», sagt einer der Händler. «Ägypten schreibt, Libanon druckt, Irak liest.» Das gilt schon lange nicht mehr, aber die Strasse ist immer noch so etwas wie das Zentrum des kulturellen Lebens von Bagdad, und das Shabandar-Café der wichtigste Treffpunkt. An der Wand hängen fünf Porträts mit Trauerflor. Es sind die vier Söhne und einer der Enkel von Mohammed al-Khashali, dem Eigentümer, der neben der Tür an der Kasse sitzt. 2007 hat ein Selbstmordanschlag das Café zerstört – und seine Familie.

Trotzdem hat er das Shabandar wieder hergerichtet, an den Wänden hängen Schwarzweissfotografien aus dem Osmanischen Reich und der Monarchie. Wasserpfeifen- und Zigarettenrauch mischt sich mit dem Duft von Zitronentee. Backgammon und Domino sind verboten, hier debattieren Schriftsteller, Journalisten, Filmemacher über Kultur, Politik und die Zeit, als Bagdad noch eine Stadt von Weltrang war. «Sie können uns töten, jeden Einzelnen von uns», sagt Kadhim al-Miqdadi. «Aber sie können das Leben nicht töten. Dafür lieben es die Iraker viel zu sehr.» Miqdadi ist 65, Professor an der Universität und einer der bekanntesten Journalisten. Er sitzt da, ein kleiner Mann, blaue Windjacke, einen schwarzen Kaschmirschal um den Nacken. Jeder kennt ihn, jeder begrüsst ihn, wechselt ein paar Worte. Er redet leise, auf Französisch, darauf besteht er. Als junger Journalist musste er unter Saddam Hussein ins Exil. Er ging nach Paris, vor 20 Jahren ist er in seine Stadt heimgekehrt.

«Der irakische Bürger hat Mut», sagt er. «Unter Saddam hatten alle Angst. Unter Saddam war die Gesellschaft vielleicht stabil, aber es gab keine Freiheit. Jetzt haben wir Freiheit, und die Menschen lassen sich nicht mehr einschüchtern.» Wenn die Leute Angst hätten, würden sie zu Hause bleiben, sagt er. Aber das tun sie nicht. «Es kann sein, dass morgens um zehn eine Bombe explodiert im Herzen von Bagdad, und um zehn Uhr abends sind die Strassen trotzdem voll.» Das Blut wird weggewaschen, die Toten werden abtransportiert, dann geht es weiter – zumindest wenn es nicht so schlimm ist wie in Karrada. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2017, 12:48 Uhr

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