Milizen bomben Libyen in die Kriegszeit zurück

Im schwer durchschaubaren Machtkampf zwischen Milizen eskaliert die Gewalt in Libyen. Die Regierung erwägt den Ruf nach militärischer Hilfe aus dem Ausland.

Abgebrannte Zeugnisse der heftigen Kämpfe: Zerstörte Lieferwagen und Kleinflugzeuge beim Airport Tripolis.

Abgebrannte Zeugnisse der heftigen Kämpfe: Zerstörte Lieferwagen und Kleinflugzeuge beim Airport Tripolis. Bild: AFP

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Verfeindete Milizen haben Libyen in die Zeit des Krieges vor drei Jahren zurückgebombt – oder in die Zeit der Sanktionen in den Neunzigern, als Libyen auf dem Luftweg von der Welt abgeschnitten war und die einzigen Wege über Land oder See führten. Nach mehrtägigen Kämpfen um den Flughafen in Tripolis sind nach Angaben der Regierung 90 Prozent der Flugzeuge beschädigt, ebenso der Tower. Tankwagen sind ausgebrannt, parkende Autos Wracks. Wann Tripolis wieder Flüge wird empfangen können, ist unklar.

Misrata, der nächste Flughafen an der Küste, hat den Flugverkehr am Montag ebenfalls eingestellt. Auch in Benghazi im Osten des Landes starten und landen keine Maschinen. Damit bleiben zwei Flughäfen im Landesinneren, die aber keine Maschinen aus Europa empfangen. Oder der Landweg: aus Tunesien oder aus Ägypten. Verteidigungsminister Osama al-Juwali sprach von einem «kriminellen Akt». Man erwäge die Bitte um internationale Hilfe, so ein Regierungssprecher – ein Zeichen höchster Hilflosigkeit. Die UNO hat bis auf weiteres alle Mitarbeiter aus dem Land gebracht – aus Sicherheitsgründen.

Angreifer aus Misrata

Im schwer durchschaubaren Machtkampf um die Zukunft des Landes sind offenbar erneut jene Milizen aufeinandergetroffen, die vor drei Jahren gegen einen gemeinsamen Feind gekämpft hatten – gegen Muammar al-Ghadhafi. Aus diesem Umstand leiteten sie damals ähnliche Forderungen für eine Rolle im Nach-Ghadhafi-Libyen ab. Beide erhalten ihr Geld von der Regierung, die in einer fatalen Entscheidung die Finanzierung der einstigen Rebellen beschloss, damit aber eine Vervielfachung der Bewaffneten auslöste, die nun – wieder einmal – offenbar die politischen Interessen verschiedener Gruppen mit Raketen und Mörsern durchsetzen.

Seit dem Sturz von Ghadhafi wird der Flughafen von Tripolis von der mächtigen Miliz aus Sintan kontrolliert. Sie gilt als loyal gegenüber der Regierung und der Allianz der Nationalen Kräfte des einstigen Premiers Mahmoud Jibril. Die Angreifer sind ersten Berichten zufolge Bewaffnete aus Misrata, jener Küstenstadt, die während des Krieges gegen Ghadhafi monatelang belagert war. Sie gelten als Verbündete der Muslimbrüder und werden unterstützt von den islamistischen Brigaden des Ex-Abgeordneten Salah Badi.

Islamisten in der Defensive

Es ist nicht bewiesen, aber sicher auch nicht falsch, die derzeitigen Zusammenstösse im Zusammenhang mit den Wahlen vor einigen Wochen zu betrachten. Erste Auszählungen deuten auf eine Niederlage der Islamisten hin, die Libyens Übergangsparlament, den Generalkongress, bislang dominierten. Dazu gehören die Muslimbrüder, aber auch der Wafa-Block, zu dem auch ehemalige Jihadisten wie der Kommandeur Abdel Hakim Belhaj gehören. Wie bereits in früheren Situationen deutet vieles darauf hin, dass eine politische Gruppe – in diesem Fall die Islamisten – einer drohenden politischen Niederlage durch Demonstrationen militärischer Stärke entgehen will.

Auch an anderer Front sehen sich die Islamisten bedrängt. Im Osten des Landes hat der ehemalige General Chalifa Haftar eine Offensive gegen radikale Islamisten begonnen – zur Genugtuung vieler Libyer, in deren Augen militante Islamisten wie Ansar al-Sharia bereits viel zu viel Einfluss haben, Menschen terrorisieren und mit Darnaa eine ganze Stadt östlich von Benghazi kontrollieren. Auch Teile der Armee haben sich Haftar angeschlossen – und die Sintan-Miliz. Demnächst, so hatte der Ex-General angekündigt, werde er auch Tripolis von den Islamisten befreien.

Ein führender libyscher Muslimbruder sprach davon, der Angriff auf den Flughafen durch die Misrata-Milizen sei die «Rache» für Haftars Offensive gegen die Islamisten im Osten. Denn diese weckte bei den Religiösen schlimmste Befürchtungen vor einem ägyptischen Szenario: Vor einem Jahr wurde in Kairo der Islamisten-Präsident Mohammed Mursi mithilfe der Armee gestürzt und das islamistische Experiment grausam beendet. Viele Libyer erhoffen sich ebendies.

Einbruch der Ölproduktion

Bei der jüngsten Auseinandersetzung starben in Tripolis mindestens 15 Menschen, auch bei Zusammenstössen zwischen Haftars Männern und Islamisten gab es Tote. Tripolis, lange fast friedlich im Vergleich zum unruhigen Osten, lag verlassen da, die Strassen leer, die Geschäfte geschlossen.

Mit den jüngsten Kämpfen zeigt sich, dass sich die Hoffnungen auf eine Stabilisierung durch die jüngsten Wahlen vorerst nicht erfüllen. Nachdem die Ölproduktion nach dem Sturz Ghadhafis fast wieder auf Vorkriegsniveau gestiegen war, brach sie im vergangenen Jahr auf einen Bruchteil der sonst 1,4 Millionen Barrel am Tag ein. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.07.2014, 19:45 Uhr)

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