«Mit jeder Militäraktion geht Israel aggressiver vor»

In Israel haben es die Gegner des Gaza-Kriegs schwer. Einer, der nicht schweigt, ist Yehuda Shaul, Ex-Soldat und Mitbegründer von «Breaking the Silence».

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Israel habe selbstverständlich das Recht, sich gegen die Angriffe der Hamas zu verteidigen, und es habe die Pflicht, seine Bevölkerung zu schützen, sagt Yehuda Shaul. Das Problem sei aber die Strategie der israelischen Armee in der seit drei Wochen andauernden Militäroffensive im Gazastreifen, der dritten seit 2009 und 2012. «Mit jeder Operation geht Israel aggressiver vor, und sie nimmt immer weniger Rücksicht auf die Zivilisten», kritisiert Shaul, israelischer Ex-Soldat und Mitbegründer von «Breaking the Silence».

Diese israelische Organisation von regierungskritischen Soldaten und Reservisten entstand vor zehn Jahren mit dem Ziel, die israelische Öffentlichkeit über die Besatzungspolitik Israels und den Alltag in den palästinensischen Gebieten aufzuklären. Der 32-jährige Shaul hatte zunächst als Kampfsoldat und dann als Befehlsführer in fast allen Teilen der Westbank Militärdienst geleistet.

«Aufs Dach klopfen» genügt nicht als Warnung

Am laufenden Gaza-Krieg kritisiert Shaul insbesondere, dass die Bombardierung von Wohnhäusern nicht die Ausnahme, sondern die Normalität geworden sei. Die Häuser von führenden Hamas-Leuten seien zwar durchaus legitime Ziele, so Shaul. Er bemängelt aber, dass die Warnmethode der israelischen Armee, das so genannte «Knock on the roof» («Aufs Dach klopfen»), nicht genüge, um Zivilisten zu schützen.

Israels Armee warnt die Bewohner vor Angriffen, indem sie kleine Raketen auf ihre Häuser abfeuert. Etwa zehn Minuten nach den «Warnschüssen» werden die Häuser von durchschlagskräftigeren Raketen in Schutt und Asche gelegt. Wer nach dem «Knock on the roof» nicht fliehen kann, wird verletzt oder getötet. Auch die andere Warnmethode der Israelis, Bewohner vorgängig per Telefon zu benachrichtigen, eignet sich laut Shaul kaum, den Tod von Unschuldigen zu vermeiden. Nehme jemand das Telefon nicht ab, werde er zu Tode kommen. «Diese Methoden sind nicht akzeptabel.»

Sprache der Gewalt erzeugt noch mehr Gewalt

Wie Shaul zu verstehen gibt, haben Häufigkeit und Intensität der Angriffe Israels auf dicht besiedelte Gebiete im Vergleich zu den letzten beiden Gaza-Kriegen nochmals zugenommen. Die Zahl der Opfer und das Ausmass der Zerstörungen würden immer grösser. Dass die israelische Armee von einer Operation zur nächsten aggressiver agiert, erklärt sich Shaul folgendermassen: «Wer nur die Sprache der Gewalt spricht, wird seine Ziele nicht erreichen. Und weil er seine Ziele nicht erreicht, wendet er das nächste Mal noch mehr Gewalt an.» Das Resultat sei eine Gewaltspirale ohne Ende.

Die derzeitige Operation «Protective Edge» («Fels in der Brandung») dauert schon länger an als die letzten beiden israelischen Feldzüge gegen die Hamas. Seit Beginn der Militäroffensive am 8. Juli starben nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums in Gaza knapp 1300 Menschen, über 7200 Personen erlitten Verletzungen. Die meisten Opfer sind Zivilisten, darunter viele Kinder, wie auch Informationen der Vereinten Nationen bestätigen.

Zahlreiche zivile Opfer gab es auch am Mittwochmorgen, als israelische Panzergranaten in einer als Flüchtlingsunterkunft genutzten UNO-Schule im Gazastreifen einschlugen. Israelische Angriffe auf zivile Einrichtungen wie Schulen und Spitäler sind Alltag im Gaza-Krieg. Auch weil es eine Tatsache ist, dass die Hamas die eigene Bevölkerung als Schutzschild missbraucht und zivile Opfer in Kauf nimmt.

Stillschweigendes Einverständnis der Öffentlichkeit

Nach Ansicht der «Breaking the Silence»-Aktivisten wird die Grenze des Erlaubten – von einer militärischen Operation zur nächsten – weiter nach hinten verschoben. Und dies mit dem stillschweigenden Einverständnis der israelischen Öffentlichkeit, wie Ex-Soldat Shaul bedauernd anmerkt. Kaum jemand protestiere gegen das Vorgehen der israelischen Armee, im Gegenteil, die grosse Mehrheit der Bevölkerung unterstütze den Krieg der Regierung Israels gegen die Hamas.

Shaul stellt in der Öffentlichkeit eine grosse Feindseligkeit und eine geringe Toleranz gegenüber den Palästinensern fest. Selbst hohe Politiker machten menschenfeindliche Äusserungen, die eigentlich nicht akzeptabel seien. Im nach rechts gerutschten politischen System sieht Shaul einen Hauptgrund für das gesellschaftliche Klima, in dem der Gaza-Feldzug von praktisch der ganzen Öffentlichkeit kritiklos gebilligt wird.

«Wir müssen unsere Strategie überdenken»

Shaul kann sich nicht erklären, welches Ziel Regierungschef Benjamin Netanyahu in Gaza verfolgt. Klar ist ihm aber, dass «es Israel nicht gelingen wird, die Hamas zu schlagen, wenn es Zivilisten tötet.» Das mache die Hamas nur noch stärker. Nach dem Ende dieses Kriegs werde es nur eine Frage der Zeit sein, bis ein neuer beginne. «Wir müssen unsere Strategie überdenken, weil sie nicht funktioniert», sagt Shaul. Die aktuelle Regierungspolitik werde Israel jedenfalls keinen Frieden bringen.

Mit solchen Aussagen macht sich Shaul viele Feinde in Israel. Vor allem von rechter Seite wird er als Verräter und Nestbeschmutzer gebrandmarkt. Doch das kümmert ihn nicht: Die Mission von «Breaking the Silence» ist für Shaul «nötiger und wichtiger denn je». «Wir sollten uns klar werden, was für Menschen wir sind – und für welche Werte wir einstehen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.07.2014, 19:50 Uhr)

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«Israel wird es nicht gelingen, die Hamas zu schlagen, wenn es noch mehr Zivilisten tötet. Das macht die Hamas nur stärker»: Yehuda Shaul, Aktivist von «Breaking the Silence».

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