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«Ölreichtum ist ein Wachstumskiller»

Interview: Simon Schmid. Aktualisiert am 04.11.2011 2 Kommentare

Welche Wachstumsaussichten hat Tunesien? Wie entwickelt sich Ägypten? Wirtschaftsprofessor Uwe Sunde sagt den Ländern der arabischen Revolution unterschiedlichen Erfolg voraus.

1/5 «Wir werden uns durchsetzen»: Eine jemenitische Demonstrantin hat die Flaggen von Libyen, Syrien, Tunesien und Ägypten auf ihre Faust gemalt. Der Übergang zur Demokratie verspricht auch wirtschaftlich Vorteile ... (26. Oktober 2011)
Bild: Keystone

   

Uwe Sunde ist Professor am Schweizerischen Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität St. Gallen. Der 38-Jährige hat in einer Studie untersucht, wie sich der Übergang zur Demokratie auf das Wirtschaftswachstum von Ländern auswirkt. (Bild: PD)

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Herr Sunde, viele arabische Länder beschreiten den Weg zur Demokratie. Wie geht es wirtschaftlich weiter?
Die Ausgangslage ist in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Generell wissen wir aus vergangenen Studien, dass ein Übergang zur Demokratie das mittelfristige Wirtschaftswachstum um ein bis eineinhalb Prozent erhöhen kann. Doch das ist nicht die ganze Geschichte: Schwere Konflikte haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass das Wirtschaftswachstum in den betroffenen Ländern um rund ein Prozent pro Jahr verringert wurde.

Wird Libyens Wirtschaft schrumpfen?
Die Ergebnisse sind relativ zu verstehen: Im Vergleich zu Ländern mit keinen politischen Veränderungen dürfte Libyen jährlich um etwa ein Prozent langsamer wachsen – wobei der Effekt bis zu zehn Jahre anhalten kann. Aber auch noch schlechtere Werte sind möglich, denn aktuell ist in Libyen bezüglich Demokratie noch vieles unklar. Läuft es schief, so wird Libyen ein Musterbeispiel für ein wirtschaftliches Problemland.

Warum ist Demokratie ein wirtschaftlicher Schlüsselfaktor?
Demokratie schafft Rechtssicherheit und führt so zu einem höheren Wirtschaftswachstum. Mit stabilen Institutionen haben Bürger und Unternehmen Anreize, Investitionen mit langfristigem Amortisationszeitraum zu tätigen. Auch kurzfristig ist ein friedliches Klima entscheidend: In Jahren mit internen Konflikten haben Länder gemäss Statistik ein um zwei bis drei Prozent geringeres Wachstum als in Friedensjahren.

Welche Rolle spielt das Öl in Ländern wie Libyen?
In der Literatur wird Ölreichtum eher als Fluch denn als Segen fürs langfristige Wirtschaftswachstum angesehen: Ölreichtum geht einher mit hoher Korruption, einem der wirtschaftlichen Wachstumskiller. Einige Länder haben es jedoch geschafft, Einnahmen aus der Ölwirtschaft gewinnbringend einzusetzen. In Norwegen wird ein Teil der Öleinkünfte zum Beispiel in einen Fonds für die Altersvorsorge der Bevölkerung investiert. Entscheidend dafür, ob Resourcen wie Öl der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes förderlich sind, ist die Qualität der Institutionen, also des Rechtsstaates. Libyen müsste einen funktionierenden Rechtsstaat aufbauen und dann seine Öleinnahmen unbedingt für Dinge wie den Infrastrukturaufbau einsetzen – so, dass die Allgemeinheit einen Wohlstandszuwachs spürt.

In Tunesien lief der demokratische Übergang weniger gewaltsam ab.
Die tunesische Revolution erreichte gemäss der Skala von Freedom House etwa eine mittlere Gewaltsstufe. Für diesen Typ von Übergang ist empirisch weder ein positiver noch ein negativer Wachstumseffekt zu erwarten. Wichtig für Tunesien wären politisch stabile Verhältnisse: Damit Touristen, aber auch Investoren wieder ins Land kommen, müssen die ehemaligen Eliten glaubhaft machen, dass sie sich an die neuen politischen Spielregeln halten.

Weshalb sind die Eliten wichtig?
Demokratisierungsprozesse sind in der Geschichte unterschiedlich verlaufen. In Ländern wie England wurde die Demokratisierung «von oben» eingeleitet: Die wirtschaftlichen Eliten geben politische Macht ab, um die Arbeiterschaft für gemeinsame Anliegen zu gewinnen. Durch mehr Mitsprache erreichte die Bevölkerung, dass Dinge wie Bildung und Gesundheit verbessert wurden – was wiederum im Interesse der Eliten lag, weil es die Wirtschaft produktiver machte.

Ist dies bei Revolutionen «von unten» anders?
Im arabischen Raum ist das Volk dabei, sich die politische Macht gegen den Widerstand der Eliten zurückzuholen. Es gibt den Druck von der Strasse und den Konflikt, es gibt Gewinner und Verlierer. Wenn Eliten ihre Macht unfreiwillig abgeben, resultieren daraus meist weniger gute Institutionen als im friedlichen Fall.

Wie schätzen Sie die Aussichten von Ägypten ein?
Ägypten war nahe an einem Bürgerkrieg, es gab über 1000 Tote. Momentan regiert eine Militärdiktatur – das Land kann noch nicht als Demokratie gelten. Diese Fakten legen nahe, dass das Wachstum in den nächsten Jahren eher niedriger ausfallen wird. Auch in Syrien gab es bereits mehrere Tausend Tote.
Angesichts des aktuellen Konflikts muss man mit unmittelbaren Wachstumseinbussen rechnen. Unsere Untersuchungen verheissen auch für die Zukunft nichts Gutes – selbst wenn Syrien in näherer Zukunft den Übergang zur Demokratie schafft.

Ist Demokratie aus wirtschaftlicher Sicht ein «Muss»?
Demokratie hat einen entscheidenden Einfluss darauf, wie schnell Länder wirtschaftlich vorankommen. Lange Zeit dachte ging man von einer umgekehrten Kausalität aus. Man dachte, dass ein höheres Bruttoinlandprodukt eine Art Voraussetzung für die Demokratie ist. Die neuere Forschung sieht dies anders: Wirtschaftswachstum führt über die Zeit nicht automatisch zu mehr Demokratie.

Spielen Verteilungsfragen eine Rolle?
Hohe Ungleichheit geht oft einher mit geringer Rechtsstaatlichkeit und somit auch mit geringerem Wirtschaftswachstum. Die zunehmende soziale Ungleichheit in einigen westlichen Ländern ist in dieser Hinsicht eher beunruhigend. Auch in Tunesien oder Ägypten hat die wirtschaftliche Ungleichheit dazu geführt, dass politische Konflikte ausgebrochen sind.

Ist die Schweiz ein Musterland für wirtschaftlichen Erfolg?
Die Schweiz kann als Modellbeispiel für Dinge stehen, die man ökonomisch gar noch nicht vollständig versteht. Die demokratische Stabilität der Schweiz war ein Erfolgsfaktor – allerdings ist dieser Effekt schwierig zu messen. Generell ist alles wachstumsförderlich, was die individuelle Bereitschaft zu Innovation erhöht. Ein Beispiel ist die Gesundheit: Eine hohe Lebenserwartung verlängert den Zeitraum, während dem sich Investitionen in Geschäfte, aber auch in Dinge wie die Bildung auszahlen können.

Was kann die Schweiz für die arabischen Länder im Umbruch tun?
Ehrlich gesagt: momentan nicht viel mehr, als mit gutem Beispiel voran zu gehen. Unter dem Strich wird über den Markt geregelt, ob Investoren in diese Länder gehen oder nicht. Wichtig ist jedoch die Art und Weise, wie sie dies tun: Wenn ausländische Unternehmen korruptes Verhalten belohnen oder selbst fördern, so hat dies negative Wachstumseffekte für das Land. Es liegt an der Politik in der Schweiz und anderen westlichen Ländern, ethische Standards für das Geschäftsgebaren festzulegen und zu überwachen. Dies ist zwar schwierig, aber nicht unmöglich. Beispielsweise waren Schmiergelder in Deutschland bis zum Siemensskandal gewissermassen steuerabzugsfähig. Dies hat sich nun geändert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.11.2011, 20:47 Uhr

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2 Kommentare

bernhard moser

05.11.2011, 04:53 Uhr
Melden 15 Empfehlung

Norwegen mit dem arabischen Raum zu vergleichen ist wie Aepfel und Birnen zu vergleichen. Norwegen war schon vor den Oelfunden in der Nordsee 1967 eine Industralisierte Demokratie. Antworten


Eugen Fischer

05.11.2011, 09:05 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Europa muss in den eigenen Reihen die Koruption und den Filz massgeblich bekämpfen. Die alten Demokratien müssen die Hausaufgaben ebenfalls sofort angehen, ansonsten ist die Gefahr einer Zersplitterung und das Ende der Gefüge und der unökonomischen Gebilde nach Maney for Maney, das ende der demokratischen Geschichte. Antworten



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