«Ohne Entwicklungshilfe wäre Botswana nicht in so guter Verfassung»

Von Christof Münger. Aktualisiert am 15.06.2009

Festus Mogae ist der afrikanische Vorzeigedemokrat. Er regierte Botswana von 1998 bis 2008, ohne korrupt zu werden. Obwohl die Diamantenvorkommen auch ihn hätten verführen können.

«Ich war nie ein reicher Mann», sagt Festus Mogae, Träger des Mo-Ibrahim-Preises, beim Interview in Zürich.

«Ich war nie ein reicher Mann», sagt Festus Mogae, Träger des Mo-Ibrahim-Preises, beim Interview in Zürich.
Bild: Nicola Pitaro

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Der in Oxford als Ökonom ausgebildete Festus Mogae (69) war während zehn Jahren Präsident von Botswana. Bevor er in die Politik einstieg, war er beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und stand der Bank of Botswana vor. 1989 wurde er Finanzminister, ab 1992 amtete er als Vizepräsident. Am 1. April 1998 trat er die Nachfolge von Quett Masire als Staatspräsident an und wurde 2004 wiedergewählt. Nach zwei Amtszeiten trat er auf den 31. März 2008 zurück.

Im Oktober 2008 erhielt Festus Mogae für «erfolgreiche Regierungsarbeit» und für den Kampf gegen Aids in Botswana den Mo-Ibrahim-Preis. Die Auszeichnung ist benannt nach ihrem Stifter, einem sudanesisch-britischen Mobilfunk-Unternehmer, der Afrika von korrupten Herrschern, die sich an die Macht klammern, befreien möchte. Mit fünf Millionen Dollar ist es der höchste Preis, der weltweit vergeben wird.

Festus Mogae weilte auf Einladung des Schweizer Hilfswerks Swissaid in Zürich und besuchte dessen Tagung zur Transparenz im Rohstoffhandel in Zürich.

Bis vor einem Jahr waren Sie Präsident von Botswana. Ihr Land hat das höchste Durchschnittseinkommen in Afrika und am wenigsten Korruption. Wie haben Sie das geschafft?
Indem ich demokratisch regierte. Es gibt kein Geheimnis. Wenn man demokratisch regiert, hat man Erfolg. In allen Ländern wollen die Leute, dass sich der Lebensstandard bessert, sie wollen gute Bildung, Gesundheit und Strassen. Wenn Sie die Demokratie praktizieren, dann müssen Sie auf diese Forderungen eingehen.

Botswana ist weltweit der grösste Produzent von Diamanten. Während es in andern Ländern wegen der Edelsteine Krieg gibt, blieb es in Botswana friedlich. Weshalb?
Als zur Zeit der Unabhängigkeit Mineralien entdeckt wurden, überzeugte unser erster Präsident, Seretse Khama, seine Partei, alle Einkünfte aus dem Verkauf von Bodenschätzen in den Staat zu investieren. Auch wenn die Diamanten auf privatem Land gefunden wurden. Die Farmbesitzer erhielten lediglich eine Entschädigung. Das war entscheidend, denn zuvor landeten alle Einnahmen bei den korrupten Stammesführern in den Distrikten.

Was machte der Staat mit den Einnahmen?
Er setzte sie für die nationale Entwicklung ein. Dazu gehörten Bildungs- und Gesundheitswesen, die Wasserversorgung und der Kampf gegen die Armut. Eine glückliche Fügung war, dass sich die traditionellen und die neuen politischen Führer auf diese Politik einigten, bevor die Bodenschätze ausgebeutet wurden.

Viele Machthaber in Afrika haben die Bodenschätze für eigene Zwecke geplündert, ohne dafür belangt zu werden. Ist die Versuchung nicht gross, sich so zu bereichern?
Doch, es ist eine Versuchung. Wir hatten jedoch am Anfang ehrliche Männer an der Spitze. Das war Glück. Aber auch Sambia benutzte die Einkünfte aus dem Handel mit Bodenschätzen, um Schulen, Strassen und Spitäler zu bauen. Die Probleme dort begannen erst später.

Mobutu Sese Seko hat Zaire, die heutige Demokratische Republik Kongo, geplündert. 98 Prozent der Einnahmen wanderten in seine Tasche. Was ist anders in Botswana?
Der Kongo hat eine sehr unglückliche Kolonialgeschichte. Ab Tag eins nach der Unabhängigkeit lief alles schief. Er wurde nie als vereintes Land entwickelt und regiert. Der demokratische Prozess kam nie in Gang. Es gibt keine Strassen, welche die Provinzen verbinden. Das System war immer auf Ausbeutung angelegt. In Botswana dagegen gab es 1966 eine saubere Machtübergabe von den Briten an unsere Regierung. Das politische System war aufgebaut. Der Kongo ist aber kein Einzelfall.

Ist der Kolonialismus die Ursache für Afrikas Probleme, oder sind sie kulturell bedingt, also hausgemacht?
Es ist beides. Kulturell ist die Haltung vieler afrikanischer Führer die, dass sie für immer an der Macht bleiben wollen. Das geht darauf zurück, dass wir traditionell von Stammeschefs regiert wurden, die bis zum Tod an der Macht blieben. Aber weshalb sollen wir das nicht ändern können? Der Kolonialismus hatte ebenfalls seinen Effekt. Dazu kam später der Kalte Krieg. So interessierte sich niemand für die Menschen im Kongo, sondern nur für die Bodenschätze. Als Patrice Lumumba das kritisierte, befahl US-Präsident Dwight D. Eisenhower, den kongolesischen Premier zu ermorden. Hätte sich die westliche Welt damals so verhalten wie heute, wäre die Situation in Afrika vielleicht besser.

Was hat sich seit damals verändert?
Die afrikanischen Regierungen werden kritisiert, wenn sie nicht demokratisch agieren. Früher sagte man nur, sie seien proamerikanisch oder prosowjetisch.

Welche Rolle soll die Schweiz spielen auf Afrikas Weg zu noch mehr Demokratie?
Sie soll jene unterstützen, die demokratisch korrekt regieren, damit sie Erfolg haben. Dazu gehört der kürzliche Entscheid der Schweizer Regierung, sich für Transparenz im Rohstoffhandel einzusetzen.

Ist die Hilfe aus den reichen Ländern also nützlich und wirkungsvoll?
In Botswana haben wir davon profitiert. Wir waren anfänglich nicht selbsttragend. Uns unterstützten vor Ort viele Ausländer, die wir um Rat in technischen Fragen baten. Ohne Entwicklungshilfe wäre Botswana heute nicht in so guter Verfassung.

Es gibt Stimmen, die den freien Markt als Lösung für die Probleme Afrikas betrachten. Was halten Sie davon?
Der freie Markt stimuliert die Kreativität der Bürger. Aber es braucht Regeln. Wir müssen Prioritäten setzen, welche der Markt ignorieren würde. Zum Beispiel im Gesundheitswesen. Auch arme Leute brauchen medizinische Unterstützung. Südafrika hat den Fehler gemacht, hier den Markt spielen zu lassen. Dort gibt es jetzt Erstklassspitäler für die Reichen. Und die ärmsten 25 Prozent haben nichts.

In Botswana sind nach wie vor 24 Prozent der Bevölkerung mit HIV infiziert.
Botswana ist das Epizentrum der Aids-Epidemie. Aber wir konnten die Rate der Infizierten stabilisieren. Als ich 1998 als Präsident begann, waren die Spitäler mit Aidskranken überfüllt, das Pflegepersonal brauchte psychologische Betreuung. Wir bauten die Heimpflege aus und schulten die Familien. Und wir gaben als erstes afrikanisches Land wirksame Medikamente kostenlos ab. Das half, die Übertragung auf Ungeborene zu reduzieren. Im Jahr 2000 steckten 40 Prozent aller infizierten Schwangeren ihre Ungeborenen an, 2008 waren es noch 4 Prozent.

Andere sagen, Uno-Organisationen und Hilfswerke sollen Afrika verlassen. Dann könne sich der Kontinent entwickeln.
Das ist Darwinismus, der stärkste soll überleben. Daran glaube ich nicht. Afrika ist Teil der Welt und hat seit 1000 Jahren Kontakte mit ihr. Sklaverei, Kolonialismus und Kalter Krieg hatten einen negativen Einfluss. Positiv wirkten die Missionare, die Entwicklungshilfe und der Austausch im Bildungwesen. Die Hilfe wirkt, Handel auch. Auch kann die Hilfe den Handel ankurbeln. Das sind keine Gegensätze.

Sie wurden im vergangenen Jahr mit dem Mo-Ibrahim-Preis geehrt. Er ist mit fünf Millionen Dollar dotiert. Unterstützen Sie damit karitative Projekte?
Jährlich wird mir eine halbe Million ausgezahlt, zehn Jahre lang. Ich war jedoch nie ein reicher Mann, weder als Präsident noch zuvor. Ich konnte in meinem Dorf kein Haus bauen, ich war zu arm. Ich brauche das Geld deshalb vor allem für mich.

Botswana gilt als «Vorzeigedemokratie», Ihr Nachbarland Zimbabwe als das Gegenteil. Haben Sie Kontakt mit Robert Mugabe?
Früher schon, nun nicht mehr. Es ist eines von Afrikas Problemen, dass populäre Führer zu lange an der Macht bleiben. Am Ende verlieren sie ihre Vision und zerstören ihr gutes Werk. Wäre Präsident Mugabe 1995 abgetreten, wäre er nach wie vor ein Held und verehrter Staatsmann. Heute wäre sein Rücktritt wenigstens noch ein Geschenk an sein Volk.

Was ist typischer für Afrika, Botswana oder Zimbabwe?
Botswana ist keine Ausnahme mehr. Südafrika ist eine lebendige Demokratie, auch Namibia, Moçambique, Malawi, Sambia. Heute ist der Kongo die Ausnahme. Die Demokratie ist auf dem Vormarsch, selbst in Nigeria, wo die Korruption notorisch war. Dort muss nun die Staatsspitze offenlegen, wohin das Geld aus den Öleinnahmen fliesst. Die Afrikaner haben sich verändert dank moderner Kommunikationsmittel wie Handy und Internet. Leute wie Mugabe sollten das realisieren.

Mit Festus Mogae sprach Christof Münger (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2009, 22:00 Uhr

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