Pakistan erwartet Gegenleistung für Festnahme hoher Taliban

Von Tobias Matern, Islamabad. Aktualisiert am 22.03.2010

Die neue Härte gegenüber Afghanistans Islamisten gefährde den Friedensdialog im Nachbarland, sagen Kritiker.

Ein verhafteter Taliban-Kommandant wird den Medien vorgeführt.

Ein verhafteter Taliban-Kommandant wird den Medien vorgeführt.

Der eigentliche Kampf steht Afghanistan noch bevor. Da ist sich der Mann sicher. Und er wird erst dann geführt, wenn der Westen längst abgezogen ist. «Das ganze Land steht unter Waffen, die Auseinandersetzung wird voll ausbrechen, wenn die Nato weg ist», sagt ein hochrangiger Vertreter des pakistanischen Geheimdienstes ISI bei einem Gespräch in Islamabad. Während in Washington, London und Berlin darum gerungen wird, nach fast neun Jahren am Hindukusch den Abzug vorzubereiten, laufen in der Region bereits die Vorbereitungen für die Zeit danach.

Zentraler Faktor ist dabei Pakistan. Das Nachbarland Afghanistans erschuf auf Geheiss und mit dem Geld Washingtons einst die religiösen Krieger, stattete sie mit Waffen aus, um die Sowjetunion vom Hindukusch zu vertreiben. Heute richtet sich ihr Kampf gegen den Westen. Auch wenn die Nato nun zahlreiche Grossoffensiven gegen die Taliban beginnt – eine rein militärische Lösung für den Konflikt wird es nicht geben, die Aufständischen sind nicht zu besiegen. Der afghanische Präsident Hamid Karzai bietet ihnen regelmässig eine Beteiligung an der Macht an, der Westen möchte sogenannte moderate Aufständische mit Geld zum Gewaltverzicht bewegen.

Armee will bereit sein

Nun hat der ISI in den letzten Wochen zahlreiche hochrangige Taliban verhaftet – eine Reihe sogenannter Schattengouverneure und die Nummer zwei der Islamisten, Mullah Baradar. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Coup, hatten Regierung und Militär doch jahrelang offiziell geleugnet, dass sich die afghanischen Extremisten überhaupt in Pakistan aufhielten. Doch langsam entfalten sich die eigentlichen Motive für die Verhaftungswelle: Wenn die USA und ihre Verbündeten mit dialogbereiten Taliban eine Lösung für Afghanistan wollten, dann gehe dies nur mit Pakistan in einer Schlüsselrolle, sagt der Analyst Ejaz Haider, der gerade die pakistanische Version des Nachrichtenmagazins «Newsweek» mit aufbaut. «Kein Geheimdienst der Welt verspielt ohne Grund sein selbst geschaffenes Kapital.»

Die pakistanische Armee, trotz einer zivilen Regierung in Islamabad das Machtzentrum des Landes, will vorbereitet sein, wenn der Westen Afghanistan verlässt. Der ehemalige ISI-Chef Hamid Gul spricht bereits offen davon, «die Amerikaner sind Geschichte, die Taliban die Zukunft in Afghanistan».

Pakistan hat mit Baradar den Mann verhaftet, der mit der afghanischen Regierung bereits gesprochen hat, sich offenbar bereit zeigte, an der angestrebten Grossen Ratsversammlung im April teilzunehmen. Dann will Hamid Karzai alle entscheidenden Gruppen in Kabul zusammenbringen, um bei dieser traditionellen afghanischen Art der Konsenssuche einen Weg zum Frieden zu finden. Der Präsident ist erzürnt über die Festnahme Baradars, wie es aus seinem Umfeld in Kabul heisst. Auch der gerade aus dem Amt geschiedene Uno-Gesandte für Afghanistan, Kai Eide, gibt erstmals öffentlich zu, schon Gespräche auf höchster Ebene mit den Taliban geführt zu haben. Und greift Pakistan scharf an: Das Land untergrabe den Friedensprozess, weil es genau die Extremisten ausschalte, die vielleicht für Verhandlungen zu gewinnen wären.

«Ein Spiel mit dem Feuer»

Der ISI-Mann in Islamabad weist die Anschuldigungen zurück. Die Verhaftung Baradars sei eine gemeinsame Aktion mit den Amerikanern gewesen. Die USA müssten allerdings mit Taliban-Chef Mullah Omar selbst sprechen. Der habe bislang aber keine Lust dazu, weil er sich auf der Siegerstrasse wähne, doch sein Dienst könne versuchen, einen solchen Kontakt herzustellen.

Talat Masood beurteilt solche Aussagen mit Argwohn. Der pensionierte pakistanische General ist einer der profiliertesten Kenner des Militärs, er schreibt regelmässig in den Meinungsspalten der Zeitungen und analysiert die Lage des Landes im Fernsehen. Seit er im Ruhestand ist, nimmt er kein Blatt vor den Mund, fordert eine Armee, die sich auf ihre militärischen Aufgaben beschränkt und den Aufbau einer wahrlich demokratischen Gesellschaft zulässt – wovon Pakistan weit entfernt ist. «Es ist ein Spiel mit dem Feuer», sagt Masood. Der ISI habe seine Verbindungen zu den afghanischen Taliban beibehalten, dies berge eine grosse Gefahr: «Wenn man sie in Afghanistan unterstützt, schwappt ihre Ideologie natürlich auch weiterhin problemlos nach Pakistan», sagt er. Die Armee unterscheidet seiner Ansicht nach weiterhin in Militante, die dem eigenen Land schaden, und jene Fraktion, die vornehmlich in Afghanistan kämpft – die wolle sich der Geheimdienst erhalten.

Diese Woche wird eine hochrangige Delegation zu Gesprächen in die USA reisen. Auch die Chefs des ISI und des Militärs nehmen an den Beratungen teil. Aussenminister Shah Mahmood Qureshi hat bereits vor dem Treffen eine alles andere als zurückhaltende Botschaft für die US-Regierung parat: Wie kein zweites Land habe Pakistan unter dem Krieg gegen den Terror gelitten. Nun sei es endlich an der Zeit, nicht weitere Forderungen an Islamabad zu richten. Die USA müssten vielmehr endlich einmal ihre Versprechen wahrmachen und seinem Land die Hilfe zukommen lassen, die es verdiene. So klingt das neue pakistanische Selbstbewusstsein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2010, 04:00 Uhr

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