Ausland
Perfide Inszenierung der Gefängnisvisite
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 03.03.2010 21 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
- Lösung in Libyen-Krise in «Sichtweite»
- «Da zeichnet sich ein Streit innerhalb des Ghadhafi-Clans ab»
- Was Genf für Göldi tun kann
- Hannibal Ghadhafi fühlt mit Max Göldi
- Warten auf Göldis Begnadigung
- SVP will keine Nordafrika-Flüchtlinge
- «Es besteht Hoffnung, dass die Geiseln Libyen verlassen können»
Stichworte
Der Sohn des libyschen Revolutionsführers hat nun also den in Libyen inhaftierten Schweizer besucht. Wer über die Symbolik dieser Visite nachdenkt, dem mag als Erstes dies einfallen: Allein die Kombination der beiden Namen ist ein Clash of Civilizations, ein Zusammenstoss der Kulturen.
Einerseits Hannibal Ghadhafi. Heutige Leute assoziieren sofort den Kino-Kannibalen Hannibal Lecter. Doch vor allem war Hannibal der karthagische, also nordafrikanische Feldherr, der mit Elefanten über die Alpen zog und fast Rom ruinierte. Der Weltenerschütterer aus dem Wüstenland.
Ein kleiner Schweizer tritt dem «Bombardierer» entgegen
Und wer musste jetzt dem modernen Hannibal entgegentreten, dessen Nachname «Ghadhafi» auf Arabisch erst noch «Schleuderer» oder «Bombardierer» bedeutet? Ein Dreibuchstaben-Max mit dem klein klingenden Nachnamen Göldi. Schweizer heissen bisweilen einfach zu harmlos.
Was Max Göldi bei dem Treffen empfand, ist unklar. Sicher konnte er es nicht verweigern. Auf dem Pressefoto lehnt sich Ghadhafi junior relaxed zurück. Insasse Göldi hingegen wirkt angespannt wie ein Missionar bei einem schwierigen Glaubensgespräch. Dass er sich leicht nach vorn beugt, macht klar: Er will etwas von seinem Gegenüber. Dessen Hände agieren souverän, während der Schweizer die seinen in Ergebenheit gefaltet hat.
Bisher geriet Göldi an die Diener der Diktatur
Vollends gewendet ist die Konstellation der Kolonialzeit - weisser Herr, afrikanischer Untergebener - in der Kleidung. Ghadhafi hat zwar nicht einen Anzug an, aber ein Sakko und ein sauberes weisses Hemd. Das verleiht ihm Klasse. Der Europäer hingegen trägt eine Cordhose, das grobkarierte Hemd ist casual à la Migros-Freizeit-Wear. Der arrogante Norden wird mit seinen Stilmitteln gedemütigt.
Max Göldi geriet bisher an die Diener der libyschen Diktatur, an Polizisten, Richter, Gefängnisbeamte. Auf dem Foto vom Montag aber ist der libysche Staat kein Abstraktum mehr, seine Vollzieher keine anonymen Akteure. Hannibal Ghadhafi himself ist erschienen - um die eigene Verletztheit vorzuführen. Die Konfrontation ist somit zwar nicht Auge um Auge im alttestamentarischen Sinn, aber doch Mann gegen Mann. Die Personalisierung des Konfliktes zweier Länder ist endgültig vollzogen. Hannibal Ghadhafi zeigt, dass es ihm um sich selber geht. Und dass eine Begnadigung Max Göldis seines Segens bedürfen wird. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.03.2010, 12:38 Uhr
Kommentar schreiben
21 Kommentare
Ausland
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!



