Putin auf Siegeskurs

Der Kreml will dem Westen in Syrien eine neue Weltordnung abtrotzen. Mit Russland in der Hauptrolle.

Eine Syrerin küsst ein Putinplakat bei einer prorussischen Kundgebung in Damaskus. Foto: Muzaffar Salman (AP Photo, Keystone)

Eine Syrerin küsst ein Putinplakat bei einer prorussischen Kundgebung in Damaskus. Foto: Muzaffar Salman (AP Photo, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Himmel über Syrien werde es eng, spotteten manche Kommentatoren, als sich Russland letzten Herbst dem Antiterrorkampf in Syrien anschloss. Heute lacht niemand mehr. Zwar galten die russischen Bombardements von Anfang an nicht wirklich der Terrormiliz Islamischer Staat, welche die USA und eine Koalition der Willigen dort aus der Luft bekämpfen. Doch seit einigen Tagen arbeitet Russland mit dem syrischen Machthaber Bashar al-Assad Hand in Hand: Die Russen bomben die geschundenen, von der Opposition gehaltenen Städte sturmreif, und die syrische Armee rückt am Boden nach.

Aus den anfänglich 20 russischen Angriffen am Tag sind inzwischen 200 Bomben allein auf die Stadt Aleppo geworden. Rücksicht auf Verluste nimmt Moskau dabei keine: Es werden unpräzise und sogar geächtete Waffen wie Streubomben eingesetzt. Die russischen Kampfjets treiben Zehntausende Flüchtlinge vor sich her, Hunderte Menschen wurden getötet. Als wäre für die Zivilisten nicht alles schon schlimm genug: Die UNO wirft allen Kriegsparteien vor, die Menschen skrupellos als «Verhandlungsmasse und Kanonenfutter» zu missbrauchen.

Wie die Flüchtlinge treibt Putin auch den Westen vor sich her, der angesichts der Eskalation ein Bild der Ratlosigkeit abgibt, und sich gezwungen sieht, beim Kreml um eine Feuerpause zu bitten. Damit erlebt Wladimir Putin gerade ein atemberaubendes Comeback: Vor einem Jahr waren Russland und sein Präsident geächtet wegen der Intervention in der Ukraine und der Annexion der Krim. Um aus dieser Isolation herauszukommen, versuchte sich der Kreml in Syrien als Partner anzudienen. Nach den Anschlägen in Paris nahm der Westen schliesslich an: Russland sei Teil der Lösung, hiess es. Man erhoffte sich vom Kreml, den syrischen Machthaber Assad aus der Welt zu zaubern, und sah ihn schon als Privatmann in Moskau sitzen. Nach bald fünf Jahren Krieg wurde, auch weil immer mehr Flüchtlinge nach Europa strömten, endlich wieder darüber diskutiert, wie der Albtraum beendet werden könnte.

Doch es ist nichts daraus geworden. Inzwischen ist der Kreml offensichtlich davon überzeugt, dass es in Syrien auf dem Schlachtfeld viel mehr zu gewinnen gibt als eine kleine Friedensdividende am Verhandlungstisch. Denn in Syrien oder in der Ukraine: Das eigentliche Ziel Putins ist die Wiederherstellung von Russlands Grösse.

Der Westen sollte aufhören damit, den russischen Präsidenten deshalb als grössenwahnsinnigen Sowjetnostalgiker abzutun. Ihm geht es nicht um das damalige Gebilde, er will die Degradierung Russlands von der Weltmacht zu einer Regionalmacht rückgängig machen, welche der Untergang der Sowjetunion mit sich gebracht hat. Um jeden Preis. Und die meisten Russen folgen ihm darin kompromisslos. In der russischen Presse wird bereits eine neue Konferenz von Jalta gefordert und die alte Weltordnung des Kalten Krieges als «die beste aller möglichen Welten» gepriesen. Putin selber versteht darunter primär die Aufteilung der Welt in Interessensphären. Und natürlich den Kampf gegen die Vormacht einer einzigen Supermacht: der USA.

Russland macht sich zur Kriegspartei

Da präsentiert sich Syrien, wo Washington von Anfang an offen einen Regimewechsel propagiert hatte, als geradezu ideales Kampffeld. Zuerst beschwor Putin noch eine Allianz mit Washington, wohl wissend, dass Ost und West unter dem Begriff Terrorismus nicht das Gleiche verstehen. Er warb für eine gemeinsame Front gegen das Böse, wie sie im Zweiten Weltkrieg gegen Hitler und den Nationalsozialismus aufgebaut worden sei. Selbst der Machterhalt des alten Alliierten Assad schien zur Disposition zu stehen.

Doch nun hilft Moskau dem syrischen Diktator offensiv dabei, ein Territorium zurückzuerobern, das er regieren kann. Gelingt das, rückt ein Machtwechsel in Damaskus in weite Ferne und das russische Credo in den Vordergrund: Assad ist der rechtmässige Herrscher Syriens und das Bollwerk gegen den islamistischen Terror.

Niemand will einen Krieg riskieren

Der Westen, der sich in all den langen Kriegsjahren nicht zum Handeln aufraffen konnte, hat dem nichts entgegenzusetzen. Der Wechsel der Russen zum Angriffskrieg macht viele der gewälzten Szenarien gänzlich unmöglich: eine Flugverbotszone etwa, um den Zivilisten eine Verschnaufpause zu verschaffen, oder gar eine direkte amerikanische Intervention gegen Assad. Ob der syrische Diktator die zurückeroberten Städte langfristig halten kann, wird sich erst noch weisen müssen, aber im Moment ist Putin auf Siegeskurs. Wer eine Lösung für Syrien will, muss mit ihm verhandeln, das ist bei den Gesprächen in München diese Woche überdeutlich geworden. Drangsaliert von syrischen Oppositionellen, die Washington Verrat vorwerfen, antwortete US-Aussenminister John Kerry unlängst lapidar: «Sollen wir einen Krieg mit Russland riskieren?»

Das ist die Kapitulation vor Putins Strategie des Undenkbaren, auf die er schon bei der Annexion der Krim gesetzt hatte: Der Westen kann einen Machthaber nicht kontern, der sich weder um Völkerrecht noch um allgemein geltende Abmachungen schert, wenn er selber verantwortungsbewusst genug ist, um nicht die gleichen Mittel zu gebrauchen und damit einen offenen Krieg zu riskieren. Die im Fall der Krim verhängten Sanktionen, das ist nach bald zwei Jahren offensichtlich, sind ebenfalls keine Lösung. Sie gehen kaum über Symbolik hinaus und drohen bereits wieder aufgeweicht zu werden, obwohl Russland die Ukraine weiterhin politisch und militärisch im Würgegriff hält. Putin würde ein solches Zurückkrebsen des Westens ohne Zweifel als Anerkennung der geschaffenen Fakten feiern – Fakten, wie er sie nun auch in Syrien schafft.

Ein neues Jalta dürfte es wohl nicht geben, schliesslich liegt die geschichtsträchtige Stadt ausgerechnet auf der annektierten Krim. Doch es genügt auch ein weniger klangvoller Name wie Genf, Wien oder München, Hauptsache, Russland spielt dort die Rolle, die Putin für sein Land einfordert: die der Grossmacht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.02.2016, 08:33 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Assad will ganz Syrien zurückerobern

In einem Interview mit der Agentur AFP sagt der syrische Präsident, er wolle auf keinen Teil des Landes verzichten. Mehr...

«Es gibt Anlass zur Hoffnung»

Interview In sieben Tagen sollen die Waffen in Syrien schweigen. Korrespondent Paul-Anton Krüger bewertet das Ergebnis der Verhandlungen von München. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Konstruktiv zu vielen Chischten

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Wimmelbild: In Jakarta, Indonesien, protestieren Gewerkschaftsmitglieder gegen eine Steueramnestie für die Regierung. Ein Polizist bahnt sich ein Weg durch die demonstrierende Menschenmasse. (29. September 2016)
(Bild: Darren Whiteside) Mehr...