Rätselraten um den neuen «Jihadi John»

In einem Gräuelvideo des IS spielt ein Brite eine entscheidende Rolle. Handelt es sich tatsächlich um Abu Rumaysah, wird es für die britischen Behörden peinlich.

Abu Rumaysah (links) am 11. September 2011 bei einer Demonstration vor der US-Botschaft in London. Ist er der maskierte Killer auf dem IS-Video? Foto: Keystone

Abu Rumaysah (links) am 11. September 2011 bei einer Demonstration vor der US-Botschaft in London. Ist er der maskierte Killer auf dem IS-Video? Foto: Keystone

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Im jüngsten Video der Terrormiliz Islamischer Staat gestehen fünf angebliche Spione, westliche Geheimdienste mit Informationen aus dem sogenannten Kalifat versorgt zu haben. Danach wendet sich ein maskierter Terrorist an den britischen Premierminister David Cameron, um ihn mit Londoner Akzent zu bedrohen und als «Idioten» zu beschimpfen. Neben ihm stehen vier andere maskierte Jihadisten, vor ihnen knien die fünf Opfer in orangen Anzügen. Mit Kopfschüssen werden sie hingerichtet.

Seit das Video am vergangenen Sonntag publiziert wurde, spekuliert die britische Presse über die Identität des maskierten Killers. Dessen Auftritt erinnert an jene von Mohammed Emwazi alias «Jihadi John» – der Engländer, der in mehreren IS-Gräuelvideos westliche Geiseln vor laufender Kamera enthauptete. Im November gelang es der amerikanischen Armee höchstwahrscheinlich, Jihadi John durch einen Drohnenangriff zu töten. Der frühere CIA-Analyst Aki Peritz sagte dem Fernsehsender CNN: «Jihadi John war eine Schreckgestalt für den Westen – und dieser neue Mann, wer immer es sein mag, versucht, das bedrohliche Verhalten seines Vorgängers zu kopieren.»

Quelle: Youtube

Wer ist der «neue Jihadi John»? Offizielle Angaben gibt es bisher nicht, doch deutet einiges darauf hin, dass sich hinter der Maske der 32-jährige Siddhartha Dhar verbirgt – ein britischer Staatsbürger mit indischen Wurzeln, der vom Hinduismus zum Islam konvertierte und dabei den Namen Abu Rumaysah annahm. Seine in Grossbritannien lebende Schwester Konika sagte, die Stimme auf dem Hinrichtungsvideos klinge stark nach ihrem Bruder, um die Aussage dann jedoch abzuschwächen: «Es könnte auch sonst jemand sein.»

Täuschen sich die Angehörigen?

Ein ehemaliger Anwalt des Verdächtigen beteuerte hingegen: «Das ist nicht seine Stimme. Das ist nicht seine Haltung. Das sind nicht seine Augen.» Laut Raffaello Pantucci, dem Direktor für internationale Sicherheitsstudien am Royal United Services Institute, sind selbst die Aussagen von Familienangehörigen in solchen Fällen unzuverlässig. «Manchmal glaubten Eltern, ihre Kinder in diesen Videos identifiziert zu haben, und dann stellte es sich als falsch heraus», sagte Pantucci der britischen Zeitung «The Guardian».

Für die Vermutung, der neue Jihadi John sei Abu Rumaysah, spricht jedoch die Tatsache, dass die Polizei das Haus seiner Familie in Nordlondon aufgesucht hat. Ausserdem zitiert die BBC eine offizielle Quelle, wonach Rumaysah auch für die Ermittler der Hauptverdächtige sei. Die Informationen des als seriös geltenden Senders sind in solchen Fällen meist zutreffend.

Sollte sich die Vermutung bestätigen, werden sich die britischen Behörden mit peinlichen Fragen konfrontiert sehen. Denn Rumaysah wurde wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen islamistischen Gruppierung verhaftet, jedoch gegen Kaution aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen. Seinen Pass zogen die Beamten nicht ein, weshalb er im September 2014 mit seiner Frau und seinen vier Kindern einen Bus nach Paris bestieg. Kurz darauf postete er ein Foto aus Syrien, auf dem er mit einem schlafenden Baby im Arm und einer Kalaschnikow in der Hand zu sehen ist.

800 Briten reisten zum IS

Offiziellen Angaben zufolge sind rund 800 britische Staatsbürger in das Terrorkalifat gereist; etwa die Hälfte sei wieder nach Grossbritannien zurückgekehrt. Ein unabhängiger Sicherheitsexperte sagt im «Guardian»: «Ungewöhnlich an diesem Fall ist, dass es Rumaysah nach Syrien geschafft hat, obwohl er in ein Strafverfahren verwickelt war, obwohl man ihn verhaftet und nur gegen Kaution wieder auf freien Fuss gesetzt hatte.»

Vor seiner Reise nach Syrien hatte sich Rumaysah den Lebensunterhalt verdient, indem er Hüpfburgen für Kinderfeste verkaufte und vermietete. Laut britischen Medien sei er ein Fan des Fussballclubs Arsenal und der Popgruppe Nirvana gewesen. Radikalisiert habe er sich als Teenager, nachdem sein Vater gestorben sei. Der britische Dokumentarfilmer Robb Leech, der Rumaysah persönlich kannte, hat ihn als ausgesprochen freundlich in Erinnerung. «Ich hätte nie gedacht, dass er zu einem solchen Verbrechen fähig wäre.»

Der bizarre Auftritt eines Fünfjährigen

Sofern es sich beim Schergen im jüngsten IS-Video tatsächlich um Rumaysah handelt, werden westliche Geheimdienste versuchen, ihn in Syrien aufzuspüren und zu töten, genau so, wie sie es mit Jihadi John getan haben. Einstweilen antwortete David Cameron seinem maskierten Landsmann mit folgenden Worten. «Das ist verzweifeltes Zeug von einer Organisation, die entsetzliche und verabscheuungswürdigste Taten begeht, wie man einmal mehr sehen kann.»

Das IS-Video endet auf bizarre Weise: Am Schluss tritt für einige Sekunden ein etwa fünfjähriger Knabe in Militäruniform auf, der ebenfalls Drohungen gegen Ungläubige ausstösst. Weil das Kind unmaskiert ist, wurde es von seinem in England lebenden nigerianischen Grossvater erkannt. Der Junge heisst Isa und ist von seiner Mutter, der IS-Anhängerin Khadijah Dare, nach Syrien entführt worden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.01.2016, 21:33 Uhr)

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