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«Robert Mugabe fragt nach meinen Kindern»

Von Johannes Dieterich, Harare. Aktualisiert am 07.09.2009

Zimbabwes Diktator Mugabe wollte ihn umbringen lassen. Heute sitzt Morgan Tsvangirai mit in der Regierung – und erzählt hier vom «dramatischen» Alltag mit dem früheren Erzfeind.

«Ich bin kein Oppositionsführer, kein Aktivist mehr»: Morgan Tsvangirai, Premierminister von Zimbabwe.

«Ich bin kein Oppositionsführer, kein Aktivist mehr»: Morgan Tsvangirai, Premierminister von Zimbabwe. (Bild: Keystone)

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Morgan Tsvangirai

Morgan Tsvangirai wurde vor 57 Jahren als ältester Sohn eines Maurers im zimbabwischen Provinzstädtchen Buhera geboren. Nach kurzer Schulzeit heuerte er als Kumpel in einer Mine an und arbeitete sich später als Gewerkschafter bis zur Spitze des Dachverbandes ZCTU hoch. Bereits damals versuchten Agenten, den leidenschaftlichen Kritiker Robert Mugabes zu töten, später folgten weitere Mordversuche. 1999 war Tsvangirai an der Gründung der «Bewegung für demokratischen Wandel» (MDC) beteiligt, zu deren Präsident er gewählt wurde.

Zehn Jahre versuchte die MDC, Mugabes Zanu/PF-Partei zu entmachten, scheiterte aber wegen Gewaltorgien und massiver Wahlmanipulationen der Regierungsorgane. Tsvangirai selbst wurde im März 2007 dermassen brutal von Polizisten verprügelt, dass er einen Schädelbruch erlitt.

Unter der Federführung von Südafrikas Ex-Präsident Thabo Mbeki unterzeichneten die beiden Konfliktparteien vor einem Jahr eine Vereinbarung zur Bildung einer Koalitionsregierung. Im Februar wurde Tsvangirai von Präsident Mugabe als Premierminister vereidigt. Wenig später war er in einen mysteriösen Autounfall verwickelt, in dem er selbst schwer verletzt und seine Frau Susan getötet wurde. (jod)

Sie arbeiten seit einem halben Jahr mit Menschen zusammen, die mehrere Male versucht haben, Sie umzubringen. Wie ist das?
Ich bin mir unserer Geschichte bewusst. Der politische Graben hat Opponenten zu Feinden gemacht. Aber die Polarisierung war nicht hilfreich. Wir haben diesen Zustand überwunden.

Hat sich Robert Mugabe, den Sie einst einen Tyrannen nannten, radikal gewandelt?
Jeder weiss, was in den vergangenen Jahren vorgefallen ist. Aber wir haben vereinbart zusammenzuarbeiten. Mit dieser Perspektive gehen wir die Sache an.

Wie verlaufen die Begegnungen zwischen Ihnen und Mugabe?
Wie ich es auch immer beschreibe, Sie werden es nicht selbst erleben können. Es ist eine sehr persönliche Erfahrung. Können Sie sich vorstellen, mit jemandem in einem Raum zu sitzen, der Ihnen nach dem Leben trachtete? Es ist unvorstellbar. Es ist dramatisch. Tatsache ist, dass wir uns einmal in der Woche treffen, um über Regierungsgeschäfte zu reden. Ich kontrolliere ja die Arbeit der Minister und berichte, was in Angriff genommen wurde und mit welchen Problemen wir zu tun haben. Aber natürlich setzen wir uns nicht einfach hin und fangen an, über Sachthemen zu reden – etwa dass der Strom wieder ausgefallen ist. Das macht man nicht. Vielmehr bahnt sich langsam eine persönliche Beziehung an. Man kann nicht übers Geschäft reden, wenn es nicht auch eine persönliche Note gibt.

Was sind denn die persönlichen Fragen, die Sie ansprechen?
Wie Sie wissen, bin ich in jüngster Zeit durch einige persönliche Tragödien gegangen. Und dieser Mann hat Mitgefühl gezeigt. Da war mir klar, dass es einen menschlichen Faktor gibt.

Sie hatten den Eindruck, dass Mugabes Mitgefühl echt ist?
Absolut. Er war zweifellos bekümmert. Er pflegt mich nach meiner Familie, nach meinen Kindern zu fragen. Und ich frage ihn danach. Sie können jetzt nicht in aller Welt verkünden, dass ich und Robert Mugabe beste Freunde sind. Da würden sich die Leute fragen, ob ich noch ganz bei Trost sei. Aber die grossen Barrieren zwischen mir und Robert Mugabe verschwinden langsam, und Brücken werden gebaut. Darum geht es bei Versöhnung.

Hat Mugabe Sie manchmal überrascht?
Ja, als er Mitgefühl zeigte. Mein Problem mit ihm ist allerdings, dass er seine Fehler nicht sieht. Dieses Land ist durch eine sehr gewalttätige Zeit gegangen. Viele Menschen wurden getötet. Er ist Staatschef dieses Landes und will davon nichts gewusst haben. Das finde ich problematisch.

Haben Sie ihn jemals damit konfrontiert?
Ja. Aber er leugnet es einfach. Ich habe ihn mit Beweisen konfrontiert. Doch die nimmt er nicht zur Kenntnis. Er verdrängt, dass solche Sachen je passiert sind. Es gibt Leute, die versuchen, ihre Fehler zu entschuldigen, wenn sie mit ihnen konfrontiert werden. Mugabe streitet alles ab.

Weiss er vielleicht wirklich nicht, was in seinem Land vor sich geht?
Er hat die vollkommene Kontrolle. Man darf sich nicht täuschen lassen, wenn er so tut, als ob er von manchen Sachen nichts wüsste. Er mag alt und schwach sein, aber sein Kopf funktioniert noch immer ausgezeichnet.

Viele Zimbabwer sind der Überzeugung, dass der Verkehrsunfall, in den Sie im März verwickelt waren, und bei dem Ihre Frau ums Leben kam, kein Unfall, sondern ein Attentat war.
Das ist schade. Und wahrscheinlich ein Trugbild. Es gab in diesem Land tatsächlich Politiker, die unter sehr mysteriösen Bedingungen gestorben sind. Deshalb gehen die Leute davon aus, dass hinter jedem Unfall eines Politikers ein Hinterhalt steht. Doch dieses Urteil ist falsch.

Wie können Sie da so sicher sein?
Ich habe es bereits gesagt: Es war kein Hinterhalt. Die Wahrheit ist, dass es ein Unfall war.

Manche Leute im In- und Ausland wollen bei Ihnen die ersten Anzeichen der Anpassung an das süsse Leben der Machtausübung erkennen. Sie fürchten, dass Sie wie andere Oppositionelle zuvor von Mugabe vereinnahmt werden könnten.
Ich bin heute kein Oppositionsführer, kein Aktivist mehr. Ich bin der Regierungschef. Wenn ich ein Aktivist sein wollte, würde ich diesen Job hinwerfen, auf einen Berg steigen und von dort herunterbrüllen. Ich dagegen habe die Verantwortung, dass diese Regierung die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt. Das ist eine vollkommen andere Rolle. Ich verstehe auch die Annahme nicht, dass wir Regierende ein angenehmes Leben führten. Wir bringen Opfer. Wie kann man bei einem Monatsgehalt von 100 Dollar ein angenehmes Leben führen? Wo anders in der Welt bekommt ein Premier 100 Dollar? Die Vorstellung, dass man ein schönes Leben hat, weil man von einem Chauffeur herumgefahren wird, ist ein Trugschluss.

Was hat Ihre Regierung in den vergangenen sechs Monaten denn erreicht?
Der Prozess, der zu einer neuen Verfassung führen wird, hat begonnen. Er ist mit Problemen verbunden, denen wir uns aber stellen. Dann hat der nationale Heilungsprozess angefangen. Und schliesslich wurde der wirtschaftliche Niedergang aufgehalten, wir haben die Inflation beendet. Die Geschäftsleute sind zuversichtlicher geworden, die Produktion nimmt zu, es gibt Frieden im Land. Obwohl es zugegebenermassen noch zu einzelnen Gewalttaten kommt. Aber nicht im früheren Ausmass. Da konnten viele Parlamentarier nicht einmal zu Hause schlafen, weil sie Angst vor Übergriffen haben mussten.

Haben Sie den Eindruck, dass die Minister von Mugabes Zanu/PF-Partei und Ihre Leute von der MDC-Partei in der Regierung an einem Strang ziehen?
Daran gibt es keinen Zweifel. Wenn Sie einer Kabinettssitzung beiwohnten, würden Sie nicht mitbekommen, wer der Zanu/PF und wer der MDC angehört. Wir sind alle von der Erkenntnis geleitet, dass dieses Land am Boden liegt. Und dass wir es wieder hochziehen müssen. Wir unterscheiden uns vielleicht hinsichtlich der Form und der Geschwindigkeit. Doch was die Richtung angeht, da gibt es keine Differenzen.

Haben Sie nicht vollkommen unterschiedliche Absichten?
Wir sind dieser Koalitionsregierung beigetreten, weil wir realisiert haben, dass wir zwar die Wahlen, aber nicht die Macht gewinnen können. Wir brauchen diesen Übergangsprozess, um freie und faire Wahlen vorzubereiten. Robert Mugabe war ebenfalls in eine Sackgasse geraten. Wenn ein Staat nur noch 4 Millionen Dollar im Monat einnimmt, kann er nicht überleben. Mugabes einzige Möglichkeit war, mit der MDC zu verhandeln, um eine legitimierte Regierung bilden zu können und das Land aus dem wirtschaftlichen Chaos zu führen.

Haben Sie nicht den Eindruck, dass er Sie über den Tisch ziehen und lahmlegen will?
Wir sind alle Politiker. Das ist ein politisches Spiel, in das auch wir nicht mit verbundenen Augen gehen. Auch wir spielen in der ersten Liga. Man muss politisch manövrieren, wenn man vorwärtskommen will. Es handelt sich hier nicht um einen Wohlfahrtsverband.

Gibt es in der Zanu/PF-Partei von Mugabe nicht viele, die die Koalitionsregierung scheitern lassen wollen?
Wer von einem System profitiert, will es natürlich so lange wie möglich aufrechterhalten. Egal, wie wenig Unterstützung er schliesslich noch hat. Aber irgendwann müssen sie ja auch merken, dass sie wie eine Insel in einem Meer der Armut sind. Und das kann man natürlich nicht aufrechterhalten. Ich glaube, dass sie alle gemerkt haben, dass es so nicht weitergeht.

Sind Sie mit dem bisher Erreichten Ihrer Regierung zufrieden?
Die Geschwindigkeit ist nicht die, die ich mir wünschen würde. Aber es ist ein unumkehrbarer Prozess. Es wird nur noch besser werden.

Westliche Regierungen sehen das anders. Sie zögern mit ihrer Unterstützung, weil sie nicht sicher sind, ob der Prozess tatsächlich unumkehrbar ist. Ärgert Sie das?
Ich kann keinen zwingen, uns zu unterstützen. Wenn die warten wollen, bis bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, dann sollen sie halt warten. Als ich im Juni die westlichen Hauptstädte aufsuchte, habe ich den Regierungschefs klar gesagt: Ihr müsst den Fortschritt belohnen, der bereits erzielt worden ist. Es ist ausgeschlossen, dass es einen klaren Einschnitt geben wird, dass Mugabe und seine Partei plötzlich entmachtet und wir alle frei sind. So funktioniert das nicht in der wirklichen Welt.

Gefährdet das Zögern des Westens den Erfolg der Koalitionsregierung?
Ich weiss nicht genau, wann sie mit der Unterstützung anfangen wollen. Wenn die Sicherheitsgesetze weg sind? Oder wenn die Pressegesetze reformiert sind? Diese Regierung macht Fortschritte, ob sie dem Westen genügen oder nicht. Wir haben die Unterstützung der Bevölkerung; die Leute schöpfen Hoffnung. Wir gehen in die richtige Richtung: Das muss meiner Meinung nach belohnt werden.

Beten Sie manchmal dafür, dass dem alternden Präsidenten nichts zustösst, weil es sonst wieder zu Wirren kommen könnte?
Man kann einen Staat nicht mit einzelnen Personen führen. Individuen kommen und gehen. Ich räume aber ein, dass Mugabe in den vergangenen 30 Jahren eine sehr prominente Rolle gespielt hat. Und deshalb ist er in der derzeitigen Übergangszeit ein sehr wichtiger Stabilisator. Das akzeptieren wir.

Hat Mugabe Angst, dass man ihn nach dem Verlust der Macht vor Gericht stellt?
Ich glaube, seine Aufmerksamkeit gilt eher seinem Vermächtnis. Er fragt sich, welches Vermächtnis er zurücklässt. Wir wollen alle geliebt werden. Selbst wenn wir Dinge tun, die keine Liebe auslösen. Aber am Ende möchten wir, dass sich die Menschen wegen unserer guten und nicht wegen unserer schlechten Taten an uns erinnern.

Denken Sie darüber nach, Robert Mugabe vor Gericht zu stellen, wenn er mal nicht mehr Präsident ist?
Warum sollten wir uns diesem Kapitel wieder zuwenden? Wir wollen das Land einen. Wenn man sich mit seinem Gegner in einen Dialog begibt, ist das der erste Schritt zur Versöhnung. Wir sind nicht mehr in einer zornigen oder vorwurfsvollen Position. Warum sollte ich alte Wunden aufreissen, wenn ich nach freien und fairen Wahlen die volle Regierungsverantwortung übernommen habe? Dieses Land hat so viele dramatische Erfahrungen durchlebt, es gibt so viele Wunden. Wenn wir diese wieder aufreissen, wie weit zurück sollen wir gehen? Wir müssen die Geschichte als Tatsache akzeptieren und neue Wege gehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2009, 07:53 Uhr

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