«Saudiarabien hat seine Stärke überschätzt»

Eskaliert nun der Streit zwischen Saudiarabien und dem Iran? Was droht schlimmstenfalls? Dazu Nahost-Experte Ulrich Tilgner.

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Saudiarabien richtete am Samstag 47 Häftlinge hin, darunter war auch der schiitische Geistliche Nimr al-Nimr. In Teheran wurde die saudische Botschaft gestürmt. Riad brach gestern die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab. Bahrain, der saudische Tochterstaat, hat es heute ebenfalls getan. Sind das diplomatische Spiele?
Nein, es ist eine Machtprobe Saudiarabiens. Jetzt bleibt abzuwarten, wie gross der Einfluss des Iran auf andere Golfstaaten ist, eine Kettenreaktion zu verhindern. Ich kann mir vorstellen, dass die anderen Länder des Golf-Kooperationsrates diesen Schritt nicht machen und vorsichtig auf Distanz zu Saudiarabien gehen. Aber es braucht enorme Anstrengungen des Iran, die Beziehungen zu Kuwait, Oman, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten zu stabilisieren. Die Erstürmung der Botschaft war auch ein innenpolitisches Signal der Radikalen, das sich gegen den iranischen Staatspräsidenten Rohani richtet.

Wie wird der Iran die Beziehungen zu stabilisieren versuchen?
Der Iran wird einerseits versuchen, sich international als Schutz- und Führungsmacht der Schiiten zu positionieren. Andererseits wird der Iran vermeiden wollen, dass regionale Konflikte nun aufbrechen oder verstärkt werden. Teheran ist – wie in der Vergangenheit – daran interessiert, vernünftige Beziehungen zu den Nachbarstaaten zu unterhalten. So kann der Iran von dem Schritt Saudiarabiens sogar profitieren. Die Grundlinie der iranischen Politik wird darin bestehen zu versuchen, Saudiarabien zu isolieren.

Der Iran will die Situation also nicht eskalieren lassen, Ayatollah Khamenei sprach gestern von der «Rache Gottes», die Saudiarabien heimsuchen würde. Was meinte er damit?
Wenn man versucht, das zu interpretieren, bedeutet es: Nur einzelne Aktivisten sollen gegen Saudiarabien vorgehen. Eine massive Reaktion des iranischen Staates wird damit ausgeschlossen.

Wer sind diese Einzelnen, von denen Sie sprechen?
Das sind zum Beispiel Schiiten aus Bahrain oder die zwei Millionen Schiiten Saudiarabiens, die in den Ölgebieten leben. Es kann zu Sabotagen auf den Ölfeldern und Anschlägen kommen.

Die Beziehungen zwischen Saudiarabien und dem Iran sind ohnehin angespannt. Hat Riad bewusst Teheran provoziert, indem unter anderen Nimr exekutiert wurde?
Ich vermute, dass Saudiarabien seine eigene Stärke überschätzt hat. Meiner Ansicht nach handelt es sich um einen Fall von «Arroganz der Macht». Saudiarabien ist bemüht, sich von gewissen radikalislamischen Strömungen abzugrenzen. Es heisst, es seien Al-Qaida-Anhänger unter den Hingerichteten. Doch man muss aufpassen. Denn in Saudiarabien ist al-Qaida religiös staatsnah. Beim Islamischen Staat sieht das anders aus. Dessen Ideen richten sich gegen die saudische Monarchie. Ein weiteres Ziel des IS ist die Tötung von Hunderten Millionen Schiiten. Wenn nun Saudiarabien die gesamten radikalislamischen Kräfte gegen sich aufgebracht hätte, wären die Hinrichtungen kontraproduktiv. Es gilt abzuwarten, wie die einzelnen Strömungen reagieren.

Saudiarabien ist historisch gesehen ein enger Verbündeter der USA. Doch auch die Wogen zwischen dem Westen und dem Iran haben sich durch den Atomdeal geglättet. Wie sind die Ereignisse geopolitisch zu bewerten?
Saudiarabien ist einen Schritt zu weit gegangen. Riad wird sich weiter isolieren. Die Kritik an dem Königreich wird zunehmen, besonders nach den Hinrichtungen mit dem Schwert, die sich von den Exekutionen des IS nicht unterscheiden. Und das vorsichtige Abrücken der USA von Saudiarabien wird sich fortsetzen. Es ist eine saudische Selbstüberschätzung zu glauben, sich zur Führungsmacht der Sunniten aufschwingen zu können. Riad wird durch einige sunnitische Gruppierungen Unterstützung erfahren, aber nicht grundsätzlich bei den Sunniten. All das wird die saudische Politik langfristig stark belasten. Und das spielt dem Iran in die Hände. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.01.2016, 07:16 Uhr)

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Ulrich Tilgner ist Experte für den Nahen und Mittleren Osten. Er ist Journalist, langjähriger Korrespondent und Autor mehrerer Bücher.

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