Ausland
Schule oder Leben
Von Tobias Matern, Delhi. Aktualisiert am 27.08.2010 15 Kommentare
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Der Präsident stellte ihnen eine Frage, die wohl rhetorisch gemeint war: «Wenn Sie wählen müssten, ob Sie das Leben eines Mädchens retten oder ihm die Möglichkeit geben, zur Schule zu gehen, was würden Sie tun?», fragte Afghanistans Staatschef Hamid Karzai kürzlich zwei Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), die einen Termin bei ihm in Kabul hatten und den Satz so wiedergeben. Eine der beiden Besucher war Rachel Reid. «Zwischen diesen Möglichkeiten sollte es eigentlich noch eine ganze Reihe anderer Optionen geben», sagte die HRW-Angestellte dem «Tages-Anzeiger» am Donnerstag.
Taliban lassen sich Zeit
Der Westen sucht angesichts der massiven Verluste und rapide gesunkenen Zustimmung für den Krieg in Afghanistan nach schnellen Lösungen, um den Truppenabzug vom Hindukusch beginnen zu können. Mit den Taliban soll ein Frieden ausgehandelt werden, Details bleiben aber unklar. Politiker und auch die afghanische Regierung betonen zwar immer wieder, dies müsse auf Grundlage der afghanischen Verfassung geschehen, vor allem Frauenrechte sollten nicht ausgehöhlt werden, Mädchen müssten weiter zur Schule gehen dürfen.
Die Taliban selbst lassen allerdings immer wieder durchblicken, dass sie noch keine Notwendigkeit für Gespräche über ein Ende des Konflikts sehen. Sie wähnen sich im Vorteil. Während des Talibanregimes bis zum Jahr 2001 blieb Mädchen jeder öffentliche Zugang zu Bildung verwehrt. Menschenrechtsorganisationen warnen davor, dass ein Rückfall in die Verhältnisse vor dem Einmarsch des Westens drohe. Eine der grössten Gefahren für den Fortschritt von Rechten für Frauen und Mädchen sei inzwischen «die Ungeduld der internationalen Gemeinschaft», zügig aus Afghanistan herauszukommen und sich dafür auf Kompromisse mit den Islamisten einzulassen, sagte Reid.
Anschläge auf Bildungseinrichtungen
Welchen Gefahren Mädchen bereits jetzt ausgesetzt sind, wenn sie in die Schule gehen, zeigen unter anderem mutmassliche Angriffe gegen Bildungseinrichtungen. Am Mittwoch hätten mehr als 50 Schülerinnen und Lehrerinnen einer Schule in Kabul in einem Krankenhaus behandelt werden müssen, berichtete der Nachrichtensender al-Jazeera. Sie hätten über Übelkeit und Schwindelgefühle geklagt. Ganz offenbar sei in der Schule Gas versprüht worden, sagte ein Arzt.
Niemand wurde lebensbedrohlich verletzt, nach ein paar Stunden konnten die meisten Mädchen das Krankenhaus wieder verlassen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP ist es bereits der fünfte derartige Vorfall in einer Mädchenschule in Kabul in diesem Jahr und der elfte Fall landesweit. Aber auch am Donnerstag gab es noch keine Klarheit über den Angriff vom Tag zuvor.
Gegner der Frauenbildung
Ein Beamter des Bildungsministeriums machte zwar «die Gegner der Frauenbildung» für die mutmassliche Attacke verantwortlich – hielt sich aber mit genauen Beschuldigungen zurück. Der Mitarbeiter einer internationalen Nichtregierungsorganisation sagte, die Bedrohung gegen Mädchenschulen in Afghanistan sei überaus real, in manchen Fällen könne aber auch «eine gewisse Hysterie» der Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen werden. Der Verdacht fällt bei solchen Fällen schnell auf die Taliban, die sich zu der Tat in Kabul bislang nicht bekannt haben. Der Vorfall werde noch untersucht, hiess es vonseiten der Regierung.
Fest steht: Das Recht auf Bildung für Mädchen ist weiterhin im Visier islamistischer Gruppen in Afghanistan – auch fast zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban. Human Rights Watch hat in einem neuen Bericht etliche Fälle dokumentiert, in denen Lehrerinnen Drohbriefe erhalten haben. «Wir warnen dich: Gib deinen Job so bald wie möglich auf, sonst schneiden wir deinen Kindern die Köpfe ab und zünden deine Tochter an», heisst es etwa in einem Schreiben an eine Frau im Süden Afghanistans, aus dem in der Studie «Der Zehn-Dollar-Talib und Frauenrechte» zitiert wird. An Mädchen gerichtet ist darin die Drohung nachzulesen, nicht bei Radiosendern anzurufen, um sich Musikstücke zu wünschen.
Mangelhafte Sicherheitslage im Land
Ein ähnlich eindeutiges Bild zeichnet auch die Unabhängige Afghanische Menschenrechtskommission in einem vor einigen Monaten veröffentlichten Bericht: Vor allem in abgelegenen Gegenden Afghanistans sei die Zerstörung von Mädchenschulen noch immer verbreitet. Und die mangelhafte Sicherheitslage im Land führe dazu, dass 60 Prozent der Mädchen im schulfähigen Alter nicht in die Schule gehen könnten. Dies sei keineswegs eine alte, sondern eine weiterhin aktuelle Zahl, bestätigte ein Mitarbeiter der Kommission am Donnerstag. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.08.2010, 07:45 Uhr
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15 Kommentare
warum mit dem kopf durch die wand --- warum glauben wir, den einzigen richtigen weg zu kennen --- wie lange dauerte es bis wir im westen so weit waren wie heute. --- die ganze problematik ist eine sache der inneren reife und DIE muss wachsen --- trotz computer sind noch viele "dieser völker" im 17. jh. --- im grunde stecken doch nur wirtschaftliche interessen hinter unseren interventionen. Antworten
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