Schweizer Hilfswerke klagen Glencore an

Der Rohstoffkonzern aus Baar kaufe Kupfer- und Kobalterze, die im Kongo unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut würden, schreiben Fastenopfer und Brot für alle. Glencore widerspricht.

Schwere Last, die vielleicht wertlos ist: Ein Freischürfer trägt Säcke mit Steinen aus einer offenen Mine bei Lubumbashi. Enthalten die Steine zu wenig Kobalt oder Kupfer, erhält der Mann keinen Lohn.

Schwere Last, die vielleicht wertlos ist: Ein Freischürfer trägt Säcke mit Steinen aus einer offenen Mine bei Lubumbashi. Enthalten die Steine zu wenig Kobalt oder Kupfer, erhält der Mann keinen Lohn. Bild: David Lewis/Reuters

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Die Demokratische Republik Kongo liegt auf dem 187. Platz des UNO-Entwicklungsindexes von 187 untersuchten Staaten, 80 Prozent der Kongolesen müssen mit 25 Rappen pro Tag auskommen. Gleichzeitig verfügt das Land über enorme Rohstoffvorkommen. Fast 40 Prozent des weltweit abgebauten Kobalts stammen aus dem Kongo, der ausserdem über 10 Prozent der Kupferreserven verfügt.

Im offenen Steinbruch Tilwezembe, 30 Kilometer von der Bergbaustadt Kolwezi entfernt, finden sich beide Metalle. Die Lizenz zur Ausbeutung des etwa 7,5 Quadratkilometer grossen Geländes in der Provinz Katanga hat die Kamoto Copper Company (KCC), die zu Glencore gehört. Glencore ist mit 186 Milliarden Dollar Jahresumsatz (2011) das mit Abstand grösste Schweizer Unternehmen mit Hauptsitz in Baar.

Rohstoffe werden unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut

In der Dokumentation zum Börsengang von 2011 hat Glencore die Mine von Tilwezembe als «schlafend» bezeichnet. Das bedeutet, dass sie derzeit nicht ausgebeutet werde. Das stimme nur bedingt, heisst es nun in einem Bericht von Fastenopfer und Brot für alle, der heute veröffentlicht wird und dem «Tages-Anzeiger» vorliegt. Der Report der beiden kirchlichen Schweizer Hilfswerke setzt sich mit der Geschäftstätigkeit von Glencore in der Demokratischen Republik Kongo auseinander.

Demnach wird Tilwezembe tatsächlich nicht industriell ausgebeutet. Dafür graben angeblich 1600 Freischürfer von Hand nach Kupfer und Kobalt. Und diese Mineralien würden mindestens zum Teil via zwei Zwischenhändler trotzdem bei Glencore landen, schreiben die beiden Hilfswerke in ihrem Bericht. Dies sei problematisch, da die Rohstoffe unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut würden.

Misa Mining hat sich das Monopol auf Kauf und Weiterverkauf der Erze gesichert

Im Bericht wird Glencore «mangelnde Sorgfalt bei der Einhaltung der Menschenrechte» vorgeworfen, da die Kleinschürfer von Tilwezembe bei ihrer Arbeit das Leben riskieren. Meistens würden sie ungesichert in die bis zu 80 Meter tiefen engen Schächte hinabsteigen, deren Seitenwände nicht abgestützt sind. Die Autorin des Reports, die Bergbau-Expertin von Brot für alle, Chantal Peyer, berichtet von «desaströsen Verhältnissen», von der fehlenden Wasserversorgung und von Unfällen, die oft tödlich enden.

Trotz dieser Risiken ist der Gewinn nicht garantiert: Die Kleinschürfer seien gezwungen, die abgebauten Erze einer libanesischen Firma namens Misa Mining abzugeben, die mit der Billigung des Minenministeriums der Provinz Katanga den Steinbruch von Tilwezembe kontrolliert und verwaltet, schreibt Peyer, die vor Ort recherchiert hat. Dabei habe sich Misa Mining das Monopol auf Kauf und Weiterverkauf der Erze gesichert.

Wenn der Metallgehalt zu gering ist, geht der Schürfer leer aus

Die Kleinschürfer sind also auf Gedeih und Verderb von diesem ersten Zwischenhändler abhängig, was Misa Mining gemäss dem Report schamlos ausnützt: Der Metallgehalt der abgegebenen Erze werde systematisch zu tief eingeschätzt, und die verwendeten Waagen seien manipuliert. Anders ausgedrückt: Bringt ein Kleinschürfer 100 Kilogramm Erz, erhält er dafür den baren Gegenwert für nur 73 Kilogramm. Dazu kommt, dass die Kleinschürfer mit kongolesischen Francs bezahlt werden, jedoch zu einem 20 Prozent zu tiefen Wechselkurs für den Dollar, der globalen Leitwährung für Mineralien. Im Schnitt bleiben einem Kleinschürfer etwa 200 Dollar pro Monat, mit denen er in aller Regel eine Grossfamilie durchbringen muss.

Wer das Pech hat, Steine anzuschleppen, deren Metallgehalt geringer ist als von Misa Mining verlangt, geht sogar leer aus. Die Ausbeute werde jedoch trotzdem konfisziert, berichten Fastenopfer und Brot für alle. Wer es daher wagt, Erze vom Steinbruch zu schmuggeln und einem anderen Interessenten anzubieten, riskiert Misshandlungen oder gar den Tod. Mehrere private Sicherheitsdienste überwachen die Schürfer.

103'000 Tonnen Kupfer stammt aus Minen, die nicht Glencore gehören

Misa Mining veräussert die erstandenen Erze weiter an eine andere libanesische Firma, die Groupe Bazano. Auch hier gibt es keine Konkurrenz, Bazano habe sich die Erträge aus dem Steinbruch Tilwezembe vertraglich gesichert, heisst es im Report. 2002 mit Sitz in Lubumbashi gegründet, kaufe die erfolgreiche Groupe Bazano generell die von Kleinschürfern gewonnenen Mineralien zusammen. Im Kongo ein lukratives Geschäft: Geschätzte 70 bis 90 Prozent der Bodenschätze, welche das Land exportiert, werden angeblich nach wie vor handwerklich und nicht industriell abgebaut. (Weltweit sind es nur 15 Prozent.) Die Ware aus Tilwezembe werde nach Likasi verfrachtet, wo Bazano als zweiter Zwischenhändler eine Niederlassung unterhält, und von dort exportiert, wie sich ein Sprecher des Unternehmens von Fastenopfer und Brot für alle zitieren lässt.

Und zwar ins Nachbarland Sambia. In Mufulira, nur wenige Kilometer jenseits der Grenze, würden die Erze aus Tilwezembe in der Kupferfabrik Mopani raffiniert, heisst es weiter. Mopani gehört zu 73 Prozent Glencore und produzierte im vergangenen Jahr 204'000 Tonnen Kupfer. Gemäss dem aktuellen Jahresbericht der Baarer Rohstofffirma stammen 103'000 Tonnen davon aus Minen, die nicht Glencore, sondern Dritten gehören. Autorin Peyer betonte gegenüber dem «Tages-Anzeiger», ihr hätten in Tilwezembe mehrere Augenzeugen – Kongolesen wie auch Europäer – bestätigt, dass die Erze nach Sambia abtransportiert werden, entweder direkt oder via das erwähnte Zwischenlager von Bazano in Likasi, das am Weg liegt.

Glencore bestreitet Vorwürfe

Die Lausanner Politikwissenschaftlerin nennt weitere Quellen für ihren Befund, darunter Lastwagenchauffeure, die die Rohware nach Sambia bringen, sowie einen hochrangigen Informanten in der lokalen Minenindustrie. Ausserdem verweist sie auf Frachtpapiere, die belegten, dass die Erze von Tilwezembe an Mopani geliefert werden. Peyers Fazit: «Glencore kauft die Erze von Tilwezembe und vermarktet damit weltweit Rohstoffe, die unter besorgniserregenden Bedingungen von Hand abgebaut werden, unter anderem sogar von Kindern und Jugendlichen.»

Glencore widerspricht. Mopani kaufe im Kongo nur industriell abgebaute Mineralien von Mutanda Mining und Katanga Mining Limited, sagt Sprecher Simon Buerk auf Anfrage. Die beiden Firmen gehören ebenfalls zu Glencore. «Zudem haben wir ein ausgeklügeltes System, womit wir sicherstellen, dass die Erze, die wir kaufen und verarbeiten, nicht von Freischürfern stammen», führt Buerk aus. Das Material werde kontrolliert und in Säcke von je einer Tonne abgefüllt; jeder Sack werde nummeriert, versiegelt und dann nach Sambia zu Mopani transportiert, wo wiederum jede Ladung mit den via Computer übermittelten Angaben verglichen werde. «Damit haben wir alles Mögliche getan, um sicherzustellen, dass die Ware integer ist und nicht von Tilwezembe stammt.»

Tilwezembe wurde gestürmt

Buerk betont zudem: «Glencore und die Tochterfirma KCC sind in keiner Weise in die Aktivitäten in Tilwezembe involviert.» Mitte des Jahres 2010 hätten Tausende Freischürfer das Gelände gestürmt. Man habe vergeblich versucht, das Gelände räumen zu lassen, da ja eigentlich KCC die Lizenz für dessen Ausbeutung hätte. «Nun bauen die Freischürfer die Erze ab, und das ist zu unserem wirtschaftlichen Nachteil», sagt der Glencore-Sprecher weiter. Ausserdem sei man besorgt, weil der handwerkliche Bergbau gefährlich sei und zu Umweltproblemen führe.

Für Peyer deutet dennoch viel darauf hin, dass Glencore via Groupe Bazano Rohmaterial von den Freischürfern in Tilwezembe erwirbt, zumal der libanesische Zwischenhändler und Glencore «enge Geschäftspartner» seien, die auch bei der Ausbeutung der nahen Mine Mutanda zusammenarbeiten. Dabei sei die von Glencore erworbene Menge auch «geschäftlich relevant». Denn obwohl der genaue Umfang nicht bekannt sei, stehe fest: «Es sind nicht nur ein oder zwei Lastwagen, die gelegentlich von Tilwezembe nach Sambia fahren.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.04.2012, 17:19 Uhr)

(Bild: TA-Grafik str)

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