Vergewaltigen ist in Südafrika ein Volkssport

Mehr als ein Viertel von allen erwachsenen Südafrikanern haben schon einmal eine Frau vergewaltigt, zeigt eine Studie. Über die Gründe für die Gewalt gibt es verschiedene Meinungen.

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So also sieht ein Vergewaltiger aus. Dumisani Rebombo hat warme braune Augen und ein nettes rundes Gesicht: Eher wirkt der Mann wie ein gutmütiger Kumpel als ein brutaler Frauenfeind. Doch auch er gehöre zur atemberaubend hohen Zahl von Südafrikanern, die schon einmal eine Frau mit Gewalt zum Beischlaf gezwungen haben, räumt Rebombo unumwunden ein. «Es ist, als ob wir von irgendeiner geheimnisvollen Krankheit angesteckt worden sind», sagt der Mittdreissiger, der heute als Koordinator einer Nichtregierungsorganisation tätig ist.

Mehr als ein Viertel aller männlichen Erwachsenen Südafrikas – weit über zwei Millionen Menschen – haben schon einmal eine Frau vergewaltigt, so das Fazit einer kürzlich veröffentlichten Studie des renommierten Medizinischen Forschungsrates (MRC): Tag für Tag werden am Kap der Guten Hoffnung rund 150 Frauen missbraucht. Bei einem Viertel der Vergewaltiger bleibt es nicht beim einen Mal: Fast jeder Zehnte von ihnen hat in seinem Leben schon mehr als zehn Frauen geschändet. Südafrika zählt zu den Ländern mit der höchsten Vergewaltigungsrate der Welt.

Grotesker Männlichkeitswahn

Für manche ist es wie ein Sport. Ein Kapländer, der anonym bleiben will, berichtet, dass seine Clique am Wochenende eine Frau in einer Kneipe aufzuspüren sucht, die sie zu ein paar Drinks einladen. Unter Umständen mischen die «Kavaliere» auch noch ein Pülverchen in ihr Getränk. Später bringt einer der Männer die wehrlos gemachte Frau nach Hause, die andern folgen unauffällig. Hat der erste «Gentleman» seine ruhmlose Tat vollbracht, machen sich auch die andern Männer über das Opfer her, erzählt der 18-Jährige: Dass es sich dabei um den Straftatbestand der Gruppenvergewaltigung handelt, kommt den Tätern offenbar nicht einmal in den Sinn.

Auch Dumisani Rebombo war bei seinem Verbrechen nicht allein. Die Gruppe junger Männer, unter denen er sich damals bewegte, hätten einem Mädchen aus dem Dorf «eine Lektion erteilen» wollen: Sie galt als arrogant, weil sie glaubte, auf einen Partner verzichten zu können. Rebombo war der dritte von fünf Männern, die das Mädchen auf gewaltsame Weise eines Besseren belehren wollten. «Ich fühlte mich schon gleich nach der Tat schrecklich», sagt Rebombo heute: «Es war vor allem der Druck meiner damaligen Freunde, der mich zu diesem Unsinn trieb.»

Gehirnwäsche von klein auf

Schon von klein auf würden Südafrikaner mit «schädlichen Männlichkeits-Botschaften» konfrontiert, die ihnen eintrichterten, dass Männer «ein Recht auf Sex» und eine «beliebig grosse Zahl von Freundinnen» hätten, sagt Mogomotsi Mfalapitsa von der Gesundheitsorganisation Engender Health. Zudem würden alte afrikanische Traditionen missbraucht, indem junge Männer während der Initiationsriten dazu ermuntert würden, ihre «neuen Instrumente» auszuprobieren. Andererseits halte man Frauen mit dem Argument von einer Anzeige ab, Vergewaltigungen seien «Teil der afrikanischen Kultur». «Völliger Unsinn», sagt Mfalapitsa: Auch wenn viele afrikanischen Gesellschaften durch und durch patriarchalisch seien, rechtfertigten sie noch lange keinen erzwungenen Sex.

Rebombos Gewalttat hatte für diesen gar nichts mit Sex zu tun: «Ich war von dem Mädchen nicht wirklich angetörnt.» Bei der Vergewaltigung habe es sich vielmehr um eine Machtdemonstration gehandelt: «Wir wollten der Frau zeigen, wer das Sagen hat.» Studien hätten ergeben, dass in den meisten Fällen nicht sexuelle Befriedigung, sondern Lust an der Macht das Motiv für Vergewaltigung sei, will Rebombo wissen: Darauf seien auch die erschreckend häufigen Übergriffe auf lesbische Frauen zurückzuführen. Kürzlich wurde sogar eine Spielerin des südafrikanischen Fussballnationalteams vergewaltigt und getötet: «Corrective rape», korrigierende Vergewaltigung, heisst die brutale Praxis am Kap der Guten Hoffnung zynisch.

Die Lust an der Macht

Der Grund für solche Gewaltakte ist nach Auffassung Rebombos in der Geschichte des früheren Apartheidsstaats zu suchen. Von den weissen «Herrenmenschen» erniedrigt, liessen die schwarzen Südafrikaner ihren Frust an den in der Hierarchie noch tiefer stehenden schwarzen Frauen aus: «Auf diese Weise suchten die Männer ihr geschundenes Machtbewusstsein aufzupolieren.» Hinzugekommen sei die Brutalisierung der Gesellschaft durch das skrupellose Vorgehen der Sicherheitskräfte und die Zerstörung der Familienstrukturen durch das Wanderarbeitersystem der Apartheidsherrscher.

Tiny Moloko will von solchen Erklärungen allerdings nichts wissen. «Mir kommen solche Erläuterungen wie Ausflüchte vor», sagt die klinische Direktorin der Aktivistengruppe People Against Women Abuse. Ihrer Auffassung nach kann sich an den «katastrophalen Verhältnissen» nur etwas ändern, wenn Südafrikas Männer die volle Verantwortung für ihre Untaten übernähmen – wozu auch gehöre, dass Vergewaltiger häufiger als bisher den starken Arm des Gesetzes zu spüren bekommen. Bisher endet lediglich einer von 25 Fällen, die der Polizei zur Anzeige gebracht werden, mit einer Verurteilung.

Dumisani Rebombo wurde vom schlechten Gewissen geplagt. Jahre nach der Tat machte er sich auf die Suche nach der von ihm missbrauchten Frau, um ihr seine Reue auszudrücken. Als er sie schliesslich fand und um Vergebung bat, sagte sie ihm, dass sie nach dem Vorfall mit Rebombo und seiner Clique noch zwei weitere Male vergewaltigt worden sei – ihr Verhältnis zu Männern habe sich nie mehr normalisiert. «Eigentlich hatte ich erwartet, dass die Begegnung mit ihr eine Last von meinen Schultern nehmen würde», sagt Rebombo: «Stattdessen ist das Gewicht noch schwerer geworden.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.09.2009, 08:54 Uhr)

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