Ausland

«Viele sind in einem so erbärmlichen Zustand, dass jede Hilfe zu spät kommt»

Interview: Monica Fahmy. Aktualisiert am 18.07.2011 66 Kommentare

Täglich fliehen Tausende vor der Hungersnot in Somalia. Hunderte Kinder sind schon gestorben. Adrian Edwards vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR erzählt, wie desolat die Lage für die betroffenen Menschen ist.

1/16 Die Kleinen trifft der Hunger am stärksten: Ein Kind weint, während es in einem Feldlazarett in Dadaab, Kenia, gewogen wird. (25. Juli)
Bild: Keystone

   

Wenig Spenden für Hungersnot

Auf dem vor Wochenfrist eingerichteten Konto der Glückskette zugunsten der von der Hungersnot am Horn von Afrika betroffenen Menschen sind erst spärlich Spenden eingegangen. «Es gibt ein Ferienloch», sagt Alain Geiger, Leiter Projekte der Glückskette. Bislang trafen auf dem Konto erst etwa 100'000 Franken ein.

Dabei ist bereits der akute Bedarf riesig: Fast elf Millionen Menschen sind nach UNO-Angaben von der Hungerkatastrophe bedroht. Befürchtet wird laut Geiger, dass auch in dem eben erst gegründeten Staat Südsudan eine Hungersnot ausbrechen könnte. Die Dürre in Ostafrika gilt als die schlimmste der vergangenen 60 Jahre. (sda)

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Die Dürre am Horn von Afrika gilt als die schlimmste seit 60 Jahren. Herr Edwards, wie sieht es vor Ort aus?
Die Lage ist äusserst besorgniserregend. Täglich fliehen an die 3000 Menschen aus Somalia nach Kenia oder Äthiopien. Viele davon sind sehr geschwächt: Mütter mit Kindern, die tagelang gelaufen sind, Mütter, die Kinder verloren haben. Die meisten Menschen sind unterernährt. Alarmierend ist auch die hohe Sterblichkeitsrate bei den Neuankömmlingen.

Sie berichten von Müttern, die ihre Kinder verloren haben. Wie dramatisch ist die Lage im Bürgerkriegsland Somalia?
Kenia und Äthiopien sind ja auch von der Dürre betroffen, es sind jedoch noch keine Menschen gezwungen, aus Hunger das Land zu verlassen. In Somalia dagegen werden die Auswirkungen der Dürre durch den anhaltenden Konflikt und Schwierigkeiten, humanitäre Hilfe zu erhalten, verschärft. Die Nahrungsmittelpreise in Somalia sind drastisch gestiegen, sie haben sich in letzter Zeit vervierfacht. Viele Menschen haben zugewartet, bis ihre Ersparnisse und ihre Vorräte aufgebraucht waren. Erst dann haben sie sich auf den langen, beschwerlichen Weg nach Äthiopien oder Kenia gemacht. In Äthiopien ist jedes zweite Kind, das über die Grenze kommt, unterernährt. In Kenia ist es jedes vierte.

Wie gehen die Helfer vor Ort mit der Situation um?
Es ist eine traumatische Situation. Die Hilfsorganisationen tun alles, um den Menschen zu helfen, aber unsere Anstrengungen sind nicht genug. Mütter und Kinder, die in die Flüchtlingslager kommen, sehen schrecklich aus. Die grossen Augen stechen aus einem viel zu dünnen Gesichtchen hervor, sie sind bis auf die Knochen abgemagert, die Haut ist rissig und ausgetrocknet. Sobald sie ankommen, tun unsere Leute alles, um sie schnell mit Nahrungsmitteln und Medizin zu versorgen. Leider sind viele in einem so erbärmlichen Zustand, dass jede Hilfe zu spät kommt.

Wie viele Menschen sind betroffen?
In der ganzen Region sind es schätzungsweise 10 Millionen Menschen. In den letzten Wochen ist die Zahl der Flüchtlinge, die über die Grenze kommen, dramatisch gestiegen. In Kenia allein haben wir im Juli 15'000 Neuankömmlinge verzeichnet. Und all diese Leute brauchen dringend Hilfe.

Unter welchen Bedingungen leben die Menschen in den Flüchtlingscamps?
Sie bekommen täglich zu essen. Die Lager sind aber überfüllt. Oft sieht man fünf Familien auf dem Raum leben, der eigentlich für eine Familie gedacht wäre. Einige leben in Zelten, andere in Hütten aus Plastik und Holz. Wir müssen darauf achten, dass nicht plötzlich Seuchen ausbrechen. Unter dem Wetter haben die Menschen auch zu leiden. Es windet stark, es hat Staubstürme. Das Flüchtlingslager befindet sich in einer sehr ungastlichen Umgebung. Und die Menschen, die dorthin gelangen, sind kurz vor dem Verhungern, krank, geschwächt. Sie können sich vorstellen, wie schwierig es für sie sein muss.

Welche Hilfe benötigen Sie am dringendsten?
Es mangelt an allem – an Zelten, Wagen, Kommunikationsmitteln. Auch wenn es keine gute Zeit ist, um Regierungen um finanzielle Hilfe zu bitten. Wir brauchen sie dringend.

Die Dürre am Horn von Afrika hält seit zwei Jahren an. Von einer Hungersnot wird aber erst seit kurzem in den Medien berichtet. Warum?
Ich weiss es nicht. Wir und andere Hilfsorganisationen haben schon länger gewarnt, dass die Situation in Somalia eskalieren könnte. Leider hat die internationale Gemeinschaft keinen Mechanismus, um dies zu verhindern. Warum, werden wir herausfinden müssen. Kurzfristig geht es darum, den Menschen schnell zu helfen, mit dieser Katastrophe klarzukommen. Es ist schwer, internationale Hilfe für Afrika zu bekommen. Wir hoffen, dass es diesmal anders sein wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.07.2011, 14:25 Uhr

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66 Kommentare

Jean Roth

18.07.2011, 16:14 Uhr
Melden 53 Empfehlung

Wo ist die UMMA ? Was tut die afrik. Union gegen diese Not ? Die meisten Moslemländer sind nicht unbedingt arm, warum engagieren sich diese Regierungen nicht ? Saudis, Kuwait, Oman ,Iran, die Emirate, alle diese Länder sind reich, also sollen sie Somalia unterstützen. Warum werden die Europäer gefragt, die USA ? Wir sind keine "Glaubensbrüder". Die Moslems können jetzt brüderlich helfen. Antworten


Michael Bernhard

18.07.2011, 16:45 Uhr
Melden 52 Empfehlung

Was ich mich frage: Diese Länder sind nicht eben als üppige Spender von Nahrung und Wasser bekannt. Die Bevölkerungszahl von Somalia hat sich in den letzten 50 Jahren verdreifacht (3 auf 9 Mio.), von Kenia verfünffacht (8 auf 40 Mio.) und von Äthiopien vervierfacht (20 auf 40 Mio.). Die Frage, ob diese Bevölkerungsexplosion ursächlich für die heutige Not ist, muss gestellt werden dürfen. Antworten



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