War Ankara in den Giftgas-Angriff verwickelt?

Über 1000 Tote forderte der Giftgas-Einsatz in Syrien im August 2013. Schuld war das Assad-Regime – glaubte man bis jetzt. Nun schreibt US-Enthüllungsreporter Seymour Hersh eine ganz andere Version.

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Auf dem Tisch flackerten Kerzen, das Porzellan war vom Allerfeinsten. Gute Stimmung wollte dennoch nicht aufkommen: Die Gäste aus Ankara erregten sogar den Unwillen ihrer Washingtoner Gastgeber, als sie bei einem Arbeitsdinner im Weissen Haus am 16. Mai 2013 ein militärisches Eingreifen der Vereinigten Staaten im syrischen Bürgerkrieg verlangten.

Wiederholt schnitt Präsident Obama dem türkischen Geheimdienstchef Hakan Fidan, einem engen Vertrauten von Premier Recep Tayyip Erdogan, das Wort ab, worauf Erdogan zum Ärger des damaligen Sicherheitsberaters Tom Donilon mit dem Finger vor Obamas Gesicht herumfuchtelte. Das Assad-Regime habe die von Obama ausgerufene «rote Linie» längst überschritten, warum also greife Washington nicht ein, wollte Erdogan wissen.

Der Grund für das Washingtoner Zaudern war einfach genug: Sowohl die CIA als auch der Pentagon-Geheimdienst DIA hatten das Weisse Haus bereits 2012 eindringlich gewarnt, dass radikalislamistische und der al-Qaida nahestehende Gruppierungen bei Militäraktionen der syrischen Rebellen zusehends den Ton angaben. Es könne daher nicht ausgeschlossen werden, dass amerikanische Waffenlieferungen in die falschen Hände gerieten.

Aus dem Nachlass von Ghadhafi

Erdogan und seine Partner in Katar focht das freilich nicht an: Die Katarer flogen Bestände aus dem Nachlass Muammar Ghadhafis mit ihren riesigen Boeing-C-17-Frachtern aus Libyen in die Türkei, wo Erdogans Leute den Weitertransport nach Syrien besorgten. Sogar Luftabwehrraketen vom chinesischen Baumuster FN-6 fanden so ihren Weg zu Al-Qaida-Ablegern.

Drei Monate nach dem denkwürdigen Essen in Washington, bei dem neben Erdogan und seinem Aussenminister Ahmet Davutoglu auch US-Aussenminister John Kerry präsent war, ereignete sich nahe Damaskus ein Giftgasangriff, der Hunderte zivile Opfer forderte. Verantwortlich für das Verbrechen, so die nahezu einhellige Meinung in Washington und anderen westlichen Hauptstädten, sei das Assad-Regime gewesen.

Nun präsentiert der amerikanische Enthüllungsreporter Seymour Hersh in einem Beitrag in der «London Review of Books» einen anderen Schuldigen für das Massaker: Nicht Assad habe das Gas eingesetzt, sondern syrische Rebellen der radikalislamistischen Al-Nusra-Front. Und erhalten hätten sie den chemischen Kampfstoff vom türkischen Geheimdienst. Hersh berichtet unter Berufung auf Insider in Washington, schon im Herbst 2013 seien US-Dienste zur Überzeugung gelangt, die Regierung Erdogan sei in den Giftgaseinsatz verwickelt gewesen.

Türkische Schulterklopfer

Zwar wurden umgehend Zweifel an Hershs Darstellung geäussert, doch betreibt die Regierung Erdogan seit geraumer Zeit eine zwielichtige Politik im syrischen Bürgerkrieg und versuchte mehrmals, Washington in den Konflikt hineinzuziehen. Nach dem Giftgaseinsatz im August 2013 war es fast so weit: Der zaudernde Obama ordnete Pläne für einen Palette von Luftangriffen auf Einrichtungen der syrischen Armee an, ehe er einen Rückzieher machte und zuerst die Zustimmung des Kongresses einholen wollte.

Tatsächlich schöpfte die NSA die Kommunikation türkischer Stellen nach dem Anschlag im August ab – und hörte angeblich zu, als sich türkische Geheimdienstler gegenseitig auf die Schulter klopften und ihre Genugtuung bekundeten. Ganz im Sinne Erdogans hatte Obama nach dem Giftgasmassaker eine weit umfassendere US-Militäraktion geplant, als bisher bekannt war: Neben Marschflugkörpern sollten zwei Geschwader von B-52-Bombern «die militärischen Möglichkeiten von Assad vollkommen auslöschen», behauptete ein mit der Materie vertrauter Ex-Nachrichtendienstler gegenüber Hersh.

Dass Hersh womöglich auf der richtigen Spur ist, hatte sich schon Ende März angedeutet: Unbekannte fingen ein vertrauliches Gespräch zwischen Erdogans Aussenminister Davutoglu sowie Hakan Fikan, dem Chef des Geheimdienstes MIT, und mehreren hochrangigen Militärs ab und publizierten die Unterredung auf der Videoplattform Youtube. Die Runde erörterte, wie Ankara einen Vorwand für ein militärisches Eingreifen in Syrien erfinden könne – zum Beispiel durch einen vorgetäuschten «Raketenangriff auf die Türkei».

Obamas Rede vor der UNO

Nicht nur erklärte Erdogan umgehend, das veröffentlichte Gespräch seiner Vertrauten sei verfälscht worden. Der Premier liess überdies Youtube verbieten. US-Geheimdienste scheinen hingegen von der Echtheit der Äusserungen überzeugt: Sie widerspiegelten das Bemühen Erdogans, das Blatt im syrischen Bürgerkrieg zu wenden und einen sich abzeichnenden Sieg des Assad-Regimes zu verhindern. «Wir wissen jetzt, dass es sich um eine verdeckte Aktion handelte, durch die Obama in einen Krieg getrieben werden sollte», sagte ein US-Geheimdienstler über den Giftgaseinsatz nahe Damaskus zu Hersh. In Washington wolle jedoch niemand darüber reden.

Aus gutem Grund: Schliesslich hatte Präsident Obama höchstpersönlich in einer Rede vor den Vereinten Nationen im September 2013 erklärt, an der Täterschaft des Assad-Regimes zu zweifeln, sei «eine Beleidigung des menschlichen Verstands». Glaubt man Hersh, waren Obamas Dienste zu jener Zeit bereits voll dabei, den menschlichen Verstand zu beleidigen: Sie orteten die Verantwortlichen in Ankara und nicht in Damaskus. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.04.2014, 10:51 Uhr)

«Eine glatte Lüge»

Die Regierungen der Türkei und der USA haben einen Zeitungsbericht dementiert, wonach türkische Regierungsstellen in den tödlichen Giftgasangriff in Syrien vom August vergangenen Jahres verwickelt waren. Der türkische Regierungssprecher Bülent Arinc wies den Bericht als «glatte Lüge» zurück, wie türkische Zeitungen am Dienstag meldeten.

Auch das US-Aussenministerium erklärte, es gebe keinen Zweifel daran, dass der Giftgasangriff vom 21. August ein Werk der syrischen Regierungstruppen war. (AFP)

War die Türkei mit Regierungschef Erdogan in den Giftgasangriff in Syrien verwickelt, um die USA zum Eingreifen zu zwingen? (Bild: Reuters )

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