Warum Jemen seine Terroristen mit Samthandschuhen anfasst

Aktualisiert am 11.01.2010

Jemen bietet ausstiegswilligen Al-Qaida-Terroristen Gespräche an - bei hartem Durchgreifen droht der «Sturz des Regimes».

Angst vor zu viel Repression gegen Terroristen: Jemenitische Polizisten kontrollieren Personalausweise und suchen nach Waffen.

Angst vor zu viel Repression gegen Terroristen: Jemenitische Polizisten kontrollieren Personalausweise und suchen nach Waffen.
Bild: Keystone

Zu gross ist die Sorge, dass ein hartes Durchgreifen gegen das Terrornetzwerk nach hinten losgehen könnte. Extremismus und Antiamerikanismus sind weitverbreitet. Tausende Jemeniten sind kampferprobte Veteranen vergangener «Heiliger Kriege» in Afghanistan, Bosnien, Tschetschenien und dem Irak. Zwar halten die meisten heute Frieden, doch ihre Überzeugung hat sich nicht geändert.

«Jedes Vorgehen gegen al-Qaida wird zum Sturz des jemenitischen Regimes führen», warnte Ali Mohammed Omar, der 1990-1992 in Afghanistan gekämpft hat. Wenn die USA oder ihre Verbündeten sich direkt einmischten, «wird das ganze Volk al-Qaida werden. Statt 30 oder 40 Leuten werden es Millionen sein», sagte er der Nachrichtenagentur AP.

Der versuchte Anschlag auf ein US-Flugzeug soll vom Jemen aus geplant worden sein. Die Streitkräfte gehen in jüngster Zeit energischer gegen den örtlichen Al-Qaida-Zweig vor als seit Jahren. Die USA haben ihre Finanz- und Ausbildungshilfe für die Terrorabwehr aufgestockt und die Regierung in Sanaa für ihre neue Entschlossenheit gelobt.

Das jüngste Gesprächsangebot des Präsidenten Ali Abdullah Saleh an ausstiegsbereite Al-Qaida-Leute jedoch deutet darauf hin, dass er eben die Nachsicht walten lassen könnte, die Washington früher schon frustriert hat. So wurden Kämpfer freigelassen gegen das Versprechen, dem Terrorismus abzuschwören; einige brachen die Zusage und kehrten vermutlich zu al-Qaida zurück.

«Dialog ist der beste Weg»

«Dialog ist der beste Weg», sagte Saleh in einem am Wochenende ausgestrahlten Interview von Abu Dhabi TV, «selbst mit al-Qaida, wenn sie die Waffen niederlegen und wieder zur Vernunft kommen.» Gegen die Gewalttätigen werde weiter vorgegangen werden, doch: «Wir sind bereit, uns mit jedem zu verständigen, der Gewalt und Terrorismus abschwört.»

Gewalt allein bewirke nichts gegen das Terrornetzwerk, hatten Regierungsvertreter schon zuvor den versöhnlichen Ansatz verteidigt. Die krisengeschwächte Regierung hat ausserhalb der Region um die Hauptstadt wenig zu sagen; weite Teile des Landes werden von schwer bewaffneten Stämmen beherrscht. Die unzugänglichen Bergregionen gelten als Rückzugsraum für Al-Qaida-Kämpfer. Die Einheimischen unter ihnen können auf die Hilfe ihrer Familien rechnen, und sei es auch nur aus Stammesloyalität. Greift die Regierung gegen sie durch, riskiert sie den Zorn der Clans.

Zudem hat sie sich selbst mit islamistischen Hardlinern wie Abdul Majid al Sindani verbündet, einem prominenten Geistlichen, den die USA als Terroristen mit Verbindung zu al-Qaida einstufen. Die Regierung, die sich auf seine stillschweigende Unterstützung verlässt, weist den Verdacht zurück.

Schwierige Unterscheidung

«Im Jemen ist es schwierig zu trennen, wer Fundamentalist ist und wer al-Qaida. Das ist ein Spektrum», erklärte Ali Saif Hassan, der als Vermittler zwischen Regierung und Opposition fungiert. Anhänger einer extremistischen Gesinnung seien «überall, im Regierungsapparat, im Militär, unter den Stämmen und den Reichen».

Zudem hat sich die Regierung radikaler Islamisten bedient, um schiitische Aufständische im Norden und Separatisten im Süden zu bekämpfen. Nicht wenige glauben, dass sie diese zwei Brennpunkte für gefährlicher hält als al-Qaida. Der Veteran Omar führt in Aden eine Organisation, die gegen die Separatisten mobil macht. Während seiner Zeit in Afghanistan hat er nach eigenen Angaben zwei Mal in Peshawar in Pakistan den Terroristenchef Osama bin Laden getroffen und mit ihm über die Lage im Heimatland seiner Familie gesprochen. Bin Laden habe ihm gesagt, dass al-Qaida tausende von Waffen erworben habe, die die Regierung Südjemens bei der Vereinigung des Landes 1990 heimlich verkauft habe.

Nach Omars Schätzung leben im Jemen rund 20'000 Veteranen der Kriege in Afghanistan in den 80er und 90er Jahren und anderer Kämpfe wie in Tschetschenien und Bosnien. Eine kleinere Gruppe habe Kampferfahrung an neueren Fronten wie dem Irak. Sie und jüngere Generationen bildeten den Nährboden der Zustimmung zu al-Qaida, die sich zu tätiger Unterstützung wandeln könne. «Wenn die Regierung sie in einen Kampf hineinzieht, werden sie gegen die Regierung kämpfen.» (tan/ddp)

Erstellt: 11.01.2010, 15:15 Uhr

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