Warum sagt niemand: «Je suis Nigérian»?

Die Opfer von Paris bewegen die Öffentlichkeit – anders als die Opfer der nigerianischen Islamisten.

«In Afrika stirbt man einsam»: Eine Mutter mit dem Bild ihrer von Boko Haram entführten Tochter. Foto: AP, Keystone

«In Afrika stirbt man einsam»: Eine Mutter mit dem Bild ihrer von Boko Haram entführten Tochter. Foto: AP, Keystone

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Charlie Hebdo möchte dieser Tage jeder sein. Doch hat man schon irgendwo «Je suis Nigérian» oder «Je suis Nigériane» gehört? In Paris wurden in der vergangenen Woche 17 Menschen von extremistischen Islamisten umgebracht. Die Medien in aller Welt drohten von Berichten über die schaurige Tat zu bersten, zur Solidaritätskundgebung am Sonntag trafen unzählige Staats- oder Regierungschefs aus mehreren Erdteilen ein.

Im Norden Nigerias starben in derselben Woche mehrere Hundert – womöglich sogar über 2000 – Menschen im Kugelhagel oder in den Sprengstoffdetonationen extremistischer Islamisten. Erschreckende Gewalttaten, die in der Weltpresse höchstens am Rand Beachtung fanden. Wir mögen uns zwar im 21. Jahrhundert befinden, klagte ein südafrikanischer Kommentator bitter. Tatsache sei jedoch, dass afrikanische Leben noch immer weniger zählen würden.

Nun kann man einwenden, dass die Gewichtung aktueller Ereignisse immer subjektiv und wesentlich von geografischen Umständen beeinflusst ist. Ein Mord im Nachbarhaus interessiert mehr als ein Massaker im Nachbarkontinent – und dafür gibt es gute Gründe. Die Ermordete im Nachbarhaus war womöglich meine Tante, und der Mörder könnte, sollte er noch auf freiem Fuss sein, auch mir gefährlich werden. Dagegen erscheinen die Massenmörder auf dem Nachbarkontinent fern und irrelevant. Doch das ist ein Trugschluss.

Wenn der islamistische Terror der vergangenen Jahre etwas gezeigt hat, dann dies: Er kennt keine Grenzen. Er findet seine Opfer mitten in New York, London oder Paris, während die Drahtzieher in Afghanistan, Jemen oder Somalia Unterschlupf finden. Der gegen den Westen gerichtete Eifer radikaler Islamisten wurde im Irak, in Pakistan, im Gazastreifen, in Ägypten oder eben im Nordosten Nigerias gesät. Seine Früchte explodieren in englischen U-Bahnen, amerikanischen Linienflugzeugen oder französischen Redaktionen.

«In Afrika stirbt man einsam», schreibt Wonder Guchu, Chefredaktor der Zeitung «The Namibian»: Es müssen schon ganze Städte oder Landstriche ausgemerzt werden, damit afrikanische Opfer wahrgenommen werden. In Europa sieht man den Nachbarkontinent noch immer wie vor hundert oder zweihundert Jahren: als exotischen Hinterhof, als «Herz der Finsternis», wo selbst im 21. Jahrhundert noch das Mittelalter herrscht.

Man glaubt den Erdteil links liegen lassen, höchstens als Rohstofflieferanten oder Objekt philanthropischer Gefühle ernst nehmen zu können. Dass die Welt für eine derartige Vernachlässigung bereits viel zu vernetzt ist, nehmen Europas Politiker nicht wahr – auf ihr eigenes Risiko hin. Ein Schweizer Bürgermeister, dem die Massaker im Norden Nigerias gestohlen bleiben können, steckt mit dem Kopf im Maulwurfshügel.

Stumme Machthaber

Und noch etwas fällt auf. Die nigerianischen Blutbäder der vergangenen Woche fanden nicht nur in Europa wenig Niederschlag: Selbst in Nigeria und auch sonst in Afrika wurde darüber nur am Rande berichtet. Nigerias Staatschef Goodluck Jonathan drückte der Pariser Regierung sein Mitleid aus – die Opfer im eigenen Land erwähnte er nicht. Und seine Finanzministerin tweetete: «Wir sind eins mit Frankreichs Trauer #JeSuisCharlie» – der Twitter-Hashtag #JeSuisNigériane fiel auch ihr nicht ein. Schon immer haben sich Afrikas Machthaber eher mit Europa als mit der eigenen Bevölkerung identifiziert: Sie gehen nach Paris zum Einkaufen, zum Arzt nach Mainz und zur Bank in Zürich.

Unter den marschierenden Präsidenten in Paris fanden sich am Sonntag auch zwei Vertreter aus Afrika – darunter Ali Bongo Ondimba aus Gabun, der zu Hause die Presse unterdrückt, während er sich auf dem Platz der Republik für die Meinungsfreiheit starkmacht. Das sei eben Afrika, höhnt Chefredaktor Guchu: «Der einzige Kontinent, auf dem sich die Staatenlenker über Lappalien die Köpfe einschlagen. Und wenn man sie braucht, dann ducken sie sich.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.01.2015, 23:36 Uhr)

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