Wenn Piraten zu sehr protzen
Aktualisiert am 09.12.2009 11 Kommentare
Geschäftsrisiko: Diese mutmasslichen somalischen Piraten wurden nicht schnell reich. (Bild: Keystone)
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Bossasso im Norden von Somalia
Ein Grundstück, das vor zwei Jahren noch für 12'000 Dollar wegging, kostet jetzt über 20'000 Dollar. Ein ordentliches Paar Herrenschuhe hat sich von 20 auf 50 Dollar verteuert. Alles wegen der Piraten. Die Millionensummen an Lösegeld haben das Leben im Küstenort Bossaso im Norden Somalias verändert, die Preise hochgetrieben und die Einwohnerschaft in Seeräuber und Habenichtse gespalten.
Normalbürgern und Geistlichen der muslimischen Gemeinde ist der protzige Lebensstil der Piraten mit grossen Häusern, schnellen Autos und leicht verfügbaren Drogen ein Dorn im Auge. «Der Konsum von Drogen wie Cannabis, der Genuss von Alkohol, Sex und anderes anstössiges Betragen ist bei den Piraten jetzt üblich und führt zu Problemen in der Gesellschaft», sagt Scheich Ahmed, Führungsmitglied der Moscheegemeinde im Ort Galkyao. «Das ist es, was uns Sorgen macht – viel mehr als die Gefahr, die sie für die ausländischen Schiffe und Besatzungen darstellen.»
Sehr erfolgreiche Beutezüge
Erst im vorigen Monat sollen Piraten 3,3 Millionen Dollar Lösegeld für die 36 Besatzungsmitglieder eines spanischen Schiffs kassiert haben, die über sechs Wochen lang gefangengehalten wurden. Die Einzelnen können mit Zehntausenden aus der Beute rechnen: enorme Summen, die in Form von Geschenken, Darlehen und Zahlungen an Familie, Freunde und Geschäfte in den Heimatorten in Umlauf kommen. Noch mehr steht zu erwarten: Nach Angaben der EU-Marineoperation vor Somalia halten Piraten derzeit elf gekaperte Schiffe mit 264 Besatzungsmitgliedern in ihrer Gewalt. Und mit dem Ende der Regenzeit dürften die Überfälle auch wieder zunehmen.
«Irre viel Geld im Umlauf»
«Hier ist irre viel Geld im Umlauf, und jedermann ist direkt oder indirekt betroffen», stellt der Hotelbesitzer Hadschi Said fest. Hotels, Geschäfte und Baustellen säumen die einzige befestigte Strasse durch Bossaso, aus dicken Geländewagen und Luxuskarossen aus Asien dröhnt laute Musik. Kleidung, Schuhe und Kosmetika würden immer teurer, erklärt der Geschäftsmann Anschur Kamil. Piraten müssen nicht einmal sofort bezahlen, wie Dorfbewohner berichten: Wer Geiseln festhält und noch nicht für sie kassiert hat, kann anschreiben lassen und dann mit Preisaufschlag die Rechnung begleichen, wenn das Lösegeld da ist.
Die Seeräuber zahlten in Dollar und machten sich nicht die Mühe, über Preise zu handeln, berichtet die Ladenbesitzerin Chadra Abdullahi. «Manchmal lassen sie sich nicht einmal Wechselgeld herausgeben. Das zeigt, dass Geld für sie keine Rolle spielt.» Wenn Normalbürger einen Kosmetikartikel zu teuer fänden, erklärten sie: «Wir sind doch keine Piraten.»
Je näher an die Piratennester man kommt, desto höher die Preise. In der nahen Stadt Eyl kostet eine Tasse Tee drei Mal so viel wie in Bossaso. In Eyl zahlten Piraten auch fünf Dollar fürs Schuheputzen im Vergleich zu 50 Cent in Bossaso, weiss der Ladeninhaber Haschim Salad zu berichten.
Hausbesitzer mit 19 Jahren
Vor drei Jahren noch lebte der Teenager Adani in Bossaso auf der Strasse. Heute ist er Pirat und mit 19 Jahren schon Besitzer eines grossen Hauses und eines Lastwagens. Er habe an zwei Überfällen teilgenommen, 75'000 Dollar damit verdient, und wolle nun noch bei einem Beutezug mitmachen, erzählt er. «Wenn du nichts hast, verachten dich die Leute. Aber wenn sie sehen, dass du Geld hast, respektiert man dich», sagt Adani, «dieser nächste Job wird mein letzter in der Piratenbranche sein. Ich weiss, dass ein Risiko dabei ist, aber ich bin ein Spieler. Wenn ich gewinne, dann heirate ich und gebe die Seeräuberei auf.»
Das durchschnittliche Lösegeld hat sich nach Angaben des Piraterieexperten Roger Middleton vom Londoner Think-Tank Chatham House von etwa einer Million Dollar vergangenes Jahr auf zwei Millionen in diesem Jahr verdoppelt. In den letzten zwei Jahren seien schätzungsweise über 100 Millionen Dollar an Piraten gezahlt worden. «Ich bin sicher, dass es Unmut über das Verhalten der Piraten und ihren Lebensstil gibt. Der ist nicht traditionell oder rechtschaffen», meint Middleton. Das Fussvolk unter den Seeräubern verdiene keine Millionen, aber doch einige Zehntausend im Jahr. Das grosse Geld lande bei den Bossen, die es wahrscheinlich im Ausland ausgäben oder investierten.
Rasch eine Ehefrau kaufen
Die Geistlichen und Honoratioren in den Dörfern billigen die Lebensweise der Piraten überhaupt nicht. Jugendliche drohten ihren Eltern damit, Seeräuber zu werden, wenn sie ihren Willen nicht bekämen, klagt der Dorfälteste Suldan Mohammed Au-nur. Auch bei Hochzeiten zeigt sich, wer die Taschen voller Geld hat. Hunderte Autos begleiten das Brautpaar zum Hochzeitsempfang, das Haus ist vollgestopft mit teurem Mobiliar und die Braut mit schwerem Goldschmuck behängt, wie die Besitzerin eines Schönheitssalons berichtet. Die Familie der Braut bekomme Tausende Dollar Brautgeld. «Piraten verschwenden keine Zeit damit, einer Frau den Hof zu machen, sondern zahlen eine Menge Geld. Das haben sie bei mehreren Mädchen gemacht, die ich kenne.» (raa/ap)
Erstellt: 09.12.2009, 14:13 Uhr
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11 Kommentare
Zuerst verarmen die Fischer, weil wir Ihre Fischgründe plündern. Dann plündern die Fischer als Piraten unsere Schiffe und jetzt verursacht das Lösegeld der ehemals Armen eine Teuerung wie zu Boomzeiten, nur dass die Löhne der verbleibenden Armen sich nicht gleich entwickeln. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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